Weiblich und rosa?

Das Problem sind die Labels

Neulich fragte jemand, wann ich denn eigentlich angefangen hätte, alles scheiße zu finden, was mit Weiblichkeit zu tun hat. Da war ich ein wenig verdutzt. Wirke ich wirklich so?

Ich verstehe schon, wie man auf eine solche Idee kommt. Aber trotzdem – oder vielleicht gerade weil ich weiß, dass es nicht so ist – frage ich mich, wie man denn übersehen kann, dass das, was wir mit Weiblichkeit und Co. verbinden nur Labels sind.

Da keins dieser Labels auf mich zutrifft, könnte man meinen, ich hätte ein Problem mit Weiblichkeit. Dabei habe ich lediglich ein Problem mit den Labels. Ich dachte eigentlich, das wäre offensichtlich…

Das Königslabel ist hierbei sicher meine strikte Weigerung zur Reproduktion.

Dafür gibt es sehr viele Gründe, wovon der wichtigste sein mag, dass ich einfach keinen Bock auf Kinder habe.

Ich könnte hier ein jetzt ein Fass aufmachen, mache ich aber nicht.
Dennoch genießt jede Frau, die sich heutzutage entscheidet, kein Kind in die Welt zu setzen, mein vollstes Verständnis.

Da gibt es zum einen die beruflichen Nachteile. Und jeder, der jetzt sagt, das wäre heute kein Thema mehr, kann sofort wieder die Fresse halten und mal hier, hier und hier nachlesen. Das Thema ist leider in unserem herrlichen Land wieder hoch aktuell.

So ist zum Beispiel bekannt, dass Frauen, die Kinder großziehen, bis zu 750.000€ weniger in die Rentenkassen einzahlen als Männer und dass dadurch die Altersarmut bei Frauen erheblich höher ist.
Auch die Aufstiegschancen von Menschen, die in Mutterschutz und danach in Teilzeit sind, sind einfach nicht so gut wie die derjenigen, die ständig komplett zur Verfügung stehen.

Dazu kommt bei mir persönlich noch die Angst, vom Co-Erzeuger des potenziellen Nachwuchses sitzengelassen zu werden und dann allein erziehende Mutter zu sein, was so ziemlich der schlimmste Albtraum ist, den ich mir vorstellen kann. Mein Respekt gilt allen allein erziehenden Müttern (und natürlich auch den Vätern).

Kinderlos und glücklich?

Jetzt muss ich natürlich ehrlich sein und sagen, dass mich im Falle eines Kinderwunsches all diese Dinge sicher nicht vom Kinderkriegen abgehalten hätten.

Aber ich hab ihn halt nicht. Und ich bin damit gar nicht so allein, wie man denken könnte.
In diesem schönen Podcast zum Beispiel geht es um genau das Thema, genau wie in diesem Beitrag über ein Buch für Frauen, bei denen die biologische Uhr eben nicht tickt.

Aber aus irgendeinem Grund gilt es in weiten Kreisen als vollkommen unweiblich, wenn frau einfach keine Kinder möchte. Wenn ich an dieser Stelle meine Oma zitieren darf, ist es angeblich sogar unnatürlich.

Dabei ist es überhaupt nicht ungewöhnlich. Wir reden nur nicht drüber (dafür gibt es auch viele Gründe, von denen einer die Nazipropaganda der guten Mutter ist, die leider auch in unserer Generation noch am Start ist…) und denken deswegen, alle Frauen hätten automatisch einen Kinderwunsch. Wenn ein Mann keine Kinder will, ist das ja auch nicht unnatürlich. Fast könne man meinen, Frauen erlangten ihre Existenzberechtigung allein durch den Erhalt des Familienstammbaums. Am Arsch…

Es gibt eine extrem interessante Gesellschaftsstudie der israelischen Forscherin Orna Donath, in der Mütter anonym darüber berichten, dass sie es bereuen, Mutter geworden zu sein. Das hat unter dem Hashtag #regrettingmotherhood zu einer hitzigen Debatte im Netz geführt.

Warum?

Dieses Label, dass Mutter-sein die Erfüllung ist, die wir Frauen anzustreben haben, macht es uns nur noch schwerer, den eigenen eventuell nicht vorhandenen Kinderwunsch zu akzeptieren. Frau hält sich vielleicht für unnormal oder glaubt den Quatsch, dass man Kinder, hält man sie erst in den Armen, auf jeden Fall richtig geil finden wird. Da werden Kinder gezeugt, weil frau sich anpasst und dann kommt das große Unglücklichsein. Und man kann mal wieder mit niemandem drüber reden. Weil: Ist ja unnatürlich. Also tabu!

Seit ich denken kann, rechtfertige ich mich dafür, kinderlos sein zu wollen. Ständig erzählte man mir (ungefragt natürlich), dass sich das ändern wird, wenn ich erstmal älter werde und/ oder den „Richtigen“ finde.

Warum man mich für so unmündig hält, solch gravierende Lebensentscheidungen nicht selbst treffen zu können, ist mir allerdings nach wie vor ein Rätsel…

Weltrevolution oder Hausfrau?

Mutter sein ist aber nicht das einzige Label, das mir nicht anhaftet.

Ich habe ja auch „diesen Männerjob“.

Darüber wurde auf diesem Blog bereits großumfänglich berichtet. (Hier und hier)

Weder verspürte ich jemals den Wunsch danach, Hausfrau zu werden oder Kindergärtnerin, auch wollte ich noch nie eine Boutique eröffnen oder ein Nagelstudio.

Und natürlich, auch wenn ich mich bewusst politisch unkorrekt ausdrücke, möchte ich mit keinem Wort sagen, dass ich Veranstaltungstechnik für einen Männerjob halte oder Hausfrau und Boutique Besitzer für einen Frauenjob. Ich bediene mich lediglich jener Klischees, in die man versucht, mich zu zwingen.

Mein erster Berufswunsch war (bescheiden, wie ich bin) Anführerin der Weltrevolution im Sinne von Che Guevara. Neben Rockstar und dem Üblichen Kram kam dann später etwas konkreter Diplomatin und dann Veranstaltungstechnikerin. Ich weiß auch nicht, was da passiert ist…

Als ich in der Ausbildung zur Veranstaltungstechnikerin war, haben viele Menschen in meinem Umfeld geglaubt, ich hätte so eine Phase (wie mit der Weltrevolution).

Allerdings muss man meinem Umfeld zu Gute halten, dass man meine „Phasen“ immer sehr geduldig ertragen und auch relativ schnell akzeptiert hat, dass meine Berufswahl keine solche war.

An dieser Stelle danke schön!

Müssen Frauen bügeln?

Ich erinnere mich an eine Deutschstunde in der 8. Klasse, in der unser Deutschlehrer uns Mädels erzählte, dass wir die Nibelungensage lernen sollen, um später beim Bügeln und Radio hören zu wissen, worum es geht.

Damals bin ich dermaßen ausgeflippt, der Typ hat gar nicht gewusst, wie ihm geschieht.
Ich sah mich vor meinem geistigen Auge eher auf irgendeinem offiziellen Anlass als Diplomatin der Vereinten Nationen mit dem kongolesischen Botschafter über die Nibelungensage als Beispiel deutscher Kultur diskutieren als am Bügelbrett.

Und bis heute weigere ich mich strikt, irgendetwas zu bügeln. Allerdings weiß ich nicht, ob das mit dem Deutschlehrer zu tun hat oder eher auf meine generelle Faulheit zurückzuführen ist…

Ziemlich früh war ich schon nicht bereit, mir solche Labels aufdrücken zu lassen.

Von klein auf auf rosa gepolt

Ein ähnliches Drama ereignete sich zu meiner Konfirmation, zu der ich – 14 und schwerst pubertär – ein Kleid (!!!) tragen sollte.

Das stand völlig außer Frage. Völlig!

Es gab diesbezüglich eine familiäre Krisensitzung, weil das Kind komplett uneinsichtig war.

Schließlich bat ich um ein Gespräch mit der Pastorin, der ich erklärte, dass sie doch diejenige gewesen war, die uns erklärt hat, jeder Mensch sei vor Gott gleich und es deshalb unerheblich wäre, was ich trage. Sie (übrigens als Einzige) bestärkte mich in meinem Vorhaben, das Kleid zu verweigern.

Letztlich durfte ich eine Hose tragen.

Allerdings wurde die Tatsache, dass ich mit 14 schon wusste, was ich wollte und dafür eingestanden bin – durch alle Instanzen – nicht wirklich gewürdigt. Vielmehr kam beim Fest selbst eine Tante zu mir, um mir überflüssigerweise mitzuteilen, wie enttäuscht sie von meinem Outfit sei. Als würden wir Frauen von klein auf auf rosa gepolt.

Und ich hab Euch noch nicht von den Wutausbrüchen erzählt, die ich hatte,wenn ich rosa Geschenke bekam oder davon, wie meine erste und einzige Puppe behandelt wurde. Mach ich auch nicht.

Lieber Praktisch als schön

Ich war als Kind und Jugendliche total ungestüm. Ich wollte im Sand buddeln, Lagerfeuer machen, über Zäune klettern und Feuerball spielen.

Hat einer von Euch schon mal versucht, in einem Kleid vor einem wütenden Wachmann wegzurennen? Oder mit hohen Schuhen Feuerball zu spielen? Das geht einfach nicht.

Ich bin lieber praktisch als schön.

Deswegen würde ich nicht sagen, dass ich Kleider grundsätzlich scheiße finde (Ich hab sogar welche – aber psssst!); aber die meisten Dinge, die ich machen will, gehen in Kleidern einfach nicht und weil ich nie weiß wohin so ein Abend führt, bin ich einfach besser in Hose am Start. Und Gummistiefeln.

Ähnlich ist es mit Kosmetik. Wenn ich mir die Mühe mache, mich zu schminken, was extrem selten passiert, kann ich sicher sein, dass irgendwas juckt und ich mir selbstvergessen erst mal gründlich die Augen reibe, und dann wie ein Pandabär rumrenne.

Oder ich lackiere mir die Nägel und sitze mit wedelnden Händen da, langweile mich zu Tode, weil ich nix machen kann, verliere schließlich die Geduld und repariere doch (gaaanz vorsichtig) die Spülmaschine oder so, woraufhin meine Nägel (völlig überraschend) komplett ruiniert sind.

Das ist einfach ein totaler Schmerz im Arsch und deswegen versuche ich es gar nicht erst.

Frauenrechte für die Tonne

Das große Kapitel aber, warum ich mich weigere, in das rosa Raster gepresst zu werden, ist wahrscheinlich ein Politisches.

Hier mal ein paar Fakten:

Ich bin 1977 geboren.

Im selben Jahr wurde das Gesetz erst dahingehend geändert, dass Frauen ihren Ehemann nicht mehr um Erlaubnis fragen müssen, wenn sie arbeiten wollen. (Guckstu hier)

Doch es hat noch 7 lange Jahre gedauert, bis die Frauen in Liechtenstein wählen durften (!!!), also als ich schon schreiben und rechnen konnte. (Guckstu hier)

Die Vergewaltigung in der Ehe wurde in Deutschland erst 1997 strafbar, dem Jahr, in dem ich mein Abitur machte. (Guckstu besser nicht hier, ist einfach zu deprimierend)

Doch das sind ja nur die Äußerlichkeiten. Was in den Familien wirklich gelebt wurde, steht noch auf einem ganz anderen Blatt.

Oft sind es ja eher das Getratsche im Familien- und Bekanntenkreis, das man als Kind oder Jugendliche aufschnappt und abspeichert.

Die Empörung etwa über die Frau, die ihre Kinder einfach in einer KiTa abstellt (UN-VER-antwortlich!), um arbeiten zu gehen, oder noch schlimmer, die mitleidigen Blicke, wenn eine Frau ohne Partner auf einer Familienfeier auftaucht. Und das Getuschel über die eine bestimmte Tante, die keinen abgekriegt hat und nun als „altes Jungfer“ sterben wird.

Man braucht nicht meinen, dass ein Mädchen, das mit diesen gesellschaftlichen Werten groß wird, total verrückt danach ist, eine Frau zu werden…

Must not wind up old maid

Die mitleidigen Blicke sind am schlimmsten. Vor allem dann, wenn es überhaupt nichts zu bemitleiden gibt, weil ich gerade die Zeit meines Lebens habe.
Ich erlebe das oft. Nicht so sehr in der Stadt, aber je ländlicher es wird, desto ungewöhnlicher ist eine allein reisende und allein speisende Dame.

Letztens war ich auf einem Konzert in einem Schloss auf dem Land bei Weimar.
Im Schloss Restaurant hatte ich mir schön einen Tisch reserviert, um vorher noch was zu essen.

Ich geh also in das Restaurant, sage, ich hätte reserviert, die Kellnerin guckt in ihr Buch, beugt sich zu mir und flüstert (!!!) „für eine Person?“
Ich musste fast lachen. Ja, für einer Person. Sie litt offenbar ganz furchtbar für mich…

… denn sie kam alle 10 Minuten rum, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei.

Auch später, als ich (allein) bei dem Konzert war, wurde ich, sobald klar war, dass der Platz neben mir offenbar leer bleiben würde, sofort vom benachbarten Pärchen auf der anderen Seite höflich in ein Gespräch verwickelt.
Das ist alles super süß, Leute, aber wirklich nicht nötig. Es geht mir gut!

Ganz im Ernst! Das ist jetzt nicht so eine positive Affirmation, die ich mir ständig sage, um zu vergessen, dass ich allein bin. Allein sein ist nicht schlimm. Nicht man selbst zu sein, das ist schlimm.

Text zum Bild:

Charlotte: „You have to take risks so you don’t wind up old maid“

Carrie: „Oh! That’s right. Must not wind up old maid. How will I remember that? Does anybody have a pen?

Why do we get ‚old maid‘ and ’spinster‘ and men are ‚bachelors‘ and ‚playboys‘? No matter how shrivelled their dicks are.“

So viele Formen von Weiblichkeit wie Frauen

Damit geht es mir tatsächlich sogar deutlich besser, als wenn ich auch nur eins dieser Klischees erfüllen müsste; sei es Mutter, Hausfrau, Nagellackträgerin, Kindergärtnerin oder Kleidchenbekleidete.

Nichts davon ist auch nur annähernd interessant für mich.

Da gibt es auch überhaupt keine Diskussion.
Frauen sollen arbeiten, Hausfrau sein, sich selbst verwirklichen, auf Kinder verzichten oder Kinder bekommen, gerade wie sie Bock haben. Sie sollen selbst über ihren Körper bestimmen und das beinhaltet auch das Tragen von irgendwelchem rosa Rüschenfirlefanz. Wer da Bock drauf hat, soll das ruhig machen (Männer übrigens gerne auch…)

Aber hier kommt das, was mich von demjenigen unterscheidet, der meint, ich würde alles weibliche ablehnen.
Für mich hat das alles überhaupt nichts mit Weiblichkeit zu tun.

Weiblichkeit ist so ein massiv missbrauchtes Wort, so ein mit Fehlinterpretationen zugemüllter Begriff.
Meine spirituelle Lehrerin Chameli Adargh sagt dazu „There are as many forms of the feminine as there are women” Das trifft es meiner Meinung nach auf den Punkt!

Weiblichkeit für mich ganz persönlich hat zum Beispiel viel mehr mit Intuition, Kreativität, Verbundenheit zu Mutter Erde, einem Leben in Zyklen und dem Vertrauen in die eigene Erschaffenskraft zu tun als mit irgendwelchen Labels.

Aber das ist eben nur meine eigene ganz persönliche Erfahrung von Weiblichkeit.
Es gibt auch die Prinzessinnen und die Königinnen, die Kriegerinnen, die von oben bis unten tätowierten Punks, die filzenden Prenzlbergmuttis, die kichernden Blondinen, die Kreativen, die mit den lackierten Fingernägeln, die Boutique-Besitzerinnen, die First Ladys, die Kämpferinnen, die Revulotionäre, die Feministinnen, die Visionäre, die Bewahrenden, die Heilerinnen, Priesterinnen und Hexen und noch so unfassbar viel mehr.

Deswegen möchte ich abschließend einfach gerne einmal richtig stellen:
Ich umarme jeden Aspekt meiner Weiblichkeit. Ich bin sehr glücklich über mein Dasein als Frau, welches ich versuche, mit möglichst großem Genuss auf allen Ebenen zu leben.

Allerdings wehre ich mich dagegen, meine Weiblichkeit einem pinken Raster zu unterwerfen, nur weil irgendeine hochbezahlte Marketingagentur meint, herausgefunden zu haben, was Weiblichkeit wirklich ist oder weil irgendwer noch diese Nazischeiße vom Kinderglück glaubt.

Das könnt Ihr gerne alles machen und glauben, aber ich bin da raus.

Tschö.

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