Schmerz und Leid

Ich mache mir Gedanken über den Schmerz.

Was ist Schmerz überhaupt?

Wenn man Wikipedia glaubt, ist Schmerz eine komplexe subjektive Sinneswahrnehmung.

Das interessante hieran finde ich das Wörtchen „subjektiv“, denn das legt nahe, dass Schmerz nicht von jedem Menschen gleich empfunden wird.

Wir sind ja kulturell sehr gut darauf trainiert, Schmerz zu vermeiden, sei es durch erhöhten Konsum von Alkohol und anderen Substanzen, Ablenkung und Zerstreuung oder Vermeidung von tiefen Gefühlen per se.

Damit geben wir uns unglaubliche Mühe, so dass man wirklich den Eindruck gewinnt, dieser Schmerz muss etwas ganz Furchtbares sein.

Und jeder, der von dieser Welle schon einmal überrollt wurde, weiß, wie überwältigend Schmerz sein kann.

Auch hier frage ich mich, wie das Wörtchen „subjektiv“ hier hinein passt.

Vielleicht hilf es, meine Gedankengänge um das Wort „Leid“ zu erweitern. Selbst, wenn der Schmerz der gleiche ist, ist das Leid vielleicht unterschiedlich. Manche Menschen haben Schmerzen und leiden nicht, manche Menschen leiden furchtbar.

Mein Hund zum Beispiel, der leidet irgendwie nie. Wenn ich ihm zum dritten Mal am Tag aus Versehen auf die Pfoten gelatscht bin, kommt immer noch nicht mehr als nur ein verständnisloser Blick, wo andere Hunde schon lange quietschend und jaulend auf sich aufmerksam gemacht hätten.

Trotzdem tut es sicher weh, wenn ich auf seiner Pfote stehe.

Was ist also Leid? Und wie verhält es sich zum Schmerz?

Wikipedia sagt dazu, dass unter anderem Schmerz als Leid empfunden wird, wobei ich die anderen Dinge, die laut Wikipedia als Leid empfunden werden, (Nichterfüllung von BedürfnissenHoffnungen und Erwartungen, der Verlust von nahestehenden Individuen, die Trennung von sozialen Gruppen, äußere Zwänge und BegrenztheitenAlterKrankheit und Tod) durchaus auch als Schmerz bezeichnen würde. Aber das mag wissenschaftlich ungenau sein.

Schmerz ist also eine subjektive Sinneswahrnehmung, die als Leid empfunden wird. Kann man das so sagen?

Die Buddhisten sagen, dass alles Leid (alles!) dadurch entsteht, dass wir uns als Individuen sehen, dass wir also nicht erkennen, dass wir in Wirklichkeit alle eins sind. Und diese scheinbare Trennung ist die so genannte „root disease“.

Daran mag man nun glauben oder nicht, aber schaut man sich die Liste der Dinge an, die Laut Wikipedia als Leid empfunden werden, (zur Erinnerung: Nichterfüllung von BedürfnissenHoffnungen und Erwartungen, der Verlust von nahestehenden Individuen, die Trennung von sozialen Gruppen, äußere Zwänge und BegrenztheitenAlterKrankheit und Tod) so fällt auf, dass Vieles davon tatsächlich auf eine Trennung zurückzuführen ist.

Das mag auch erklären, warum Menschen, die leiden, Besserung verspüren, wenn jemand bei ihnen ist.

Eine andere Theorie, die ich persönlich für besonders interessant halte ist die, dass Leid dadurch entsteht, dass wir an etwas festhalten, was nicht ist, dass wir uns also gegen das, was ist, wehren.

Der Schmerz als Quelle des Widerstandes ist in dem Fall nicht leidverursachend sondern der Widerstand.

Das finde ich unglaublich interessant, denn ich kenne zum Beispiel aus eigener Erfahrung Phasen, in denen ich das Leid künstlich verlängert habe, weil ich mich mit Tatsachen einfach nicht abgefunden habe.

Zu unserer Verteidigung muss ich sagen, dass wir natürlich auch nicht lernen, wie man loslässt und es deswegen meistens gar nicht können.

Wir wissen nicht, wie man stirbt oder wie man trauert.

In seinem Buch „Tuesdays with Morrie“ erzähl Mitch Albom, wie der im Sterben liegende Morrie immer wieder sagt, „Wenn du lernst wie man stirbt, lernst du, wie man lebt“.

Das ist sehr sehr wahr. In dem Kontext, in dem er gesagt wurde, weil ein im Sterben liegender Mensch auf einmal seinen Fokus auf die wesentlichen Dinge im Leben legen kann, Dinge wie Liebe, Nähe, Familie und Freunde etc. und die leeren Hüllen von Geld, Ruhm, Freiheit und Besitz ihre Bedeutung verlieren.

In einem anderen Kontext ist dieser Satz aber genauso wahr.

Wenn wir Dinge und Menschen loslassen, die wir lieben, wenn sie aus unserem Leben gerissen werden oder gehen, dann sterben wir auch einen kleinen Tod. Mit den Menschen und Dingen, die gehen, sterben immer auch die Träume oder Erwartungen, die noch nicht miteinander gelebte Zukunft.

Wenn wir also lernen, wie man stirbt, dann erst können wir leben, weil wir nicht mehr festhalten an etwas, das tot ist, an etwas, das nicht ist.

Akzeptieren wir das was ist, gibt es kein Leid.

Und das gilt offenbar auch dann, wenn es Schmerz gibt. Schmerz an sich kann man nicht vermeiden. Er kommt.

Meine Standardreaktion auf den sich ankündigenden Schmerz ist immer Vermeidung. Die wiederum dann das Leid verursacht. Klingt für mich logisch.

Ein weiterer Grund allerdings, warum ich glaube, dass wir Schmerz vermeiden, ist der, dass Schmerz ein Gefühl ist, dass einen komplett überrollt. Wir sind es nicht gewöhnt, tiefe Gefühle zu empfinden. Deshalb macht uns ein solch intensives Gefühl Angst.

Genau wie seine Schwestern, die Nähe und die Liebe, kann der Schmerz die Angst erwecken, sich selbst darin zu verlieren, das Gefühl nicht mehr kontrollieren zu können. Dazu kommt deswegen dann eine gewisse Ohnmacht, Kontrollverlust.

 

Was sagt mir das nun? Vielleicht kann man viel Leid vermeiden, wenn man den Schmerz akzeptiert und die Ursache des Schmerzes loslässt. Das wäre der Versuch einer Zusammenfassung.

Aber wie immer, ist das natürlich schön gesagt, in der Praxis tut es einfach nur weh!

Das Zeitalter des Non-Commitments

In den letzten Wochen ist mir eine Sache immer wieder aufgefallen (und zugegeben auch unfassbar auf den Zeiger gegangen). Nicht-Entscheidungen.

Das fängt an bei unserer Bundestagswahl, vor der sich niemand so richtig festlegen wollte, ob und mit wem er denn nach der Wahl koalieren möchte, sollte er denn gewählt werden.

Selbst nach der Wahl ist man sehr zurückhaltend mit Zusagen.

Beruflich ist es nicht anders. Jobanfragen kommen seit neustem erst eine Woche vor dem Job, und auch hier versichert mir der Kunde, dass dies nur daran liege, dass der Endkunde sich nicht so richtig entscheiden wolle.

Die Pest des Non-Commitments erhält auch fleißig Einzug in die privaten Bereiche in Form von vagen Verabredungen, Facebook Event „Vielleicht“-Zusagen und so weiter.

 

Was genau lässt uns davor zurückschrecken, uns festzulegen?

Zugegeben, ich selbst bin ein großer Fan davon, nicht zu wissen, wie mein nächster Monat sich gestalten wird, denn das ist spannend und spannend ist das Gegenteil von langweilig und langweilig ist so ungefähr das Todesurteil.

Aber warum?

Entscheide ich mich für etwas, entscheide ich mich automatisch gegen etwas anderes.

Ich wollte zum Beispiel immer einen Hund haben. Ging aber nicht, weil mein Leben zu spontan, zu chaotisch, zu unstet war (und ist).

Nun ergab es sich, dass mein Hund sich für mich entschieden hat und nun bei mir ist. Ich habe mich entschieden, indem ich mich nicht gegen ihn entschieden habe. Alles wogegen ich mich damit automatisch entschieden habe (lange Fernreisen, eine gewisse Spontaneität, Aufenthalte auf Spielplätzen und Kleidung ohne Haare) ist relativ irrelevant geworden. Weil mein Hund einfach unfassbar geil ist. Aber das konnte ich vorher nicht wissen, ich habe es erst herausgefunden, nachdem ich eine Entscheidung getroffen habe.

Trotz dieser positiven Verstärkung treffe ich weiterhin ungern Entscheidungen und beobachte das gleiche Phänomen in meinem Umfeld.

Bei einem sehr inspirierenden Gespräch mit einem Freund vermutete dieser, dass wir uns wahrscheinlich daran gewöhnen müssen, dass in Zukunft nichts mehr entschieden wird, dass es vielmehr immer weiter in Richtung Spontaneität laufe, weil Entscheidungen in erster Linie aus einem Sicherheitsbedürfnis getroffen würden. Und Sicherheit – darin sind wir beide uns absolut einig – ist eine Illusion.

Wenn dem so ist, warum nervt es mich dann so sehr, dass meine Umgebung nicht willens ist, Entscheidungen zu treffen und warum fehlt mir die Verbindlichkeit?

Wie kann ich denn eine Partei wählen, wenn ich nicht weiß, ob die hinterher mit der linken oder mit der rechten Seite koalieren? Da fehlt mir eine gewisse Griffigkeit, eine Kontur.

Und so ist das auch bei Menschen.

Wenn jemand pausenlos nicht weiß, was er will, dann fehlt ihm ein Gesicht, ein Merkmal, dass ihn zu einem Individuum macht, ihn von der Masse abhebt.

Manchmal verwechseln wir Verbindlichkeit mit Unbeweglichkeit. Wir denken, wenn wir eine Entscheidung für etwas treffen, treffen wir gleichzeitig eine Entscheidung gegen etwas anderes.

Aber indem wir gar keine Entscheidung treffen, entscheiden wir uns gegen alles.

 

Und manchmal verwechseln wir Entscheidungen treffen mit Sicherheit und halten uns an etwas fest, was es so nicht gibt.