Eine Hymne auf Pink Floyd

Im Jahr 1994 war ich noch sehr weit davon entfernt, Lichttechnikerin zu werden.
Ich machte erst noch gemütlich Abitur, nahm mir dann vor, Diplomatin zu werden oder wahlweise die Weltrevolution zu starten, verwarf alles und verfiel dann irgendwann resigniert dem Rock n’Roll.

Wenn man mich fragt, warum ich Lichttechnikerin geworden bin, sage ich oft, dass ich immer mit Monster Magnet auf Tour wollte. Und das ist auch nicht gelogen. Trotzdem ist Monster Magnet nicht der Grund, warum Licht mein Medium geworden ist. Den Grundstein dafür legte ein Ereignis, welches 1994 stattfand, bevor ich überhaupt wusste, dass es eine Band namens Monster Magnet gibt.

Ich bekam zu meinem 17. Geburtstag ein Ticket für das Pink Floyd Konzert im Müngersdorfer Stadion in Köln.
Schon als ich 15 war schenkte mir mein damaliger Freund das Album The Wall, was ich – bislang passionierte Beatles und Bravo-Kuschelrock Hörerin – völlig schräg fand.
Der Freund ging, die The Wall LP blieb.

Ich fing an, mich für Konzerte zu interessieren und guckte mir einige wenig spektakuläre Shows an, die mich zwar von dem Konzept Konzert an sich überzeugten, aber nicht die große Epiphanie waren.

Die Division Bell Tour von Pink Floyd war zwar ohne Roger Waters, aber für jemanden, der so spät geboren ist wie ich, die letzte Chance Pink Floyd überhaupt noch live sehen zu können. Denn als ich geboren wurde, kam bereits das 10. Studioalbum „Animals“ auf den Markt.

Heute sitze ich vor meinem PC und gucke mir die „Pulse“ DVD an, eine Aufzeichnung eben jener Tour von 1994 und ich denke, DAS war vor 24 Jahren?

Um euch eine Idee zu vermitteln, wie groß der Floyd-Impact für mich war, möchte ich kurz in meine Kindheit schwenken.
Aufgewachsen bin ich als Kind zweier Musiklehrer. Bei uns wimmelte es immer von Musikern. Schon als kleines Kind legte man mich ins Bett, um dann erst mal in Ruhe vier Stunden Klavierspielen zu können.
Einmal in der Woche saßen mein Bruder und ich in der Probe des Kammerorchesters und dachten uns lustige Tänze zu Bachs Brandenburgischen Konzerten oder der St. Pauls Suite von Holst aus. Im Urlaub war immer eine Gitarre dabei und Weihnachten spielte meine Mutter die Orgel in der Kirche.
Mein erstes Lieblingslied war der Bolero von Ravel und mein erster bester Freund stand auf die Vier Jahreszeiten von Vivaldi.

So kam es, dass Musik für mich ungefähr das Wichtigste wurde, was es gibt.
Zwar waren meine Eltern musikalisch ein wenig anders orientiert als ich es heute bin, aber da mein Elternhaus relativ gut sortiert war, konnte ich mich mit Lexika, Bildbänden, LPs und VHS Tapes zu jedem beliebigen musikalischen Thema totschmeißen. Was ich auch tat.

Es gab diese Schrankwand, voll mit VHS Tapes. Lief irgendwo eine Musikdokumentation im Fernsehen, mein Vater nahm sie auf. Und nicht nur das, es gab diesen lehrertypischen Karteikasten, in dem jedes Tape dokumentiert war und man nach Herzenslust stöbern konnte.
So kam es dass ich, während meine Freunde Beverly Hills 90210 guckten, zuhause vor der Glotze saß und den Woodstock Film, die Janis Joplin oder Beatles Doku, die Geschichte des Rock n’Roll oder Hair aufsaugte wie ein trockener Schwamm den ersten Regen.
Soviel zu der Kindheit.

Was ich sagen will ist, Musik ist wichtig! Sehr sehr wichtig!

Es ist mir zum Beispiel nicht möglich, irgendwo bei einem Getränk zu sitzen, während Musik im Hintergrund läuft, ohne innerlich abzuchecken, was gerade läuft, Titel, Interpret, Jahr.
Überhaupt, Hintergrundmusik ist ein Konzept, das ich nicht verstehe. Für mich ist Musik immer Vordergrund.

Nun bin ich aber leider nicht der Musiker Typ. Ein bisschen Gitarre hier und ein bisschen Klavier da und ab und zu mal ein wenig Gesang, das geht schon, aber so richtig was taugen tut es alles nicht.
Was wiederum dazu geführt hat, das ich mir einen Weg gesucht habe, die Musik auf eine andere Weise in mein Leben zu integrieren.

Bei Floyd ist alles, was sie anpacken, ein Gesamtkunstwerk.
Natürlich geht es vordergründig um die Musik, aber es bleibt nie dabei. Die Licht- und Lasershow ist nicht grundlos legendär. Ich denke hier besonders an die riesigen Marionetten der Wall-Tour oder das fliegende Schwein, aber auch der Film The Wall mit den wunderbaren Zeichnungen von Gerald Scarfe. (http://www.geraldscarfe.com/shop/pink-floyd/) Das Live in Pompeii Video, in dem die Band in einem leeren Amphitheater spielt. Auf solche Ideen muss man auch erst mal kommen. (https://vimeo.com/220679367)

Floyd hat es immer geschafft, die Stimmung der Musik durch visuelle Effekte zu unterstützen. Und sie waren einer der ersten, die das in diesem Stil getan haben.

Das ist jetzt nicht ganz fair, denn auch Genesis darf man auf keinen Fall unerwähnt lassen, wenn es um die Entstehung der modernen Lichtshow geht. Peter Gabriel ist mit ganz großer Sicherheit ein unverzichtbarer Baustein in dem Fundament der heutigen Lichttechnik. Aber um ihn soll es jetzt mal nicht gehen.

Im Englischen ist der Ausdruck „And pigs will fly“ ein Adynaton, also eine Aussage über etwas, was niemals passieren wird. Dass ausgerechnet eine Band wie Floyd, die einen Superlativ nach dem anderen geschaffen haben, ein Schwein über der Battersea Power Station fliegen ließen, um ihr Albumcover aufzunehmen, wundert also nicht. Dass dieses Schwein aber ausbüchste, die Themse runter Richtung Ärmelkanal flog und dabei von einem Hubschrauber begleitet werden musste, damit der internationale Flugverkehr nicht gefährdet wurde, ist eine der unfreiwilligen Aktionen, die Floyd so legendär macht.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich in Paris durch die Pink Floyd Interstellar Ausstellung in der Cité de la musique schlenderte, das muss so 2003 gewesen sein, jedenfalls war ich zu dem Zeitpunkt bereits Lichttechnikerin. Es gibt sehr wenige Dinge, die mich schwach machen, nur Pink Floyd sorgt regelmäßig dafür, dass ich weiche Knie bekomme und einen Kloß im Hals. In dieser Ausstellung verband sich erstmals dieses große Floyd mit meinem Beruf. Da begriff ich zum ersten Mal, dass das, was die Jungs da gemacht haben, etwas mit meinem Leben zu tun hat. Das ist so ähnlich wie das Gefühl, wenn man in die Unendlichkeit des Universums blickt und den Eindruck bekommt, Teil von etwas ganz Großem zu sein.

Pink Floyd setzte bereits 1968 intelligentes Licht ein. Damals hat das einfach noch niemand gemacht.
Und das gilt eben nicht nur für das Licht, sondern für alle Formen des künstlerischen Ausdrucks, den man mit Musik verbinden kann, sei es Bild, Film oder Licht.
Auch die Bilder der Floyd Alben sind unsterblich. Allen voran natürlich das Prisma auf der Dark Side Of The Moon, das wohl sicher jeder kennt. Aber auch das fliegende Schwein in Battersea oder The Wall, diese Bilder sind ästhetisch, einprägsam und simpel. Das Albumcover von Ummagumma zum Beispiel, auf dem durch ein Bild im Bild eine Art Endlosschleife entsteht, hat ein bisschen was von M.C. Escher.

Und hier setzt meine große Bewunderung ein. Da sind fünf kreative Köpfe, die auf jeder Ebene Grenzen überschritten haben. Wie schon die Beatles, setzten Floyd neue Effektgeräte ein, arbeiteten mit Loops, rückwärts laufenden Tonbändern, Talkbox, Samples von gesprochenen Stimmen oder Effekten. Klaviersaiten wurden direkt angespielt und man nahm sich einfach die Zeit, ein Stück wie Echoes knapp 24 Minuten lang dauern zu lassen.

Sie experimentierten einfach auf allen Ebenen.
Im Dokumentarfilm „The Making Of The Dark Side Of The Moon“ bekommt man einen guten Eindruck davon, wie diese Experimente aussahen. Hier kommt wieder meine alte Liebe zu Musikdokumentarfilmen durch 🙂

Ein sehr großer Teil des Musikerlebnisses ist für mich auch der Text.
Es gibt doch nichts Schlimmeres als bedeutungslos aneinander gereihte Worte, die sich schlimmstenfalls auf Ach und Krach reimen.
Nicht jeder wird als Poet geboren, aber aus der Feder von Roger Waters kommen einige wunderschöne Zeilen wie:
I am you and what I see is me.
Hanging on in quiet desperation is the English way.
We’re just two lost souls swimming in a fish bowl year after year.
You’ve reached for the secret too soon, now you cry for the moon.
Da geht mir mein Schreiberinnenherz auf…

Durch diese Gesamtheit der Kunst von Pink Floyd ist es mir möglich, mein Medium, das Licht, in einen Zusammenhang zur Musik zu setzen. Falls das irgendwie verständlich klingt… Und so werde ich als Nichtmusikerin zu einem Teil der Musik.
Denn das ist es ja, was mir so unglaublich wichtig ist. Nicht erst seit 1994.

Von der Division Bell Tour gibt es im Übrigen eine wunderschöne Live CD mit dem Namen Pulse. Ein sehr abgegriffenes Exemplar dieser CD steht in meinem Regal.
Jahrelang hat es mich wahnsinnig gemacht, weil sich in der Hülle der CD eine rote LED befindet die in der Geschwindigkeit des durchschnittlichen menschlichen Pulses blinkt. Das Booklet sagt dazu unter anderem: „The LED is also like the opening heartbeat of the dark side of the moon, most particularly the LED pulses… it is a live phenomenon … like the music.“ Und genauso ist es.

Die LED blinkt schon lange nicht mehr.

Aber mein Herz schlägt für immer für Pink Floyd.

 

Und hier noch eine gute Nachricht: die Pink Floyd Ausstellung „Their Mortal Remains“ wird ab Mitte September im Dortmunder U zu sehen sein. Ich kann nur jedem empfehlen, sich das anzusehen. (https://pinkfloydexhibition.de/ausstellung.html)

Das Schweigen der Männer

Lieselotte steht auf Willi.

In meiner Jugend guckte sie ins Telefonbuch, fand Willis Nummer und rief ihn an.

Es gab noch keine Smartphones und kein Facebook.

Sie fragt Willi, ob er mit ihr ins Kino geht und Willi sagt entweder begeistert ja oder verhalten, er habe keine Zeit. Letzteres bedeutet selbstredend, dass er eigentlich keine Lust hat.

Das waren noch Zeiten.

Heute ist das völlig anders. Man findet sich auf Facebook.

Zum einen, weil niemand mehr in irgendeinem Telefonbuch steht (gibt es die Dinger überhaupt noch?), zum anderen, weil es deutlich bequemer ist, sich eine Kurznachricht zu schicken als anzurufen. Das ganze peinlich Herumgedruckse, dass Willi gerade furchtbar viel zu tun habe und überhaupt keine Zeit für Kinobesuche kann man sich also dankenswerterweise ersparen.

Gut für Willi.

Heute sitzt Lieselotte vor ihrem Facebook Messenger, interpretiert die Lesebestätigung, vergleicht sie mit der sonstigen Onlineaktivität von Willi und zieht schließlich ihre Schlüsse daraus.

Es ist zu einer Gewohnheit geworden, dass wir keine Absagen mehr erteilen.

Ich beobachte das zunehmend.

Wenn man sich auf einen Job bewirbt – heute natürlich auch elektronisch, was ich durchaus begrüße – bekommt man keine Absage mehr, man bekommt ja auch nichts zurückgeschickt.

Viele Firmen schreiben das sogar in ihre Bewerbungskriterien. „Wir sehen uns außerstande, auf jede abgelehnte Bewerbung eine Absage zu schicken. Nur angenommene Bewerber werden kontaktiert.“ Ruf uns nicht an, wir melden uns bei dir. Oder auch nicht. Und warum eigentlich nicht?

Liegt das vielleicht daran, dass sich im Zuge der Digitalisierung jeder Bewerber einfach mal pauschal auf jeden Job bewirbt und die Arbeitgeber solch einer Flut an Bewerbungen nicht mehr Herr werden?

Ich glaube nicht. Denn die Digitalisierung bietet auch ein breites Spektrum an Möglichkeiten für automatisierte und dennoch freundliche Absagen.

Als ich das Skript meines zweiten Buches an meine Agentin geschickt habe, bekam ich einen langen Brief zurück, in dem mir erklärt wurde, warum mein Buch für den Markt uninteressant sei – nicht automatisiert, sondern persönlich. Aus dem Brief wurde ersichtlich, dass die Dame das Skript zumindest in Teilen gelesen hatte und dass sie sich Gedanken dazu gemacht hat, ob der Text auf dem Markt eine reelle Chance hat.

Ein solches Feedback, auch wenn es nicht zum angestrebten Erfolg führt, ist Gold wert. Es gibt mir die Chance, den Text zu überarbeiten oder einen anderen Text zu schreiben, der die Nerven der Zeit ein bisschen besser trifft. Ich kann mich verbessern, entwickeln, lernen. Vorausgesetzt natürlich, dass ich mit Kritik umgehen kann.

Die Antworten der Verlage hingegen, die man so normalerweise kontaktiert, waren nicht nur nicht konstruktiv, sie waren überhaupt nicht vorhanden.

Und jetzt stelle ich mir vor, dass so ein Willi, der in dieser Welt lebt und vielleicht versucht hat, einen Job zu finden, doch auf seine vielen Bewerbungen keine Antwort erhielt, oder ein Buch geschrieben hat und von den Verlagen ignoriert wurde, oder Demos seiner Band an Plattenfirmen geschickt hat, die sich nie gemeldet haben, dass dieser Willi eine Nachricht von Lieselotte bekommt.

Denn Lieselotte möchte sehr gerne mit ihm ins Kino gehen. Willi hat aber eigentlich keinen Bock.

Auf Grund seiner Erfahrungen weiß Willi aber nun, dass keine Antwort auch eine Antwort ist, also ignoriert er Lieselottes Nachricht einfach.

Ich finde das einleuchtend und verständlich. Allerdings finde ich auch, dass hier etwas Gefährliches passiert.

Denn wenn ein Mensch ignoriert wird, dann löst das Wertlosigkeitsgefühle in ihm aus.

Es gibt unzählige Studien, die bestätigen, dass ignoriert zu werden von Menschen schlimmer empfunden wird, als abgelehnt zu werden.

Und das hat damit zu tun, dass Menschen das Bedürfnis haben, gesehen zu werden.

Wir tun das im Alltag ständig. In der U-Bahn spricht mich der fünfte Typ an, der mir die Obdachlosenzeitung verkaufen will und erstens habe ich bereits den Straßenfeger und die Motz gekauft und zweitens nimmt mich das persönliche Schicksal dieser Menschen auch jedes Mal ein bisschen mit, weswegen ich nicht damit konfrontiert werden möchte. Also stecke ich mir meine Kopfhörer in die Ohren, schließe die Augen und beraube diesen Menschen seines Vorhandenseins.

Aber ich richte damit einen reellen Schaden an.

Menschen zu ignorieren ist respektlos, es ist schäbig.

Und manchmal ist alles, was es braucht ein Lächeln oder eine Pfandflasche.

Zugegeben, es ist unangenehm, Lieselotte zu sagen, dass man eigentlich nicht so eine große Lust hat, mit ihr ins Kino zu gehen. Ich kenne kaum jemanden, der so etwas machen würde. Trotzdem kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass die Menschen, die den Mut hatten, mir direkt zu sagen, dass sie keine Lust haben, sich mit mir zu treffen, mir keinesfalls negativ in Erinnerung geblieben sind und auch die Erfahrung, abgewiesen worden zu sein, war nicht wirklich schlimm.

Im Gegenteil. Da hat jemand den Mut, mir zu sagen, wie es ist. Jemand befasst sich mit mir, jemand nimmt sich Zeit dafür. Ich fühle mich respektiert und gewertschätzt.

Wir empfinden es in der Regel als unangenehm, jemanden abzuweisen, weil wir nicht wissen, wie man das macht. In den meisten Fällen geben wir vor, keine Zeit zu haben, weil es als unhöflich gilt zuzugeben, dass wir keine Lust haben.

Ich frage mich, warum es unhöflich ist, keine Lust zu haben. Es ist doch auch gesellschaftsfähig, jemanden zu ignorieren, was, wie wir bereits festgestellt haben, viel schmerzhafter ist.

Warum also nicht ehrlich sein?

„Hey Lieselotte, der Film hört sich echt gut an, aber ich hab das Gefühl, du erhoffst dir da mehr, als mir lieb ist. Geh doch besser mit Miriam ins Kino. Liebe Grüße dein Willi.“

Man kann das aber auch eine kreative Herausforderung betrachten.

Wenn mich jemand fragt und ich hab keinen Bock, dann schicke ich zum Bespiel gerne einen Song, lasse jemand anderen sagen, was ich sagen will. Das ist nicht so direkt, aber trotzdem deutlich. Ich bestrafe den anderen nicht mit Schweigen, muss aber selbst keine Worte finden.

„Whatever my riddle is, you ain’t my solution; Whoever you’re looking for – I’m not the one“ (Krazy, Königin der Worte)

Mach doch mal ein Projekt draus.

Guck in deine Emails, dein Telefon, deine Facebook Nachrichten.

Schick allen, die dir in den letzten Tagen durchgerutscht sind, eine Nachricht dass sie in der Flut der Nachrichten untergegangen sind, jetzt aber gefunden wurden.

Schick allen, für die du die Zeit nicht hattest eine Nachricht, dass du dich melden wirst, wenn du sie hast.

Und schick mal allen, die ignoriert hast, weil du keine Lust auf sie hattest, eine freundliche Absage.

Glaub mir, es wird eine schöne Erfahrung. Für beide Seiten!

Enjoy!

Freiheit oder Sicherheit?

Diese Frage muss sich jeder Mensch immer mal wieder stellen.

In unserer Branche noch einmal mehr als woanders. Das liegt wohl daran, dass wir uns in der Veranstaltungstechnik auf dem Weg befinden von einer Branche bestehend aus quereingestiegenen Eigenbrötlern und technikbegeisterten Musikaffinen – wo im Grunde jeder frei war – hin zu ausgebildeten Spezialisten, die gesetzlich mehr oder weniger erfolgreich immer mehr in die Schablonen der Angestelltenwelt hineingepresst werden.

In unserer Zeit ist beides „normal“. Ewig frei zu sein und fest angestellt. Das macht unsere Branche ein wenig besonders und führt zwangsläufig dazu, dass man sich als Veranstaltungstechniker mit dieser Frage auseinandersetzt.

Was mich betrifft, so kam die Entscheidung zum ewigen frei sein wollen wie so vieles in meinem Leben zu mir.

Mein Ausbildungsbetrieb war der letzte Dienstherr, den ich in dieser Branche hatte und das sollte so bleiben. Ich hatte die Nase gestrichen voll von Vorgesetzten, Idiotenjobs und moderner Sklaverei. Ich wollte frei sein.

Letztens stieß ich auf dieses schöne Zitat von John O’Donohue, das meine persönlich Sicht zum Thema Freiheit und Sicherheit ganz gut reflektiert:
„Mögest du den Mut haben, auf die Stimme der Sehnsucht zu hören, die dich stört, wenn du dich mit etwas Sicherem zufrieden gegeben hast.“

Das Arbeiten als Freie ist ja gar nicht so frei, wie manch einer sich das vielleicht vorstellt. Im Grunde arbeite ich für eine Hand voll Auftraggeber, die ihre Teams mit nur geringen Variationen buchen. Und so arbeite ich oft mit denselben Leuten auf wiederkehrenden Baustellen.

Das Gute daran, dass ich frei bin ist nur, dass ich Kollege X, mit dem ich jedes Jahr Job Y mache, der mir mit ungebremster Wucht auf der Zeiger geht, nach dem Job erstmal nicht mehr sehen muss.
Und weil ich das weiß, während ich Job Y mache, ist Kollege X ein wenig erträglicher.

Das Gleiche gilt für Firmenstrukturen.
Jede Firma ist ein wenig anders.
Manche beladen ihre Trucks auf Paletten von der Seite, manche in Kisten von hinten, manche schrauben die Torblenden ihrer Lampen immer ab, bei anderen bleiben sie dran, eben die kleinen feinen Unterschiede.

Ich fange zum Beispiel gar nicht erst an, mich darüber aufzuregen, wie man auf die Idee kommen kann, Torblenden abzuschrauben, weil ich weiß, dass sie auf dem nächsten Job für Kunde Z alle dranbleiben. Dafür werden dort die Netzkabel aller Geräte einzeln transportiert, aber wozu aufregen…?

Andersrum ist es aber genauso.
Beim einen Auftraggeber ist es immer stressig und kein Tag dauert unter 14 Stunden. Beim nächsten Job ist Nase bohren angesagt.

Auf der einen Baustelle ist vielleicht mein Lieblingskollege dabei, dafür kann ich bei einem anderen Kunden meinen Hund mitnehmen.

Kein Job ist perfekt, kein Auftraggeber kann alles, alle haben etwas was ich mag, sonst würde ich nicht für sie arbeiten, aber wäre es immer nur der eine, würde mir ganz schnell irgendetwas auf die Nerven gehen.

Ich mag Abwechslung. Und das ist nicht unbedingt bei jedem so. Ich kenne Menschen, die lehnen jede Form von Veränderung ab. Ist auch okay. Wir sind halt verschieden.

Für mich wäre es nicht auszuhalten, immer dasselbe auf dieselbe Art mit denselben Menschen tun zu müssen. Ich würde akut an Hospitalismus erkranken und mit meiner Lampe stundenlang auf und ab schreiten.

Natürlich tue ich im Endeffekt immer dasselbe. Mehr oder weniger.

Aber einmal fange ich um 8 an und arbeite 14 Stunden, ein anderes Mal fange ich um 10 an und um 18 Uhr kommt eine Spätschicht und löst mich ab. Einmal ist der Truck ausgeladen, wenn ich ankommen, beim nächsten Mal muss ich ihn selbst leer machen. Der eine Auftraggeber will für alles einen Schein sehen, der andere schießt quer aus der Hüfte und versinkt im Chaos. Beim Einen ist alles so durchgeplant, dass ich kaum noch selbst denken muss, der andere kippt einen Haufen Technik ab und meint, ich wüsste schon, wie ich das ans Laufen bekomme. Beim einen gibt es immer Top Catering, beim anderen schmiere ich meine Stulle und berechne dafür Spesen.

Und auch hier ist nichts besser als das andere. Wäre der Truck immer leer, würde ich mich über kurz oder lang danach sehnen, mal wieder so richtig anpacken zu dürfen. Müsste ich jedes Mal den Truck leer machen, würde mich das aber auch nerven.

Die Mischung ist es, die meinen Arbeitsalltag so bunt macht.

Derselbe Kollege begegnet mir auf dem einen Job als TL, auf dem anderen Job hängen wir zusammen Lampen und eine Woche später habe ich die Hosen an. So entstehen nicht so einfach Hierarchien und lästige Hackordnungen, wie in Strukturen, wo immer dieselben Menschen weisungsbefugt oder –gebunden sind.

Manchmal kommt es vor, dass ich zur Vorbereitung des einen oder anderen Projektes mal einen längeren Zeitraum in das Büro eines Auftraggebers fahre und dort am Büroalltag teilnehme.
So etwas mag ich ganz gerne, denn man lernt die Kollegen noch ein wenig näher kennen. Außerdem kann ich den Hund mitnehmen. Doch es dauert meist nicht lange, bis es irgendwo hakt.

Wenn die Kollegen dann anfangen zu lästern oder sich über dies und das zu beschweren, vor allem über die Überstunden, sind das Momente in denen ich froh bin, mich damit nicht tiefer beschäftigen zu müssen.
Wenn ich länger bleibe, kostet das einfach mehr und wenn ich das Gefühl habe, ungerecht behandelt zu werden, arbeite ich einfach in Zukunft für wen anders.

Frei sein ist unverbindlicher.

Aber nehmen wir mal an, es gäbe die perfekte Firma, wo niemand lästert und die Torblenden an den Lampen bleiben. Und nehmen wir des Weiteren an, dass diese Firma mir eine Festanstellung für großes Geld und ohne Überstunden anbieten würde, einen perfekten Deal also. Da bleibt immer noch ein kleiner Rest-Bauchschmerz übrig.

Nämlich der Fakt, dass ich nicht mehr für all die unperfekten Auftraggeber arbeiten könnte.
Die mit dem nervigen Kollegen zum Beispiel und den selbst zu entladenden Trucks, wo Netzkabel extra gepackt sind und kein Tag unter 14 Stunden ist.
Mein Leben wäre so viel weniger bunt.

Was ist mit dem anderen Aspekt, der Sicherheit? Der scheint ja offenbar nicht unwichtig zu sein, denn sonst würden die Festangestellten ja die vielen Überstunden und andere nervige Details nicht in Kauf nehmen.

Ich bin mir der Tatsache durchaus bewusst, dass ich die erste bin, die aus einem Budget herausgenommen wird, wenn das Geld knapp wird. Das ist ganz klar. Und es ist auch klar, dass ich mir als Freie nicht so viel herausnehmen kann, weil ich nicht gekündigt werden muss, wenn man mich loswerden möchte. Benehme ich mich daneben, geraten die Folgejobs ins Schwanken.

Auch gibt es Zeiten mit mehr Geld und welche, in denen ich weniger habe, was viele Menschen ebenfalls als Unsicherheit empfinden.
Sicherheit ist für mich natürlich auch wichtig. Davon möchte ich mich überhaupt nicht freisprechen. Es ist nur wahrscheinlich so, dass sie für mich etwas anderes ist als für viele Festangestellte.

Für mich ist es wichtig, dass die Menschen für die ich arbeite, gerne mit mir arbeiten. Dazu gehört für mich genauso, einen soliden Job abzuliefern wie ein netter Mensch zu sein. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich das in den meisten Fällen liefern kann, dann gibt mir das Sicherheit.

Es ist auch wichtig, die eigenen Stärken zu kennen und kommunizieren zu können, denn dann wird man nicht an Stellen eingesetzt, wo man nicht gewinnen kann. Auch das ist Sicherheit.

Vielseitigkeit in dem was ich tue ist eine große Sicherheit für mich, da ich so viele Möglichkeiten und auch mehr Auftraggeber habe und nicht zuletzt empfinde ich Sicherheit durch einen breiten Fächer an Kontakten.

Womit ich mich wohlfühle, was zu viel und was zu wenig Sicherheit oder Freiheit ist, kann sich unter Umständen auch schon einmal ändern. Inzwischen bin ich ein paar Jährchen älter und muss feststellen, dass Freiheit zunehmend unwichtiger und Sicherheit immer interessanter wird.

Aber auch Kollegen mit Kindern werden bestätigen können, dass Prioritäten sich manchmal verändern.

Letztlich ist das freie Arbeiten für mich persönlich eine Form, unterschiedlich auf verschiedene Lebenssituationen reagieren zu können und dabei möglichst viel zu erleben. Wobei die eigenen Fähigkeiten und die Erfahrungen aus zwanzig Jahren Selbständigkeit mir ausreichend Sicherheit geben.

Ethik und Grenzen

Letztens bekam ich eine Anfrage für einen Job in Berlin im Hotel Maritim.

Ich sagte zu.

Später erst fiel mir auf, dass mein Auftraggeber mir gar nicht, wie sonst meist üblich, den Endkunden genannt hat und ich bekam ein beklemmendes Gefühl, denn so etwas passiert meistens dann, wenn der Auftraggeber meint, ich würde den Job nicht annehmen, würde ich den Endkunden kennen.

Ich rief also meinen Auftraggeber an und teilte ihm geradeheraus mit, dass ich unter keinen Umständen für die AfD arbeiten werde, jetzt nicht und überhaupt nicht.

Das war das allererste Mal, dass ich diese Grenze ziehen musste.

Und das bringt mich jetzt zu der Frage, wo diese Grenze, die ja bei jedem Menschen wahrscheinlich woanders ist, denn bei mir liegt?!

Ich bin sehr politisch, habe Grundsätze, eine Meinung und versuche, so gut es eben geht (manchmal geht es eben nur mittelgut), auch treu dieser Grundsätze zu leben.

Dazu gehört, dass ich nicht bei amerikanischen Fastfoodketten esse, nicht bei Billig-Klamotten-Ketten einkaufen gehe, lokale kleine Geschäfte unterstütze und nicht die AfD wähle.

Obwohl ich aber zum Beispiel mein Geld in keine amerikanischen Fastfoodketten trage, kommt es vor, dass ich für diese Fastfoodketten arbeite. Damit habe ich kein Problem. Genauso wenig habe ich ein Problem, wenn Ihr dort essen geht.

Ich hätte aber ein Problem damit, wenn Ihr die AfD wählt.

Nun leben wir in einem Land, in dem Meinungsfreiheit herrscht und leider dürfen eben auch AfD-Wähler ihre Meinung frei äußern.

Das finde ich vom Grundsatz her okay, ich möchte ihnen aber nicht dabei helfen.

Jetzt kommt wahrscheinlich irgendein Schlaumeier und sagt, dann dürfe ich ja auch nicht mehr für die CSU arbeiten, die währen ja auch nicht viel besser.

Und da fängt mein Problem an. Wo ist diese Grenze, die da auf einmal im Raum steht.

Wenn ich jetzt nur noch für Firmen arbeiten würde, hinter deren Inhalten ich zu hundert Prozent stehe, wäre ich arbeitslos.

Die großen Automobilhersteller wären alle raus, die Pharmakonzerne, so gut wie alle Parteien, ja selbst so eine Veranstaltung wie der UN Klimagipfel, den ich grundsätzlich für eine tolle Sache halte, wäre auf Grund seiner Ausführung (wie bereits berichtet) irgendwie raus.

Es ist mir also nicht möglich, die Grenze da zu ziehen, wo ich sie eigentlich gerne hätte.

Ein Kompromiss muss her.

So wichtig, wie ich es finde, dass diese Grenze bei mir existiert, so wichtig finde ich es auch, dass sie nicht zu starr ist.

Im Industriesegment meiner Branche geht es nun einmal darum, großen Konzernen bei der Ausführung ihrer Veranstaltungen zu helfen. Das ist der Job, den ich mache.

Große Konzerne sind per se immer ein wenig dubios was Ethik angeht, sonst wären sie wahrscheinlich nicht groß geworden. Kleine Firmen oder Vereine haben meistens nicht das Geld, Veranstaltungen in der Größe zu machen, dass sie überhaupt jemanden wie mich brauchen.

Es ist also grundsätzlich schonmal so, dass ich mit meiner Arbeitskraft nicht den Weltfrieden unterstütze. Leider.

Es gibt aber Dinge – die ich so schlimm finde – und die sind von Natur aus bei jedem Menschen anders –  so Dinge wie Waffenexporte in Kriegsgebiete, Massentierhaltung, Diskriminierung von Minderheiten etc., dass ich Menschen, die so etwas tun, nicht mit meiner Arbeitskraft unterstützen möchte.

Jetzt kommt direkt der nächste Besserwisser und erklärt mir, dass das überhaupt nichts bringt, denn dann würde den Job halt jemand anders machen.

Stimmt nicht ganz.

Ja, den Job würde sehr wahrscheinlich jemand anders machen.

Aber:

Kein einziger solider Techniker, den ich kenne, würde für die AfD arbeiten. Das bedeutet, dass die sich irgendeinen zweitklassigen Techniker dahinstellen müssen der den Job im besten Falle nur deswegen macht, weil er so schlecht ist, dass er zu wenig Jobs hat und das Geld dringend braucht. Und das wird sich in der Qualität der Veranstaltung bemerkbar machen.

Es wird nicht an den Veranstaltern vorbeigehen, wie schwierig sich die Personalsuche gestaltet und auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist, so ist doch jede Erinnerung daran gut, dass „das Volk“ nicht hinter der AfD steht.

Außerdem. Der Blick in den Spiegel.

Vielleicht tickt da manch einer anders, aber ich ertrage mein Spiegelbild einfach besser, wenn ich weiß, dass ich bei solchen Sachen nicht mitmache.

Daher wird man mich nicht nur niemals auf einem AfD Parteitag sehen, sondern auch nicht bei Rheinmetall oder bei Wiesenhof, außer natürlich als Huhn verkleidet zusammen mit einer Aktivistengruppe der Animal Liberation Front.

 Gerechtigkeit

Wir leben in einem Rechtsstaat.

Rechtsstaatlichkeit bedeutet, dass staatliche Macht auf Grundlage der Verfassung zur Gewährleistung von zum Beispiel Gerechtigkeit ausgeübt wird.

Nun ist Gerechtigkeit nicht so leicht zu packen.

Nehmen wir ein fiktives Beispiel.

Otto Normalverbraucher kauft sich völlig überteuert ein Haus am See. Da könnte man bereits eine Ungerechtigkeit entdecken, allerdings findet Otto das Haus und den See so schön, dass er den überteuerten Preis gerne zu zahlen bereit ist.

Er renoviert das Haus, zieht in das Haus ein und kurze Zeit später brennt es fast vollständig ab.

Das ist natürlich Pech. Ungerecht nur im Sinne von Schicksal.

Nun findet Otto heraus, dass Eva Gierig, die ihm seinerzeit das Haus verkauft hat, von ihrer Versicherung eine größere Summe Geld erhalten hat, da sie behauptet, das Haus gehöre ihr noch.

Da fragt sich Otto, der das Haus nach dem Brand erneut renoviert hat, natürlich, warum er das Geld nicht bekommt, sondern Eva.

Das ist nicht gerecht, deswegen ist Versicherungsbetrug ja auch strafbar.

Des Weiteren findet Otto dann heraus, dass gegen Eva bereits mehrere Verfahren erfasst sind, sagen wir mal wegen fahrlässiger Körperverletzung, Diebstahl mit Waffen oder so etwas.

Das macht Otto natürlich stutzig und er fragt sich, ob bei dem Brand eventuell jemand nachgeholfen hat, der die nötige kriminelle Energie dazu hat und eventuell einen finanziellen oder andersartigen Nutzen daraus gezogen hat.

Das ist auch nicht gerecht, denn wenn man das Haus einer Person anzündet, um selbst daraus einen Nutzen zu ziehen, ist das Brandstiftung aus Habgier und Habgier ist nicht nur eine Todsünde, sondern in diesem Falle der Brandstiftung eben auch eine Straftat.

Deswegen entschließt Otto sich, Gerechtigkeit einzufordern und nimmt sich einen Anwalt.

Bis dahin würde ich sagen, kann jeder folgen.

Nun kommen wir zu dem Problem, nämlich dem Rechtsstaat.

In unserem wunderbaren Rechtsstaat ist es natürlich so, dass man einem Angeklagten erst einmal beweisen muss, dass er etwas Böses getan hat, denn sonst würde man ja pausenlos Leute einsperren, die irgendjemand für schuldig hält, die es aber im Zweifel gar nicht sind.

Das wäre ziemliche Willkür und ist deswegen in unserem System so gut wie unmöglich. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Wie kann nun Otto Normalverbraucher beziehungsweise sein Anwalt beweisen, dass Eva Gierig das Haus angezündet hat? Richtig! Gar nicht! Eva Gierig ist zwar ein Arschloch, aber sie ist nicht dumm. Und daher hat sie dafür gesorgt, dass man ihr die Brandstiftung nicht nachweisen kann.

Was ist passiert? Otto hat mehrere Tausend Euro für einen Anwalt ausgegeben, der versucht hat, Gerechtigkeit für Otto einzuklagen, hat am Ende allerdings im Grunde nichts bekommen. Noch nicht mal Recht. Und dafür musste er auch noch bezahlen.

Ist es denn gerecht, dass Otto sich quasi leisten konnte, herauszufinden, dass der Staat ihn im Stich lässt, während ein Mensch, der vielleicht finanziell nicht so gut da steht, sich diesen Luxus in unserer Gesellschaft nicht leisten kann? Nein.

Während dessen hat Eva munter das Geld ausgegeben, was sie erst von Otto, dann von ihrer Versicherung bekommen hat und lacht sich ins Fäustchen.

Ist das gerecht? Nein.

Nun sagen wir mal, dass Otto, der gerade in sein neues Haus gezogen war, als es abbrannte, sein gesamtes Hab und Gut bei dem Brand verloren hat. Sagen wir mal, dass ihn das ziemlich belastet. Spinnen wir die Geschichte mal weiter und behaupten, die Vermutung, dass Eva, die immer so nett zu ihm war, das Haus vielleicht sogar angezündet hat, und dabei im Zweifel auch noch riskiert hat, dass Otto im Haus verletzt wird oder gar selbst verbrennt, hat Otto so fertig gemacht, dass er in eine Depression gestürzt und krank geworden ist.

Zusätzlich dazu muss er nun also noch zusehen, wie der Staat mit seinem Rechtssystem nicht in der Lage ist, ihm Gerechtigkeit zu verschaffen.

Das macht ihn wütend und im Zweifel noch kränker.

Er denkt darüber nach, zu Eva zu fahren und ihr das Gesicht zu entstellen. Tut er aber nicht, denn das ist strafbar.

Warum ist das strafbar? Weil es Körperverletzung ist.

Wer in akuter Gefahr ist, darf sich mit jedem Mittel wehren, um sich und andere zu retten.

Das ist Notwehr.

Ein rechtfertigender Notstand ist eine gegenwärtige Gefahr für Leben, Leib, Eigentum, Freiheit oder Ehre.

Ich finde das sehr schwammig.

Wenn Otto sich jetzt dazu entschließen sollte, Eva mal so richtig das Leben zur Hölle zu machen, könnte ich mir vorstellen, dass es ihm in seiner Depression danach besser ginge, weil er für sich für Gerechtigkeit gesorgt hat, weil er die Ohnmacht und Frustration in Aktion und Gegenwehr umgesetzt hat. Er hätte also die Gefahr gegen seine geistige Gesundheit verteidigt. Leider kann man das nicht unbedingt als Notwehr bezeichnen, wahrscheinlich sogar gar nicht.

Insofern ist es also Selbstjustiz.

Und Selbstjustiz ist, auch wenn sie noch so gerecht ist, im Rechtsstaat verboten. Das ist sehr ungerecht.

Im Fall der Kalinka Bamberski zum Beispiel, entführte der Vater der Getöteten den Täter nach Frankreich, damit es überhaupt zu einer Verurteilung kommen konnte. Hätte er keine Selbstjustiz ausgeübt, wäre der Täter weiterhin auf freiem Fuß. Trotzdem wurde auch der Vater auf Bewährung verurteilt. Gerecht? Nein.

Wie geht denn nun jemand, dem Ungerechtigkeit wiederfahren ist, mit dieser krankmachenden Ohnmacht um, wenn der Staat versagt?

Also, wenn ich Otto wäre, würde ich doch einen Schlägertrupp bei Eva vorbeischicken und zusehen, dass ich keine Beweise hinterlasse. Denn, mal im Ernst, dass hätte ich doch von Eva gelernt, dass einem nichts passiert in diesem System, wenn man keine Spuren hinterlässt. Selbst dann nicht, wenn es völlig offensichtlich ist, dass  man der Täter ist.

Vielleicht betrachtet Otto das System auch einfach nur falsch, fokussiert sich auf die Limitation und sieht nicht die stattdessen unbegrenzten Möglichkeiten, die ihm das System lässt seine eigene kriminelle Energie auszuleben.

Das wäre jedenfalls ein gesunder Ansatz, seine Depression zu besiegen.

Obwohl seine Therapeuten das mit Sicherheit anders sähen…

Free floater or deep diver?

Gestern hatte ich ein Telefongespräch mit einer sehr guten Freundin, die seit einigen Jahren verheiratet ist und mit ihrem Mann zusammen lebt.

Das an sich ist erst einmal nicht Besorgnis erregend.

Was das Thema für mich überhaupt zum Thema macht ist die Freundin, die ich nun seit etwa 15 Jahren kenne, die sich in dieser Zeit von einer Frau, wie ich sie heute bin in die Frau, die sie heute ist, verwandelt hat.

Um das mal in verständliche Worte zu fassen.

Männer waren immer eine große Baustelle in meinem Leben. Sie waren entweder verheiratet, zeugten Kinder mit anderen Frauen, nahmen Drogen, waren physisch abwesend, narzisstisch gestört, bindungsunfähig oder eine beliebige Kombination aus alldem.

Wenn man sich das Muster der Männer meiner guten Freundin ansieht, möchte ich behaupten, man erkennt einige Parallelen.

Was meine Freundin und ich auch gemeinsam haben, ist die Depression.

Erst kürzlich diagnostizierte man mir schwere Depressionen und auch an dieser Stelle musste ich immer wieder an meine Freundin denken.

Jedoch, immer wenn ich in der letzten Zeit an sie dachte, sah ich eine zufriedene, ja ich möchte fast sagen glückliche Frau. Interessant, dass mich das überhaupt so überraschte.

Denn wie bereits berichtet ist sie seit einigen Jahren mit einem Mann verheiratet. Da denkt man doch eigentlich direkt an solche Sachen wie Glück und Frieden.

Ich nicht. Ich denke bei Ehe direkt an Atemnot, Fußfesseln und Fluchtoptionen. Und das ist in der Tat Besorgnis erregend.

Nicht weiter verwunderlich ist es deswegen, dass ich mich nicht mit einer solchen Institution identifizieren wollte. Ja ich ging sogar so weit, Beziehungsstrukturen an sich in Frage zu stellen.

Frei nach dem Motto, „echte Liebe braucht keine Regeln“, „wer eifersüchtig ist, muss sich von seinem Ego befreien“, „Sicherheit ist eine Illusion“ und was weiß ich nicht allem mäanderte ich durch einen Dschungel von unverbindlichen bis geheimen Affären und war eigentlich nie so richtig glücklich damit.

Dass ich eine monogame, heterosexuelle Beziehung eingehen könnte, wies ich weit von mir. Das war fast schon reaktionär, mindestens aber total 50er.

Gut, kommen wir zurück zu dem Punkt mit der Freundin, die wie gesagt in ihrem Leben einige Parallelen zu meinem zu bieten hat und nun völlig überraschend mit 50 total zufrieden in ihrer Ehe ist, sie benutzte sogar die Formulierung „angekommen“.

Je länger und intensiver ich über das Thema monogame Beziehung nachdachte und je mehr ich den Gedanken daran zuließ, desto mehr konnte ich sehen, dass diese Freundin tatsächlich glücklich ist.

Im Tantra unterscheidet man zwischen den Free Floatern – das sind diejenigen, die sich ausprobieren wollen, die den Partner wechseln möchten oder auch mehrere Partner haben, die eben komplett ohne die klassischen Vorstellungen einer Beziehungsstruktur frei ihre körperliche und gefühlte Liebe ausdrücken möchten – und den Deep Divern, was wiederum diejenigen sind, die die Reise in die Tiefe mit einem einzigen Partner anstreben, die dann, wie der Name vermuten lässt, eben tiefer eintauchen.

Ich beginne allmählich zu begreifen, dass eine Reise zu zweit in die Tiefen der Beziehung mindestens genauso spannend sein kann, wie eine Reise durch die Betten der anderen.

In Anbetracht dessen, dass irgendwann die Betten auch alle gleich aussehen, würde ich sagen, sogar deutlich spannender.

Immer deutlicher wird mir klar, dass ich in den letzten Dekaden relativ erfolgreich ein Theaterstück aufgeführt habe, in dem ich selbst die Rolle der freiheitsliebenden unabhängigen Rebellin gespielt habe, mit dem einzigen Hintergrund, dass es niemals zum Stillstand kommt, niemals Ruhe einkehrt auf der Bühne meines Lebens. Frei nach Dylan „I’ve been trying to get as far away from myself as I can“

Das fatale am Stillstand, an der Ruhe, an Pausen und Innehalten ist nämlich, dass auf einmal Themen ans Tageslicht kommen, denen man sich wirklich nicht stellen möchte. Kaum macht das Drama eine Pause, kommen irgendwelche komischen Gefühle, Gedanken oder Befindlichkeiten hoch, denen zu begegnen ich absolut nicht bereit bin, also stürze ich mich mit großer Freude sehenden Auges ins nächste Drama.

Ein guter Freund sagte einmal zu mir, nachdem ein griechischer Pseudogangster mir mein ganzes Geld aus dem Kreuz geleiert hatte, dass er bei mir das Gefühl hätte, ich müsste ständig solche Dinge erleben, damit mir nicht langweilig wird. Und damit hat er den Nagel auf den Kopf getroffen.

Jener Freund ist übrigens seit vielen Jahren sehr glücklich mit einer sehr guten Freundin verheiratet.

Zwar habe ich nicht das Gefühl, dass Stillstehen zu ihren Hauptqualifikationen gehört, aber da ist trotzdem ein Fünkchen Weisheit, auch in ihrer Ehe, die diese Ehe für mich immer zu einem großen Vorbild für mich machte. Vor allem, weil bei allem, was das Leben ihnen in den Weg stellt, die Beziehung an sich niemals in Frage gestellt wurde und meine Freundin selbst mehrfach zu mir sagte, sie sei mit dem Mann ihrer Träume verheiratet. Wie geil ist das denn bitte?!

Wenn man zusammen ist und bleibt, gibt es unweigerlich diese Momente, wo es mal gleich ist, wo es mal langsam geht, wo mal Ruhe einkehrt, wo es mal nicht total spannend ist und man inne hält. Diese Momente sind es dann vielleicht, in denen man sich selbst begegnet und das erfordert den größten Mut überhaupt.

Die Freundin gestern am Telefon meinte, wenn man mit einem Partner in die Tiefe ginge, dann müsse man sich selbst anschauen können, denn vor allem sich selbst würde man auf jeden Fall treffen.

Diese „Ich“, die fand ich aber bislang problematisch, um ehrlich zu sein. In erster Linie, weil ich nicht der Meinung war, dass irgendjemand es lange mit ihr auszuhalten im Stande wäre.

Greatest adventure will always be – letting someone close, close to me.

Um mich mal selbst zu zitieren.

Ja, genau darum geht es, genau das habe ich offensichtlich endlich begriffen. Eine monogame Beziehung ist nicht das Ende der Freiheit. Sie kann der Anfang eines unglaublich großen Abenteuers sein. Wenn man zusammen in die Tiefe gehen möchte.

Nicht zu verwechseln mit den vielen Formen des Zusammenseins weil man zum Beispiel einsam ist oder weil man bestimmte Mängel in sich selbst mit dem Gegenüber substituiert.

Allmählich finde ich in mir immer mehr auch den Wunsch nach Verbindlichkeit (wie bereits gebloggt), finde die Idee, jemanden zu heiraten, den ich wirklich liebe nicht mehr abschreckend sondern interessanterweise sogar ziemlich romantisch. Was mich direkt zu der Frage bringt, ob ich nicht vielleicht doch den Verstand verloren habe.

Und als ich gestern so aufgelegt hatte und wusste, meine Freundin kriecht jetzt zu ihrem Mann ins Bett, sie weiß, wie er riecht, kennt seine Atemgeräusche, sein Schnarchen, die kleinen immer anwesenden Zeugen ihrer Gemeinsamkeit, da war ich ein bisschen neidisch und musste mir eingestehen, dass diese Form der Sicherheit – diese Vertrautheit, die Verbindlichkeit, in der sie bei allem, was den beiden so passierte, niemals an der Beziehung an sich zweifeln – keine Illusion ist, sondern eine mutige und mit harter Arbeit verbundene Liebeserklärung an das Leben.

Nachtrag Scheiß Klima

Im Nachtrag zu meinem Beitrag „Scheiß Klima“ hat es mich ganz besonders gefreut, dass sich einige Kollegen bei mir gemeldet haben, die im Gegensatz zu mir persönlich mit der Betreuung des UN Klimagipfels in Bonn beauftragt waren.

Von ihnen stammen die Fotos anhand derer man sich ein gute Bild davon machen kann, wie das Naherholungsgebiet Bonner Rheinaue nach dem Klimagipfel aussieht.

Des weiteren bekam ich die Information, dass für den Betrieb der Generatoren auf dem UN Klimagipfel 600.000 Liter Diesel verbraucht worden sind.

Platt gesagt, mit einem SUV könnte man mit dieser Menge Diesel etwa 150 Mal die Erde umrunden.

Desweiteren wurden für die Heizung ca. 1,2 Mio. Liter Heizöl bestellt, wovon mit Sicherheit der größte Teil auch verbraucht wurde und es wurden insgesamt etwa 1.300 40-Tonnen LKW abgefertigt, das beinhaltet noch nicht die Kleintransporter, ganz zu schweigen von den PKW.

Scheiß Klima

Vor kurzem war UN Klimagipfel in Bonn.

Inzwischen weiß wohl jeder – außer des US Präsidenten Donald Trump – dass die Erde sich erwärmt und dass dies vor allem daran liegt, dass wir jede Menge CO2 ausstoßen.

Woher dieses CO2 kommt ist auch hinlänglich bekannt, nämlich durch die Nutzung fossiler Brennstoffe, die Abholzung CO2 neutralisierender Wälder und die Fleischindustrie.

Nun treffen sich dazu die wichtigen Männer und Frauen der Welt, was ja erst einmal begrüßenswert ist, in der Rheinaue in Bonn.

Die Rheinaue – für alle Nicht-Rheinländer – ist ein Naherholungsgebiet. Dort steht erst einmal gar kein Gebäude, in dem man ein solches Event stattfinden lassen könnte. Dort gibt es vorrangig Wiesen, Seen, Tiere und Spielplätze.

Damit also großspurig über das Weltklima diskutiert werden kann, muss man in die Rheinaue erst einmal eine Location bauen.

Hier stellt sich bei mir die erste Befremdung ein und zudem die Frage, ob es denn in unserem Land nicht genug bereits bestehende Häuser gibt, in denen man eine solche Veranstaltung stattfinden lassen kann.

Aber irgendwer bei der UN oder der von der UN mit der Durchführung dieser Veranstaltung betreuten Agentur hat wahrscheinlich im Vollsuff, mindestens aber in Abwesenheit großer Teile seines Verstandes entschieden, für diese Konferenz eine Zeltstadt in die Bonner Rheinaue zu bauen.

So kann man sich dann auch direkt über die Folgen der menschlichen Dekadenz für unsere Natur informieren, allerding erst nach der Veranstaltung.

Ja, mal im Ernst, muss man denn wirklich eine Zeltstadt in ein Naherholungsgebiet bauen, damit die Köpfe und Köpfinnen der Welt über unser Klima diskutieren können?

Und schwupps sind wir bei einem Thema, dass mich als Veranstaltungstechnikerin wiederkehrend beschäftigt, nämlich der Zusammenhang des Inhaltes einer Veranstaltung und deren Ausführung.

Man muss sich nur mal angucken, was bei einer Veranstaltung im Industriesegment alles weggeworfen wird. Da werden komplette Häuser in Messehallen gebaut, richtige Häuser mit Wänden, Treppen, Glasfronten, Unterputzleitungen, Einbaulampen und Lautsprechern etc. und das wird nach der Messe alles in die Tonne gekloppt, weil es billiger ist, das neu zu kaufen als es einzulagern.

Oder wie die Crew behandelt wird. Da gibt es Welten an Unterschieden. In der Regel gibt es den Kunden, der alles darf, dann die Agenturen, dann irgendwann kommen die Techniker, dann die Helfer und ganz zum Schluss die Messebauer.

Während also die Assistentin des Vorstandsvorsitzenden, der noch gar nicht angereist ist, mit dem Service des Ritz Carlton darüber diskutiert, ob in der Suite auf dem Kaminsims ein Kerzenleuchter oder eine Blumenvase stehen soll, arbeitet der polnische Messebauer 12 Stunden hart, muss sein Feierabendbier selbst bezahlen und teilt sich das Zimmer im Ibis Budget mit seinem Kollegen.

Es ist dann kaum noch aushaltbar, wenn man auf der Veranstaltung eben jenen Vorstandsvorsitzenden über Förderung der Nachwuchskräfte reden hört gefolgt von einem teuer produzierten Imagefilm, der die soziale Verantwortung des Konzerns unterstreicht.

Aber das nur so am Rande.

Im Fall der Klimakonferenz war ich nicht direkt beteiligt, habe also keine handfesten Fakten. Was ich aber habe ist eine Meinung und Erfahrungswerte auf die sich erstere stützt.

Eine Zeltstadt im November braucht eine Heizung, denn im November ist es in Bonn kalt.

Zelte, im Gegensatz zu festen Gebäuden, besitzen nur eine geringe bis gar keine Dämmung und müssen daher stärker geheizt werden als ihre Verwandten aus Stein.

In der Rheinaue befinden sich nur in geringem Maße Stromanschlüsse, und da in den Zelten ja nicht nur der Strom für Heizungen benötigt wird (Heizen mit Strom ist im Übrigen unfassbar ergiebig) sondern wie bei allen Veranstaltungen üblich auch welcher für Video, Fernsehen, Licht, Ton und Catering, ist davon auszugehen, dass die Stromversorgung zumindest durch Generatoren ergänzt wurde, wenn sie nicht sogar hauptsächlich durch solche erfolgte.

Für alle Nicht-Stromer, so ein Generator wird mit Dieselkraftstoff betrieben, welches ein fossiler Brennstoff ist. (Spätestens jetzt habe ich den Drang, einmal bitter zu lachen…)

Man kann – zumindest nach meinem Kenntnisstand – einen Generator in dem Rahmen, wie man ihn für eine solche Veranstaltung benötigt, bislang weder mit Solarenergie, noch mit Windkraft betreiben. Er pustet also fröhlich CO2 in die Atmosphäre, während drinnen über die Erderwärmung diskutiert wird.

Da frage ich mich, wer so etwas plant und wieso sich niemand dafür schämt, dass eine solche Veranstaltung unsere Umwelt verpestet, wenn ich als völlig Unbeteiligte schon mehrfach das dringende Bedürfnis verspüre kotzen zu gehen.

Und komm mir jetzt nicht mit so Sachen wie das geht nicht anders. Bullshit ist das.

Es gibt Locations, wo der benötigte Strom aus erneuerbaren Energien stammt. Diese Locations weisen im Übrigen regelmäßig eine bessere Dämmung auf als eine beknackte Zeltstadt und verbrauchen somit schon einmal gar nicht so viel Energie.

Da passen keine 22.000 Menschen rein, sagst du?

Vielleicht nicht. Vielleicht aber auch doch. Vielleicht hat man sich einfach nur nicht genug bemüht, eine solche Location zu finden.

Und warum, frage ich mich weiter, macht man, wenn man unbedingt eine Zeltstadt bauen will, eine solche Veranstaltung dann nicht im August oder im Juni, wenn man voraussichtlich weder Heizung noch Klimaanlage benötigt?

Zusätzlich haben Juni und August deutlich mehr Stunden Tageslicht, was dazu führen würde, dass die Ausleuchtung ebenfalls nicht so viel Strom verbraucht.

Da kann mir doch keiner erzählen, dass die Leute, die diese Veranstaltung geplant haben, wissen, wovon die Menschen auf der Bühne sprechen.

Wenn nicht mal die Menschen, die uns anderen als Vorbilder dienen sollten, konsequent nach ihren eigenen Überzeugungen handeln können, wie soll dann Otto Normalverbraucher verstehen, dass es scheiße ist, mit einem SUV durch die Gegend zu fahren?

Für mich ist klar, hier geht es mal wieder nur um Befindlichkeiten, Vorlieben und private Interessen einiger Weniger. Genau wie ein G20 Gipfel nicht in der Hamburger Innenstadt stattfinden muss, muss ein Klimagipfel nicht in einem Naherholungsgebiet durchgezogen werden.

Wenn Reiche Politiker über Armut in der Welt diskutieren, dazu unbedingt die ganze Elbphilharmonie mieten müssen, wenn Umweltbeauftragte Zeltstädte in Parkanlagen bauen und mit Dieselgeneratoren beheizen, dann machen sie genau eins, nämlich sich selbst und ihre Sache unglaubwürdig.

Aber das ist ja leider auch nichts Neues…

In oder nicht in?

Vor nicht allzu langer Zeit machte ein Freund mich aufmerksam darauf, dass ich mich wiederholt als Techniker bezeichnete, obwohl ich doch tatsächlich eine Technikerin sei.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht.

Als Frau in einer lange männerdominierten Branche ist mir das nicht mehr bewusst gewesen.

Ich denke auch, dass ich die ersten Jahre meiner Tätigkeit weitgehend damit zugebracht habe, nicht aufzufallen und nicht anders zu sein. Mich anzupassen.

Dazu gehört eben, genauso stark zu sein, genauso gut fluchen zu können, bei sexistischen Witzen einfach wegzuhören und eben auch, Techniker zu sein.

Vielleicht, weil ich mir wünschte, ich wäre dann wie meine Kollegen, vielleicht aber auch, weil meine Kollegen damals mich mit Sicherheit für ne verklemmte Feministin gehalten hätten, hätte ich darauf bestanden, Technikerin zu sein.

Es ist noch nicht so lange her, schlappe 15 Jahre, und trotzdem kommt es mir manchmal vor, als würde ich heute in einer anderen Zeit leben. In einer Zeit vielleicht, in der nur verklemmte Feministinnen darauf bestehen, so sein zu wollen, wie ihre männlichen Kollegen.

 

Ich kann das durchaus sehen.

Die jungen Typen von heute, alle so schön erzogen von Eltern, die im Grunde fast schon meine Generation sind. Die die Werte und auch die Gleichberechtigung, wenn sie Glück haben, schon vorgelebt bekommen haben. Für diese Typen muss es ja geradezu lächerlich sein, wie sehr unsereins sich bemüht, gleichberechtigt zu sein.

Und obwohl ich das durchaus sehe und die Ironie erkenne, finde ich, dass dem auch eine gewisse Arroganz zugrunde liegt und eine Ignoranz gegenüber dem, was wir – also auch ich – eigentlich auch erreicht haben.

Ich sag jetzt mal früher, auch wenn es erst 15 Jahre her ist, war es nicht selbstverständlich, dass Frauen auf einer Baustelle herumliefen. Und wenn sie es getan haben, wusste erst mal keiner so richtig etwas mit uns anzufangen.

Zum Beispiel erinnere ich mich an eine Situation, als ich noch in der Ausbildung war, wo ein Helfer mir pausenlos alles aus der Hand riss, weil er nicht wollte, dass ich irgendetwas Schweres trage, bis mein Ausbilder ihn schließlich anschrie, er solle mich endlich mal meinen Job machen lassen.

Oder später auf Tour, wenn ich in eine Halle kam und den Techniker vor Ort nach Stromanschlüssen und Ladewegen fragte und der Techniker immer an mir vorbei meinem männlichen Kollegen antwortete. Das war so regelmäßig, dass es schon ein Running Gag in der Crew war.

Oder der Hausmeister in der Messe Hannover, der mich irgendwann mal beiseite nahm und fragte, ob wir denn keine Männer in der Firma hätten, die das machen könnten.

Aber zurück zum Punkt.

Technikerin?

Vielleicht verbirgt sich hinter dem ganzen Wegkürzen auch noch etwas anderes.

Eine gewisse Müdigkeit bezüglich der Gender-Issue.

Wie oft habe ich mich auf Veranstaltungen (ganz weit vorne sind hier Parteitage) amüsiert, wie die Redner wertvolle Redezeit damit gefüllt haben, die geschätzten Genossinnen und Genossen, Zuhörerinnen und Zuhörer oder Parlamentarierinnen und Parlamentarier zu adressieren. Die FDP hat es sogar einmal fertig gebracht, die Delegiertinnen und Delegierten anzusprechen.

Das mag alles seine Berechtigung haben, wird aber in der  Realität null gelebt. Denn die Redner (nicht Rednerinnen) sind in der Regel männlich. Genau wie die Vorstands- oder Aufsichtsratsvorsitzenden.

Und jedes Jahr auf den Hauptversammlungen der großen Konzerne wird die eine mutige Dame, die dieses Thema gebetsmühlenartig auf allen HVs zum Thema macht, von Crew und Publikum verlacht, weil sie eben einfach eine untervögelte Feministin ist. Punkt.

Was nützt es ihr, wenn der Redner ihr gegenüber immer die korrekten Endungen benutzt, sie aber doch nie in den Vorstand gewählt werden wird?

Ich könnte mir vorstellen, dass mein Widerwille gegen das „–in“ daher kommt, weil es eine leere Versprechung ist. Ich möchte in meiner Realität lieber gleich behandelt werden und verzichte dafür gerne auf das „–in“.