Free floater or deep diver?

Gestern hatte ich ein Telefongespräch mit einer sehr guten Freundin, die seit einigen Jahren verheiratet ist und mit ihrem Mann zusammen lebt.

Das an sich ist erst einmal nicht Besorgnis erregend.

Was das Thema für mich überhaupt zum Thema macht ist die Freundin, die ich nun seit etwa 15 Jahren kenne, die sich in dieser Zeit von einer Frau, wie ich sie heute bin in die Frau, die sie heute ist, verwandelt hat.

Um das mal in verständliche Worte zu fassen.

Männer waren immer eine große Baustelle in meinem Leben. Sie waren entweder verheiratet, zeugten Kinder mit anderen Frauen, nahmen Drogen, waren physisch abwesend, narzisstisch gestört, bindungsunfähig oder eine beliebige Kombination aus alldem.

Wenn man sich das Muster der Männer meiner guten Freundin ansieht, möchte ich behaupten, man erkennt einige Parallelen.

Was meine Freundin und ich auch gemeinsam haben, ist die Depression.

Erst kürzlich diagnostizierte man mir schwere Depressionen und auch an dieser Stelle musste ich immer wieder an meine Freundin denken.

Jedoch, immer wenn ich in der letzten Zeit an sie dachte, sah ich eine zufriedene, ja ich möchte fast sagen glückliche Frau. Interessant, dass mich das überhaupt so überraschte.

Denn wie bereits berichtet ist sie seit einigen Jahren mit einem Mann verheiratet. Da denkt man doch eigentlich direkt an solche Sachen wie Glück und Frieden.

Ich nicht. Ich denke bei Ehe direkt an Atemnot, Fußfesseln und Fluchtoptionen. Und das ist in der Tat Besorgnis erregend.

Nicht weiter verwunderlich ist es deswegen, dass ich mich nicht mit einer solchen Institution identifizieren wollte. Ja ich ging sogar so weit, Beziehungsstrukturen an sich in Frage zu stellen.

Frei nach dem Motto, „echte Liebe braucht keine Regeln“, „wer eifersüchtig ist, muss sich von seinem Ego befreien“, „Sicherheit ist eine Illusion“ und was weiß ich nicht allem mäanderte ich durch einen Dschungel von unverbindlichen bis geheimen Affären und war eigentlich nie so richtig glücklich damit.

Dass ich eine monogame, heterosexuelle Beziehung eingehen könnte, wies ich weit von mir. Das war fast schon reaktionär, mindestens aber total 50er.

Gut, kommen wir zurück zu dem Punkt mit der Freundin, die wie gesagt in ihrem Leben einige Parallelen zu meinem zu bieten hat und nun völlig überraschend mit 50 total zufrieden in ihrer Ehe ist, sie benutzte sogar die Formulierung „angekommen“.

Je länger und intensiver ich über das Thema monogame Beziehung nachdachte und je mehr ich den Gedanken daran zuließ, desto mehr konnte ich sehen, dass diese Freundin tatsächlich glücklich ist.

Im Tantra unterscheidet man zwischen den Free Floatern – das sind diejenigen, die sich ausprobieren wollen, die den Partner wechseln möchten oder auch mehrere Partner haben, die eben komplett ohne die klassischen Vorstellungen einer Beziehungsstruktur frei ihre körperliche und gefühlte Liebe ausdrücken möchten – und den Deep Divern, was wiederum diejenigen sind, die die Reise in die Tiefe mit einem einzigen Partner anstreben, die dann, wie der Name vermuten lässt, eben tiefer eintauchen.

Ich beginne allmählich zu begreifen, dass eine Reise zu zweit in die Tiefen der Beziehung mindestens genauso spannend sein kann, wie eine Reise durch die Betten der anderen.

In Anbetracht dessen, dass irgendwann die Betten auch alle gleich aussehen, würde ich sagen, sogar deutlich spannender.

Immer deutlicher wird mir klar, dass ich in den letzten Dekaden relativ erfolgreich ein Theaterstück aufgeführt habe, in dem ich selbst die Rolle der freiheitsliebenden unabhängigen Rebellin gespielt habe, mit dem einzigen Hintergrund, dass es niemals zum Stillstand kommt, niemals Ruhe einkehrt auf der Bühne meines Lebens. Frei nach Dylan „I’ve been trying to get as far away from myself as I can“

Das fatale am Stillstand, an der Ruhe, an Pausen und Innehalten ist nämlich, dass auf einmal Themen ans Tageslicht kommen, denen man sich wirklich nicht stellen möchte. Kaum macht das Drama eine Pause, kommen irgendwelche komischen Gefühle, Gedanken oder Befindlichkeiten hoch, denen zu begegnen ich absolut nicht bereit bin, also stürze ich mich mit großer Freude sehenden Auges ins nächste Drama.

Ein guter Freund sagte einmal zu mir, nachdem ein griechischer Pseudogangster mir mein ganzes Geld aus dem Kreuz geleiert hatte, dass er bei mir das Gefühl hätte, ich müsste ständig solche Dinge erleben, damit mir nicht langweilig wird. Und damit hat er den Nagel auf den Kopf getroffen.

Jener Freund ist übrigens seit vielen Jahren sehr glücklich mit einer sehr guten Freundin verheiratet.

Zwar habe ich nicht das Gefühl, dass Stillstehen zu ihren Hauptqualifikationen gehört, aber da ist trotzdem ein Fünkchen Weisheit, auch in ihrer Ehe, die diese Ehe für mich immer zu einem großen Vorbild für mich machte. Vor allem, weil bei allem, was das Leben ihnen in den Weg stellt, die Beziehung an sich niemals in Frage gestellt wurde und meine Freundin selbst mehrfach zu mir sagte, sie sei mit dem Mann ihrer Träume verheiratet. Wie geil ist das denn bitte?!

Wenn man zusammen ist und bleibt, gibt es unweigerlich diese Momente, wo es mal gleich ist, wo es mal langsam geht, wo mal Ruhe einkehrt, wo es mal nicht total spannend ist und man inne hält. Diese Momente sind es dann vielleicht, in denen man sich selbst begegnet und das erfordert den größten Mut überhaupt.

Die Freundin gestern am Telefon meinte, wenn man mit einem Partner in die Tiefe ginge, dann müsse man sich selbst anschauen können, denn vor allem sich selbst würde man auf jeden Fall treffen.

Diese „Ich“, die fand ich aber bislang problematisch, um ehrlich zu sein. In erster Linie, weil ich nicht der Meinung war, dass irgendjemand es lange mit ihr auszuhalten im Stande wäre.

Greatest adventure will always be – letting someone close, close to me.

Um mich mal selbst zu zitieren.

Ja, genau darum geht es, genau das habe ich offensichtlich endlich begriffen. Eine monogame Beziehung ist nicht das Ende der Freiheit. Sie kann der Anfang eines unglaublich großen Abenteuers sein. Wenn man zusammen in die Tiefe gehen möchte.

Nicht zu verwechseln mit den vielen Formen des Zusammenseins weil man zum Beispiel einsam ist oder weil man bestimmte Mängel in sich selbst mit dem Gegenüber substituiert.

Allmählich finde ich in mir immer mehr auch den Wunsch nach Verbindlichkeit (wie bereits gebloggt), finde die Idee, jemanden zu heiraten, den ich wirklich liebe nicht mehr abschreckend sondern interessanterweise sogar ziemlich romantisch. Was mich direkt zu der Frage bringt, ob ich nicht vielleicht doch den Verstand verloren habe.

Und als ich gestern so aufgelegt hatte und wusste, meine Freundin kriecht jetzt zu ihrem Mann ins Bett, sie weiß, wie er riecht, kennt seine Atemgeräusche, sein Schnarchen, die kleinen immer anwesenden Zeugen ihrer Gemeinsamkeit, da war ich ein bisschen neidisch und musste mir eingestehen, dass diese Form der Sicherheit – diese Vertrautheit, die Verbindlichkeit, in der sie bei allem, was den beiden so passierte, niemals an der Beziehung an sich zweifeln – keine Illusion ist, sondern eine mutige und mit harter Arbeit verbundene Liebeserklärung an das Leben.

Nachtrag Scheiß Klima

Im Nachtrag zu meinem Beitrag „Scheiß Klima“ hat es mich ganz besonders gefreut, dass sich einige Kollegen bei mir gemeldet haben, die im Gegensatz zu mir persönlich mit der Betreuung des UN Klimagipfels in Bonn beauftragt waren.

Von ihnen stammen die Fotos anhand derer man sich ein gute Bild davon machen kann, wie das Naherholungsgebiet Bonner Rheinaue nach dem Klimagipfel aussieht.

Des weiteren bekam ich die Information, dass für den Betrieb der Generatoren auf dem UN Klimagipfel 600.000 Liter Diesel verbraucht worden sind.

Platt gesagt, mit einem SUV könnte man mit dieser Menge Diesel etwa 150 Mal die Erde umrunden.

Desweiteren wurden für die Heizung ca. 1,2 Mio. Liter Heizöl bestellt, wovon mit Sicherheit der größte Teil auch verbraucht wurde und es wurden insgesamt etwa 1.300 40-Tonnen LKW abgefertigt, das beinhaltet noch nicht die Kleintransporter, ganz zu schweigen von den PKW.

Scheiß Klima

Vor kurzem war UN Klimagipfel in Bonn.

Inzwischen weiß wohl jeder – außer des US Präsidenten Donald Trump – dass die Erde sich erwärmt und dass dies vor allem daran liegt, dass wir jede Menge CO2 ausstoßen.

Woher dieses CO2 kommt ist auch hinlänglich bekannt, nämlich durch die Nutzung fossiler Brennstoffe, die Abholzung CO2 neutralisierender Wälder und die Fleischindustrie.

Nun treffen sich dazu die wichtigen Männer und Frauen der Welt, was ja erst einmal begrüßenswert ist, in der Rheinaue in Bonn.

Die Rheinaue – für alle Nicht-Rheinländer – ist ein Naherholungsgebiet. Dort steht erst einmal gar kein Gebäude, in dem man ein solches Event stattfinden lassen könnte. Dort gibt es vorrangig Wiesen, Seen, Tiere und Spielplätze.

Damit also großspurig über das Weltklima diskutiert werden kann, muss man in die Rheinaue erst einmal eine Location bauen.

Hier stellt sich bei mir die erste Befremdung ein und zudem die Frage, ob es denn in unserem Land nicht genug bereits bestehende Häuser gibt, in denen man eine solche Veranstaltung stattfinden lassen kann.

Aber irgendwer bei der UN oder der von der UN mit der Durchführung dieser Veranstaltung betreuten Agentur hat wahrscheinlich im Vollsuff, mindestens aber in Abwesenheit großer Teile seines Verstandes entschieden, für diese Konferenz eine Zeltstadt in die Bonner Rheinaue zu bauen.

So kann man sich dann auch direkt über die Folgen der menschlichen Dekadenz für unsere Natur informieren, allerding erst nach der Veranstaltung.

Ja, mal im Ernst, muss man denn wirklich eine Zeltstadt in ein Naherholungsgebiet bauen, damit die Köpfe und Köpfinnen der Welt über unser Klima diskutieren können?

Und schwupps sind wir bei einem Thema, dass mich als Veranstaltungstechnikerin wiederkehrend beschäftigt, nämlich der Zusammenhang des Inhaltes einer Veranstaltung und deren Ausführung.

Man muss sich nur mal angucken, was bei einer Veranstaltung im Industriesegment alles weggeworfen wird. Da werden komplette Häuser in Messehallen gebaut, richtige Häuser mit Wänden, Treppen, Glasfronten, Unterputzleitungen, Einbaulampen und Lautsprechern etc. und das wird nach der Messe alles in die Tonne gekloppt, weil es billiger ist, das neu zu kaufen als es einzulagern.

Oder wie die Crew behandelt wird. Da gibt es Welten an Unterschieden. In der Regel gibt es den Kunden, der alles darf, dann die Agenturen, dann irgendwann kommen die Techniker, dann die Helfer und ganz zum Schluss die Messebauer.

Während also die Assistentin des Vorstandsvorsitzenden, der noch gar nicht angereist ist, mit dem Service des Ritz Carlton darüber diskutiert, ob in der Suite auf dem Kaminsims ein Kerzenleuchter oder eine Blumenvase stehen soll, arbeitet der polnische Messebauer 12 Stunden hart, muss sein Feierabendbier selbst bezahlen und teilt sich das Zimmer im Ibis Budget mit seinem Kollegen.

Es ist dann kaum noch aushaltbar, wenn man auf der Veranstaltung eben jenen Vorstandsvorsitzenden über Förderung der Nachwuchskräfte reden hört gefolgt von einem teuer produzierten Imagefilm, der die soziale Verantwortung des Konzerns unterstreicht.

Aber das nur so am Rande.

Im Fall der Klimakonferenz war ich nicht direkt beteiligt, habe also keine handfesten Fakten. Was ich aber habe ist eine Meinung und Erfahrungswerte auf die sich erstere stützt.

Eine Zeltstadt im November braucht eine Heizung, denn im November ist es in Bonn kalt.

Zelte, im Gegensatz zu festen Gebäuden, besitzen nur eine geringe bis gar keine Dämmung und müssen daher stärker geheizt werden als ihre Verwandten aus Stein.

In der Rheinaue befinden sich nur in geringem Maße Stromanschlüsse, und da in den Zelten ja nicht nur der Strom für Heizungen benötigt wird (Heizen mit Strom ist im Übrigen unfassbar ergiebig) sondern wie bei allen Veranstaltungen üblich auch welcher für Video, Fernsehen, Licht, Ton und Catering, ist davon auszugehen, dass die Stromversorgung zumindest durch Generatoren ergänzt wurde, wenn sie nicht sogar hauptsächlich durch solche erfolgte.

Für alle Nicht-Stromer, so ein Generator wird mit Dieselkraftstoff betrieben, welches ein fossiler Brennstoff ist. (Spätestens jetzt habe ich den Drang, einmal bitter zu lachen…)

Man kann – zumindest nach meinem Kenntnisstand – einen Generator in dem Rahmen, wie man ihn für eine solche Veranstaltung benötigt, bislang weder mit Solarenergie, noch mit Windkraft betreiben. Er pustet also fröhlich CO2 in die Atmosphäre, während drinnen über die Erderwärmung diskutiert wird.

Da frage ich mich, wer so etwas plant und wieso sich niemand dafür schämt, dass eine solche Veranstaltung unsere Umwelt verpestet, wenn ich als völlig Unbeteiligte schon mehrfach das dringende Bedürfnis verspüre kotzen zu gehen.

Und komm mir jetzt nicht mit so Sachen wie das geht nicht anders. Bullshit ist das.

Es gibt Locations, wo der benötigte Strom aus erneuerbaren Energien stammt. Diese Locations weisen im Übrigen regelmäßig eine bessere Dämmung auf als eine beknackte Zeltstadt und verbrauchen somit schon einmal gar nicht so viel Energie.

Da passen keine 22.000 Menschen rein, sagst du?

Vielleicht nicht. Vielleicht aber auch doch. Vielleicht hat man sich einfach nur nicht genug bemüht, eine solche Location zu finden.

Und warum, frage ich mich weiter, macht man, wenn man unbedingt eine Zeltstadt bauen will, eine solche Veranstaltung dann nicht im August oder im Juni, wenn man voraussichtlich weder Heizung noch Klimaanlage benötigt?

Zusätzlich haben Juni und August deutlich mehr Stunden Tageslicht, was dazu führen würde, dass die Ausleuchtung ebenfalls nicht so viel Strom verbraucht.

Da kann mir doch keiner erzählen, dass die Leute, die diese Veranstaltung geplant haben, wissen, wovon die Menschen auf der Bühne sprechen.

Wenn nicht mal die Menschen, die uns anderen als Vorbilder dienen sollten, konsequent nach ihren eigenen Überzeugungen handeln können, wie soll dann Otto Normalverbraucher verstehen, dass es scheiße ist, mit einem SUV durch die Gegend zu fahren?

Für mich ist klar, hier geht es mal wieder nur um Befindlichkeiten, Vorlieben und private Interessen einiger Weniger. Genau wie ein G20 Gipfel nicht in der Hamburger Innenstadt stattfinden muss, muss ein Klimagipfel nicht in einem Naherholungsgebiet durchgezogen werden.

Wenn Reiche Politiker über Armut in der Welt diskutieren, dazu unbedingt die ganze Elbphilharmonie mieten müssen, wenn Umweltbeauftragte Zeltstädte in Parkanlagen bauen und mit Dieselgeneratoren beheizen, dann machen sie genau eins, nämlich sich selbst und ihre Sache unglaubwürdig.

Aber das ist ja leider auch nichts Neues…

In oder nicht in?

Vor nicht allzu langer Zeit machte ein Freund mich aufmerksam darauf, dass ich mich wiederholt als Techniker bezeichnete, obwohl ich doch tatsächlich eine Technikerin sei.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht.

Als Frau in einer lange männerdominierten Branche ist mir das nicht mehr bewusst gewesen.

Ich denke auch, dass ich die ersten Jahre meiner Tätigkeit weitgehend damit zugebracht habe, nicht aufzufallen und nicht anders zu sein. Mich anzupassen.

Dazu gehört eben, genauso stark zu sein, genauso gut fluchen zu können, bei sexistischen Witzen einfach wegzuhören und eben auch, Techniker zu sein.

Vielleicht, weil ich mir wünschte, ich wäre dann wie meine Kollegen, vielleicht aber auch, weil meine Kollegen damals mich mit Sicherheit für ne verklemmte Feministin gehalten hätten, hätte ich darauf bestanden, Technikerin zu sein.

Es ist noch nicht so lange her, schlappe 15 Jahre, und trotzdem kommt es mir manchmal vor, als würde ich heute in einer anderen Zeit leben. In einer Zeit vielleicht, in der nur verklemmte Feministinnen darauf bestehen, so sein zu wollen, wie ihre männlichen Kollegen.

 

Ich kann das durchaus sehen.

Die jungen Typen von heute, alle so schön erzogen von Eltern, die im Grunde fast schon meine Generation sind. Die die Werte und auch die Gleichberechtigung, wenn sie Glück haben, schon vorgelebt bekommen haben. Für diese Typen muss es ja geradezu lächerlich sein, wie sehr unsereins sich bemüht, gleichberechtigt zu sein.

Und obwohl ich das durchaus sehe und die Ironie erkenne, finde ich, dass dem auch eine gewisse Arroganz zugrunde liegt und eine Ignoranz gegenüber dem, was wir – also auch ich – eigentlich auch erreicht haben.

Ich sag jetzt mal früher, auch wenn es erst 15 Jahre her ist, war es nicht selbstverständlich, dass Frauen auf einer Baustelle herumliefen. Und wenn sie es getan haben, wusste erst mal keiner so richtig etwas mit uns anzufangen.

Zum Beispiel erinnere ich mich an eine Situation, als ich noch in der Ausbildung war, wo ein Helfer mir pausenlos alles aus der Hand riss, weil er nicht wollte, dass ich irgendetwas Schweres trage, bis mein Ausbilder ihn schließlich anschrie, er solle mich endlich mal meinen Job machen lassen.

Oder später auf Tour, wenn ich in eine Halle kam und den Techniker vor Ort nach Stromanschlüssen und Ladewegen fragte und der Techniker immer an mir vorbei meinem männlichen Kollegen antwortete. Das war so regelmäßig, dass es schon ein Running Gag in der Crew war.

Oder der Hausmeister in der Messe Hannover, der mich irgendwann mal beiseite nahm und fragte, ob wir denn keine Männer in der Firma hätten, die das machen könnten.

Aber zurück zum Punkt.

Technikerin?

Vielleicht verbirgt sich hinter dem ganzen Wegkürzen auch noch etwas anderes.

Eine gewisse Müdigkeit bezüglich der Gender-Issue.

Wie oft habe ich mich auf Veranstaltungen (ganz weit vorne sind hier Parteitage) amüsiert, wie die Redner wertvolle Redezeit damit gefüllt haben, die geschätzten Genossinnen und Genossen, Zuhörerinnen und Zuhörer oder Parlamentarierinnen und Parlamentarier zu adressieren. Die FDP hat es sogar einmal fertig gebracht, die Delegiertinnen und Delegierten anzusprechen.

Das mag alles seine Berechtigung haben, wird aber in der  Realität null gelebt. Denn die Redner (nicht Rednerinnen) sind in der Regel männlich. Genau wie die Vorstands- oder Aufsichtsratsvorsitzenden.

Und jedes Jahr auf den Hauptversammlungen der großen Konzerne wird die eine mutige Dame, die dieses Thema gebetsmühlenartig auf allen HVs zum Thema macht, von Crew und Publikum verlacht, weil sie eben einfach eine untervögelte Feministin ist. Punkt.

Was nützt es ihr, wenn der Redner ihr gegenüber immer die korrekten Endungen benutzt, sie aber doch nie in den Vorstand gewählt werden wird?

Ich könnte mir vorstellen, dass mein Widerwille gegen das „–in“ daher kommt, weil es eine leere Versprechung ist. Ich möchte in meiner Realität lieber gleich behandelt werden und verzichte dafür gerne auf das „–in“.

Brain Damage

The lunatic is in my head
The lunatic is in my head
You raise the blade, you make the change
You re-arrange me till I’m sane

Wenn ich jetzt hier so sitze und meine Mitmenschen betrachte, denke ich oft, wie verrückt wir Menschen eigentlich sind, an schädlichem Verhalten festzuhalten, uns kaputt zu machen und so vehement am Alten zu klammern, obwohl wir sehen, wie es uns fertig macht.

Vor einigen Tagen haben wir uns über die Transformation der Schlange unterhalten, die Symbolik der Häutung im Sinne von „Altes hinter sich lassen“ und sind darüber auf den Schmetterling gekommen.

Wenn man sich das mal nüchtern anguckt (und ich bin sowas von nüchtern), ist der Schmetterling ein echt krasses Wesen. Erst ist er eine Raupe, und frisst wie bekloppt, dann baut er einen Kokon und kommt als Schmetterling wieder. Aber das ist noch nicht alles. Er ist nicht nur ein komplett anderes Tier, er kann auch auf einmal fliegen.

Ich meine, stellt Euch das mal vor.

Die Metamorphose des Schmetterlings bezeichnet man in der Biologie tatsächlich als katastrophale Metamorphose. Das finde ich total passend. Damit dieser wunderschöne Schmetterling entstehen kann muss die Raupe sterben. Zwar ist das Lebewesen hinterher irgendwie immer noch dasselbe, aber viele Dinge werden in der Tat komplett erneuert.

Die Organe der Raupe werden zum Beispiel vom Schmetterling nicht mitbenutzt, sie sterben und es entstehen neue Organe. Nur wenige Prozent der Zellen der Raupe sind nachher auch noch im Schmetterling. Ein Großteil der Raupe stirbt. Wenn das mal keine Katastrophe ist.

Und damit haben die meisten von uns ein Problem. Die Dinge mögen ein wenig aus dem Ruder laufen und manchmal laufen sie vielleicht sogar extrem aus dem Ruder, aber wir machen so weiter, denn wir kennen es nicht anders.

Diesbezüglich frage ich mich im Übrigen häufig, ob die Menschen, die verrückt sind, nicht in Wirklichkeit diejenigen sind, die normal sind und umgekehrt, weil doch die Verrückten die Menschen sind, die mit der Welt nicht klarkommen. Und die Welt, mal ganz ehrlich, ist sowas von nicht in Ordnung. Die Menschen, die damit zurechtkommen, die es ertragen, dass Menschen verhungern, weil wir im Überfluss leben, dass Tiere gequält werden, damit wir Pelzmäntel tragen, dass die Natur stirbt, damit wir SUVs fahren können, dass Kinder misshandelt, Frauen vergewaltigt, Homosexuelle gesteinigt und Witwen verbrannt werden, die Menschen, die das ertragen können, die müssen doch verrückt sein. Und die, die es nicht können, die sind doch eigentlich normal, oder?

Aber das nur am Rande.

Die Dinge laufen aus dem Ruder, das steht einfach mal fest. Aber wir verändern nichts. Nicht weil wir nicht können oder nicht wollen, nicht weil wir nicht begriffen haben, dass wir es müssen, sondern weil die Veränderung an sich uns eine riesengroße Angst einjagt.

Es gibt Menschen, die lassen sich von ihrem Partner schlagen; und laufen sie weg? Nein. In der Regel nicht. Und andere Menschen opfern sich für die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen auf, bis nichts mehr von ihnen übrig ist. Hören sie damit auf? In der Regel nicht. Menschen betäuben sich, kotzen sich halb tot, rennen Arschlöchern hinterher, lassen sich benutzen, und jeder checkt, dass es völlig aus dem Ruder läuft, aber ändern tun sie’s trotzdem nicht.

Und was, frage ich mich, was ist an dieser Veränderung, vor der sich alle fürchten, so viel schlimmer, als sich schlagen zu lassen, sich tot zu saufen, sich wie ein Stück Scheiße zu fühlen?

Ich krieg jetzt den Bogen, versprochen.

Der Tod, den man sterben muss. Da liegt die Angst.

Die wenigsten können eine katastrophale Metamorphose durchmachen, weil wir Menschen verlernt haben, darauf zu vertrauen, als Schmetterling aus unserem Kokon zurückzukehren. Wir sehen nur, dass die Raupe sterben muss und weil die Raupe alles ist, was wir kennen, und wir uns mit ihr identifizieren, macht uns das solche Angst, dass wir krampfhaft versuchen, weiter als Raupe zu leben.
Nichts gegen Raupen.

Insgesamt würde ich das sogar soweit reduzieren, dass das Problem, was wir haben ein Glaubensproblem ist. Wir glauben nicht an den Schmetterling. Wir glauben nicht an uns selbst. Deshalb reduzieren wir uns auf einen Bruchteil dessen, was wir eigentlich sein könnten und werden krank dabei.

Oh man, das macht mich unglaublich traurig.

Ich stelle mir nämlich grad vor, wie schön es sein könnte, wenn wir alle Schmetterlinge wären.

Meine Fresse, dann könnten wir fliegen, wie geil wär das denn bitte?!

And if the cloud bursts thunder in your ear
The shouting no-one seems to hear
And if the band you’re in starts playing different tunes
I’ll see you on the dark side of the moon

 

Schmerz und Leid

Ich mache mir Gedanken über den Schmerz.

Was ist Schmerz überhaupt?

Wenn man Wikipedia glaubt, ist Schmerz eine komplexe subjektive Sinneswahrnehmung.

Das interessante hieran finde ich das Wörtchen „subjektiv“, denn das legt nahe, dass Schmerz nicht von jedem Menschen gleich empfunden wird.

Wir sind ja kulturell sehr gut darauf trainiert, Schmerz zu vermeiden, sei es durch erhöhten Konsum von Alkohol und anderen Substanzen, Ablenkung und Zerstreuung oder Vermeidung von tiefen Gefühlen per se.

Damit geben wir uns unglaubliche Mühe, so dass man wirklich den Eindruck gewinnt, dieser Schmerz muss etwas ganz Furchtbares sein.

Und jeder, der von dieser Welle schon einmal überrollt wurde, weiß, wie überwältigend Schmerz sein kann.

Auch hier frage ich mich, wie das Wörtchen „subjektiv“ hier hinein passt.

Vielleicht hilf es, meine Gedankengänge um das Wort „Leid“ zu erweitern. Selbst, wenn der Schmerz der gleiche ist, ist das Leid vielleicht unterschiedlich. Manche Menschen haben Schmerzen und leiden nicht, manche Menschen leiden furchtbar.

Mein Hund zum Beispiel, der leidet irgendwie nie. Wenn ich ihm zum dritten Mal am Tag aus Versehen auf die Pfoten gelatscht bin, kommt immer noch nicht mehr als nur ein verständnisloser Blick, wo andere Hunde schon lange quietschend und jaulend auf sich aufmerksam gemacht hätten.

Trotzdem tut es sicher weh, wenn ich auf seiner Pfote stehe.

Was ist also Leid? Und wie verhält es sich zum Schmerz?

Wikipedia sagt dazu, dass unter anderem Schmerz als Leid empfunden wird, wobei ich die anderen Dinge, die laut Wikipedia als Leid empfunden werden, (Nichterfüllung von BedürfnissenHoffnungen und Erwartungen, der Verlust von nahestehenden Individuen, die Trennung von sozialen Gruppen, äußere Zwänge und BegrenztheitenAlterKrankheit und Tod) durchaus auch als Schmerz bezeichnen würde. Aber das mag wissenschaftlich ungenau sein.

Schmerz ist also eine subjektive Sinneswahrnehmung, die als Leid empfunden wird. Kann man das so sagen?

Die Buddhisten sagen, dass alles Leid (alles!) dadurch entsteht, dass wir uns als Individuen sehen, dass wir also nicht erkennen, dass wir in Wirklichkeit alle eins sind. Und diese scheinbare Trennung ist die so genannte „root disease“.

Daran mag man nun glauben oder nicht, aber schaut man sich die Liste der Dinge an, die Laut Wikipedia als Leid empfunden werden, (zur Erinnerung: Nichterfüllung von BedürfnissenHoffnungen und Erwartungen, der Verlust von nahestehenden Individuen, die Trennung von sozialen Gruppen, äußere Zwänge und BegrenztheitenAlterKrankheit und Tod) so fällt auf, dass Vieles davon tatsächlich auf eine Trennung zurückzuführen ist.

Das mag auch erklären, warum Menschen, die leiden, Besserung verspüren, wenn jemand bei ihnen ist.

Eine andere Theorie, die ich persönlich für besonders interessant halte ist die, dass Leid dadurch entsteht, dass wir an etwas festhalten, was nicht ist, dass wir uns also gegen das, was ist, wehren.

Der Schmerz als Quelle des Widerstandes ist in dem Fall nicht leidverursachend sondern der Widerstand.

Das finde ich unglaublich interessant, denn ich kenne zum Beispiel aus eigener Erfahrung Phasen, in denen ich das Leid künstlich verlängert habe, weil ich mich mit Tatsachen einfach nicht abgefunden habe.

Zu unserer Verteidigung muss ich sagen, dass wir natürlich auch nicht lernen, wie man loslässt und es deswegen meistens gar nicht können.

Wir wissen nicht, wie man stirbt oder wie man trauert.

In seinem Buch „Tuesdays with Morrie“ erzähl Mitch Albom, wie der im Sterben liegende Morrie immer wieder sagt, „Wenn du lernst wie man stirbt, lernst du, wie man lebt“.

Das ist sehr sehr wahr. In dem Kontext, in dem er gesagt wurde, weil ein im Sterben liegender Mensch auf einmal seinen Fokus auf die wesentlichen Dinge im Leben legen kann, Dinge wie Liebe, Nähe, Familie und Freunde etc. und die leeren Hüllen von Geld, Ruhm, Freiheit und Besitz ihre Bedeutung verlieren.

In einem anderen Kontext ist dieser Satz aber genauso wahr.

Wenn wir Dinge und Menschen loslassen, die wir lieben, wenn sie aus unserem Leben gerissen werden oder gehen, dann sterben wir auch einen kleinen Tod. Mit den Menschen und Dingen, die gehen, sterben immer auch die Träume oder Erwartungen, die noch nicht miteinander gelebte Zukunft.

Wenn wir also lernen, wie man stirbt, dann erst können wir leben, weil wir nicht mehr festhalten an etwas, das tot ist, an etwas, das nicht ist.

Akzeptieren wir das was ist, gibt es kein Leid.

Und das gilt offenbar auch dann, wenn es Schmerz gibt. Schmerz an sich kann man nicht vermeiden. Er kommt.

Meine Standardreaktion auf den sich ankündigenden Schmerz ist immer Vermeidung. Die wiederum dann das Leid verursacht. Klingt für mich logisch.

Ein weiterer Grund allerdings, warum ich glaube, dass wir Schmerz vermeiden, ist der, dass Schmerz ein Gefühl ist, dass einen komplett überrollt. Wir sind es nicht gewöhnt, tiefe Gefühle zu empfinden. Deshalb macht uns ein solch intensives Gefühl Angst.

Genau wie seine Schwestern, die Nähe und die Liebe, kann der Schmerz die Angst erwecken, sich selbst darin zu verlieren, das Gefühl nicht mehr kontrollieren zu können. Dazu kommt deswegen dann eine gewisse Ohnmacht, Kontrollverlust.

 

Was sagt mir das nun? Vielleicht kann man viel Leid vermeiden, wenn man den Schmerz akzeptiert und die Ursache des Schmerzes loslässt. Das wäre der Versuch einer Zusammenfassung.

Aber wie immer, ist das natürlich schön gesagt, in der Praxis tut es einfach nur weh!

Das Zeitalter des Non-Commitments

In den letzten Wochen ist mir eine Sache immer wieder aufgefallen (und zugegeben auch unfassbar auf den Zeiger gegangen). Nicht-Entscheidungen.

Das fängt an bei unserer Bundestagswahl, vor der sich niemand so richtig festlegen wollte, ob und mit wem er denn nach der Wahl koalieren möchte, sollte er denn gewählt werden.

Selbst nach der Wahl ist man sehr zurückhaltend mit Zusagen.

Beruflich ist es nicht anders. Jobanfragen kommen seit neustem erst eine Woche vor dem Job, und auch hier versichert mir der Kunde, dass dies nur daran liege, dass der Endkunde sich nicht so richtig entscheiden wolle.

Die Pest des Non-Commitments erhält auch fleißig Einzug in die privaten Bereiche in Form von vagen Verabredungen, Facebook Event „Vielleicht“-Zusagen und so weiter.

 

Was genau lässt uns davor zurückschrecken, uns festzulegen?

Zugegeben, ich selbst bin ein großer Fan davon, nicht zu wissen, wie mein nächster Monat sich gestalten wird, denn das ist spannend und spannend ist das Gegenteil von langweilig und langweilig ist so ungefähr das Todesurteil.

Aber warum?

Entscheide ich mich für etwas, entscheide ich mich automatisch gegen etwas anderes.

Ich wollte zum Beispiel immer einen Hund haben. Ging aber nicht, weil mein Leben zu spontan, zu chaotisch, zu unstet war (und ist).

Nun ergab es sich, dass mein Hund sich für mich entschieden hat und nun bei mir ist. Ich habe mich entschieden, indem ich mich nicht gegen ihn entschieden habe. Alles wogegen ich mich damit automatisch entschieden habe (lange Fernreisen, eine gewisse Spontaneität, Aufenthalte auf Spielplätzen und Kleidung ohne Haare) ist relativ irrelevant geworden. Weil mein Hund einfach unfassbar geil ist. Aber das konnte ich vorher nicht wissen, ich habe es erst herausgefunden, nachdem ich eine Entscheidung getroffen habe.

Trotz dieser positiven Verstärkung treffe ich weiterhin ungern Entscheidungen und beobachte das gleiche Phänomen in meinem Umfeld.

Bei einem sehr inspirierenden Gespräch mit einem Freund vermutete dieser, dass wir uns wahrscheinlich daran gewöhnen müssen, dass in Zukunft nichts mehr entschieden wird, dass es vielmehr immer weiter in Richtung Spontaneität laufe, weil Entscheidungen in erster Linie aus einem Sicherheitsbedürfnis getroffen würden. Und Sicherheit – darin sind wir beide uns absolut einig – ist eine Illusion.

Wenn dem so ist, warum nervt es mich dann so sehr, dass meine Umgebung nicht willens ist, Entscheidungen zu treffen und warum fehlt mir die Verbindlichkeit?

Wie kann ich denn eine Partei wählen, wenn ich nicht weiß, ob die hinterher mit der linken oder mit der rechten Seite koalieren? Da fehlt mir eine gewisse Griffigkeit, eine Kontur.

Und so ist das auch bei Menschen.

Wenn jemand pausenlos nicht weiß, was er will, dann fehlt ihm ein Gesicht, ein Merkmal, dass ihn zu einem Individuum macht, ihn von der Masse abhebt.

Manchmal verwechseln wir Verbindlichkeit mit Unbeweglichkeit. Wir denken, wenn wir eine Entscheidung für etwas treffen, treffen wir gleichzeitig eine Entscheidung gegen etwas anderes.

Aber indem wir gar keine Entscheidung treffen, entscheiden wir uns gegen alles.

 

Und manchmal verwechseln wir Entscheidungen treffen mit Sicherheit und halten uns an etwas fest, was es so nicht gibt.