Nicht hängen lassen

Viele von uns sitzen seit Tagen zuhause und haben nichts zu tun. Einige seit Wochen.

Die Eventbranche ist längst nicht mehr die einzige Branche die es hart trifft, aber es war so ziemlich die erste, weswegen wir Veranstaltungsbeteiligten quasi schon am längsten beschäftigungslos sind.

Und so langsam macht sich das bemerkbar. Langsam poppen hier und da verschiedene Diskussionsrunden auf, wo es um psychische Folgen des Kontaktverbots geht, während es sich vorher häufig um die wirtschaftlichen und gesundheitlichen Auswirkungen drehte.

Diesbezüglich möchte ich Euch ein wenig aus meinem Alltag berichten.

Ich leide ja, wie viele von Euch wissen, unter Depressionen und habe deswegen bereits dem ein oder anderen Therapeuten zu moderatem Reichtum verholfen. Depressionen zu haben ist dem momentanen Zustand sehr ähnlich, nur dass die Vereinsamung, die Isolation und das Gedankenkarussel von innen kommen. Nun kommen diese Faktoren von außen, aber sie machen mit uns das selbe.

Ich will hier auf keinen Fall behaupten, dass irgendwer unberechtigt herumjammert. Ganz im Gegenteil, wir haben allen Grund dazu. Es ist nur psychologisch nicht hilfreich, denn wenn man jammert, begibt man sich in ein Gefühl von Ohmacht, Opferdasein und Mangel. Und genauso fühlt man sich dann auch.

Besser ist es meiner Meinung nach, das ganze als Abenteuer und Herausforderung zu betrachten, damit die kreativen Ressourcen angezapft werden, wir fühlen uns angespornt, gebraucht und nützlich.

Deswegen präsentiere ich heute meine Top 4 goldenen Regeln gegen Vereinsamung, allesamt am eigenen Leib getestet und für wirksam befunden. Los geht‘s:

Ein geregelter Tagesablauf

Endlich können wir jeden Tag ausschlafen, haben keine Termine mehr, können um 10 schon das erste Bier aufmachen und im Schlafanzug durch die Wohnung rennen, bis es wieder Zeit für’s Bett ist. Ein Traum. Wirklich?

Wer das eine Weile macht, wird feststellen, dass man sich anfangs noch herrlich rebellisch fühlt, aber nach ein paar Tagen verliert man das Gefühl für die Zeit, die Tage verschwimmen ineinander, Erfolgserlebnisse bleiben aus (weil man nichts tut) und der große Traum wird zum Alptraum.

Ich hab das früher viel und gerne gemacht und mich regelmäßig darin verloren. Wir sind nicht dafür gemacht, unproduktiv zu sein, nicht so eine lange Zeit am Stück. Mir hilft es, einen regelmäßigen Tagesablauf zu haben und mir zwischendurch ein paar Tage des Gehenlassens zu gönnen, mit Deadline. (Dazu gibt es verschiedene Artikel, die allesamt sehr interessant sind)

Das sieht dann so aus: um 8 Uhr aufstehen und Kaffee kochen, mit Kaffee im Bett sitzen und Vogelhaus beobachten, um 9 Uhr mit dem Hund rausgehen. Auf dem Weg beim Pavillion einen weiteren Kaffee kaufen, kurz schnacken, zurück nach Hause. Homeoffice.

Ich habe einen Hund, das hilft sehr. Aber auch mit Kindern funktioniert regelmäßiges frühes Aufstehen super. Wer beides nicht hat, kann sich zum Beispiel mit einem Freund zum Joggen treffen oder sich vornehmen, morgens um eine bestimmte Zeit Brötchen beim Bäcker holen zu gehen.

Dann schaffe ich mir Rituale. Die helfen mir, mich durch einen sonst sehr ereignislosen Tag durchzuhangeln. Ich rufe vormittags meinen Vater an. Um 13h höre ich das Coronavirus Update von NDR Info. Donnerstags mache ich meine Buchhaltung (nicht, dass es da gerade viel zu tun gäbe), Sonntags gucke ich Tatort.

Zwischendurch sitze ich natürlich auch an meinem Schriebtisch und schreibe Bewerbungen, Anträge auf Kredite den ganzen Scheiß, den Ihr auch macht, aber eben nicht nur.

Fokus verändern

Die meiner Meinung nach wichtigste Regel. Die Situation ist, wie sie ist. Wir haben sehr wenig Einfluß auf sie. Auf was wir aber 100% Einfluß haben, ist unsere Wahrnehmung der Situation.

Versteht mich nicht falsch, ich will nicht, dass wir alle New-Age-mäßig durch die Gegend rennen und alles positiv sehen, wenn alles negativ ist. Aber es hilft zum Beispiel schon sehr, wenn man sich ehrlich fragt, wie schlimm es in diesem Moment wirklich ist.

Das ist ein Trick aus der Meditationstechnik, den die Psychotherapie entliehen hat und Achtsamkeitsübung nennt. Dafür gibt es im Netz zahlreiche Beispiele. Ich mache das zum Beipiel so: Ich schließe meine Augen, atme tief ein und aus, fühle den Atem, wie er in meine Lunge strömt, spüre kurz die Erde unter meinen Füßen und frage mich: Bin ich satt? Ist mir warm? Habe ich ein Dach über dem Kopf? Ergo, es geht mir in diesem Augenblick gut. Alles, was ich als belastend empfinde, passiert in meinen Gedanken.

Ich habe zum Beispiel Zukunftsängste, weil ich keine Arbeit in Aussicht habe, aber Miete zahlen muss, Lebensmittel halten auch nicht ewig usw. Ihr wißt, wovon ich spreche. Das ist aber nur in meinem Kopf.

Steile These, denn es ist ja trotzdem real und wichtig, sich der Situation zu stellen, es hilft aber nichts, wenn man sich von diesem Gefühl beherrschen läßt.

Ich könnte zum Beispiel auch an die Sache herangehen und sagen, krasses Abenteuer, ich hab keine Arbeit, ich werde auch auf die gewohnte Weise erst einmal keine Arbeit bekommen, wie kann ich überleben? Klingt gleich ganz anders, und dann werde ich kreativ.

Dann will ich Spargeltecherin, Müllauto- oder Lieferandofahrerin, Labor-Kurierin, Babysitterin, Buchhalterin werden oder dabei helfen, auf der Messe ein Notlazarett zu bauen. Und ich setze mich auf meinen Hintern, googele, verwerfe vielleicht die Idee mit dem Müllauto wieder und schreibe für den Rest Bewerbungen.

Anstatt also ohnmächtig und erschlagen herumzujammern und mich scheiße zu fühlen, dreht sich mein Gedankenapparat um eine kreative Lösungsfindung und nicht um das Problem. Ich fühle mich herausgefordert.

Das kann nicht jeder sofort, aber das kann man üben. Ich nenne das Gedankenhygiene.

Ich kann mich zum Beipiel wunderbar in Horrorszenarien hineinsteigern, mich fürchterlich aufregen, Alpträume haben und lethargisch herumhängen und jammern, aber die Erfahrung hat gezeigt, dass mich dieses Verhalten noch nie irgendwohin geführt hat, außer in die Depression.

Was auch ein wunderbares Tool ist, den Fokus zu verändern, ist Dankbarkeit.

Auch das kann man üben, hab ich gemacht, ist nicht immer leicht.

Zum Beipiel geht es mir gerade finanziell so schlecht, dass mein Vater meine Miete zahlt. Das ist manchmal ein ganz schön blödes Gefühl. Wer liegt schon gerne den Eltern auf der Tasche, nach 20 Jahren Selbständigkeit? Könnte ich mich jetzt für schämen, mich selbst dafür runterputzen, dass ich nicht alleine klarkomme. Aber ich kann auch einfach dankbar sein. Dankbar dafür, dass ich einen Vater habe, der meine Miete zahlen kann und es auch noch tut. Das hat nicht jeder, das ist eine tolle Sache.

Ich bin dankbar dafür, dass ich gesund bin und dass meine Eltern es auch sind, auch das ist heute nicht selbstverständlich. Ich bin dankbar, dass ich einen Hund habe, der Struktur in meinen Alltag bringt und dass ich nicht in Quarantäne bin, so dass ich auch selbst noch mit ihm rausdarf.

Jeder von Euch hat so etwas, wenn man lange genug sucht, findet man immer etwas. Der blühende Baum direkt vor dem Fenster, die Kids, leckeres Essen, Sonnenschein, kleine Gesten von Mitmenschen. Übung macht den Meister.

Kleingt total albern und profan, aber wenn man es schafft, den Fokus zu verändern, verändert sich alles.

Dinge tun, für die man sonst nie Zeit hat

Ich hab so eine Liste, auf der stehen Dinge, die ich immer schon mal machen wollte, für die ich aber nie Zeit hatte. Jetzt ist diese Zeit.

Ich habe zum Beispiel endlich mal meine Webseite an den Start gebracht. Dann habe ich den Küchenboden abgeschliffen und gestrichen, nun lerne Italienisch (geht wunderbar online). Jetzt ziehe ich mein unfertiges Manuskript aus der Schublade und schreibe es weiter (ich wollte sagen fertig, aber wer weiß, was noch dazwischen kommt).

Habt Ihr auch so Sachen? Spülmaschine reparieren, Vectorworks lernen, Baumhaus für die Kids bauen, Fotoalbum des letzten Urlaubs machen, Platte aufnehmen, Plätzchen backen und an die Nachbarn verschenken, für den Marathon trainieren, Wohnzimmer streichen, Sushi selber machen?!

Jetzt ist die Zeit dafür!

Vernetzt Euch

Während des Kontaktverbots ist es besonders wichtig, dass wir Kontakte pflegen. Physischer Kontakt ist wichtiger als wir denken und wenn der ausbleibt (und wenn es nur die freundschalftliche Umarmung der Arbeitskollegen ist), dann macht das etwas mit uns. Daher, wenn Ihr keinen Hund habt oder mit Eurer Familie zusammen seid, haltet Kontakt.

Ich telefoniere zum Beispiel viel, täglich mit meinem Vater, aber auch mit Kollegen, höre, wie es bei denen aussieht, das gibt uns allen ein Gefühl dafür, dass wir zusammen in der Scheiße stecken und nicht jeder alleine.

Ich schreibe meinen Freunden im Ausland, in Italien vor allem, frage, wie es bei ihnen ist, rufe in England an, whatsappe nach Bali. So haben wir alle ein Gefühl von Beieinandersein. Das ist wichtig.

Also, nicht hängen lassen, weitermachen! Fühlt Euch gedrückt!!

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