Ich mag, wie Du lebst

Ich mag, wie Du lebst. Hin und wieder sagt das mal wer zu mir. Da geht es meistens um meine Reisen und meine vermeintliche Ungebundenheit und Freiheit.

Ja, ich liebe auch wie ich lebe, sonst würde ich es nicht tun.

Freiheit, eine der wichtigsten Dinge in meinem Leben neben nur ganz wenigen anderen wie zum Beispiel Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Loyalität. Dieser Freiheit fällt Vieles zum Opfer, denn Freiheit ist nichts, was man geschenkt bekommt. Sie ist etwas, was gelebt werden möchte. So sind Dinge, wie eine Festanstellung, ein über viele Jahre fester Wohnsitz, lange Beziehungen und Verantwortung für andere Menschen etwas, das es in meinem Leben nicht gibt. Allein die Verantwortung für meinen Hund bringt mich in meiner Freiheitsliebe manchmal an meine Grenzen.

Heute jedoch möchte ich Euch mal von der Sanne erzählen, die man nicht sieht. Da gibt es nämlich ein Nachtschattengewächs tief in der Sanne, die alle kennen. Und diese beiden Geschöpfe bedingen sich gegenseitig, sind zwei Seiten der selben Medaille.

Meet the deamon

Diesen Dämon nennen wir mal Asanne (im Hinduismus ist das Gegenteil der Göttin Lakshmi ihre Schwester Alakshmi; die beiden sind eins und können doch niemals zusammen an einem Ort sein).

Asanne ist das genaue Gegenteil von Sanne. Sie hat kein Selbstbewußtsein, manchmal sogar Selbsthass, in jedem Fall kann sie sich super herunterputzen. Sie ist super zynisch und gemein, vor allem zu sich selbst, aber auch zu anderen. Ihr wird schnell alles zu viel, sie ist oft überfordert. Und dann bekommt der Hund es ab, wofür sie sich dann wieder stundenlang runterputzt. Außerdem hat sie Angst. Angst vor Menschen, Angst davor, lächerlich zu sein, Fehler zu machen, dass man hinter ihrem Rücken über sie lästert oder sich über sie lustig macht.

Am liebsten zieht Asanne sich dann in ihr Zimmer zurück, am allerliebsten in ihr Bett und am allerallerliebsten unter ihre Decke. Da darf dann nur noch der Hund rein.

Das ist dann das Hunde-Elend.

In diesem Moment, ich schwöre es Euch, mag niemand, wie ich lebe.

Aber wieso bedingen sich die beiden Sannes?

Anpassung hat Vorteile

Da ist also zum einen die Sanne, die (meistens) einfach macht, worauf sie Bock hat. Das ist das, was man sieht. Ausstellungen, monatelang mit dem Bus unterwegs, Motorradfahren auf der Great Ocean Road, Jakobsweg pilgern usw. Name it.

Nennen wir es mal vorsichtig „unangepasst sein“. Das kann ja für jeden etwas komplett anderes sein. Für den einen ist es Ungebundenheit, aber für jemand anderen mag es das Haus im Wald mit dem Kräutergarten mit 20 Enkeln sein, jemand Drittes hat sein Segelboot und in jedem Hafen eine Frau oder man baut sich ein Haus auf Bali. Die Menschen sind ja unglaublich individuell, so ist es auch unwahrscheinlich, dass alle Menschen Familien, Reihenhäuser und Festanstellungen wollen. Ergo macht ein Teil der Menschen das ein oder andere davon, um sich an gesellschaftliche Erwartungen anzupassen.

Das hat auch Vorteile, es ist nämlich einfacher. Vorsicht Falle: Einfacher bedeutet nicht, der bessere Weg oder der richtige Weg. Es fällt mir schwer, darüber etwas zu schreiben, ohne direkt so wertend zu erscheinen. Ich glaube aus tiefstem Herzen, dass es Menschen gibt, die genau das wollen. Und die genau so glücklich werden. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das nicht alle sind. Und den einfacheren Weg der Anpassung zu gehen, ist für mich Selbstverleugnung. Und das Aufgeben der Träume führt zu innerem Sterben. Lose your dreams and you will lose your mind.

Unangepasst sein ist anstrengend

Aber – sich anzupassen braucht viel weniger Energie, als den eigenen Weg zu gehen.

Unangepasst sein bedeutet nämlich auch, ständig Gegenwind zu bekommen. Unangepasst war ja die vorsichtige Bezeichnung – wir erinnern uns. Andere Bezeichnungen, die ich oft zu hören bekomme sind z.B. unnormal, unvernünftig, egoistisch, rastlos, und wo würden wir denn hinkommen, wenn hier jeder einfach machen würde, was er oder sie will?

Vielleicht – aber auch nur vielleicht – an einen Ort, wo jeder sein Potenzial voll ausleben kann und jeder die Dinge tut, die er gerne tut. An einen Ort, wo weniger Menschen sich mit Dschungelcamp oder Shopping Queen betäuben müssen, weil sie ihren eigenen Alltag nicht mehr aushalten. Zumindest nicht ohne Komasaufen am Wochenende und Ballermann im Sommer, denn dann können sie endlich mal ausbrechen aus ihrem Käfig. Did they get you you to trade your heroes for ghosts […] did you exchange a walk on part in the war for a lead role in a cage? – Aber vielleicht möchte ich dieses Fass an dieser Stelle auch gar nicht aufmachen.

Und zur Krönung des Ganzen kam regelmäßig, wenn ich mich dann mit einem Wagnis auf die Fresse gelegt habe – und das war nicht selten –  von irgendwem der Spruch „Du hast es ja nicht anders gewollt!“ Vorwiegend von denen, die niemals etwas gewagt haben.

Unangepasst sein bedeutet, ständig anzuecken, wo man nicht der Norm entspricht. Das ist unglaublich Kräfte zehrend. Asanne ist deswegen oft zynisch und hart. Und sie kann seeeeehr wütend werden.

Ich mag deine Wut!

Mir hat mal jemand gesagt, er möge meine Wut. Es freut mich, wenn ich andere inspiriere, auch mit meiner Wut. Aber ich bin die, die mit dieser Wut herumrennen muss, Tag für Tag. Ich bin die, die sie zu kanalysieren versucht mit Schreiben und Malen. Und doch gibt es nicht wirklich einen Ort für so viel Wut. Was mich wiedermal auf ein Zitat meiner Lieblings- Liedermacherette Krazy bringt:

Du glaubst an mein Freuer, aber ich bin die, die brennt!“

Zu brennen scheint zumindest auf manche Menschen trotzdem eine gewisse Faszinantion auszuüben. Irgendwo geben Menschen, die ihren Stiefel durchziehen, anderen Menschen das Gefühl, dass auch sie ihr Ding machen können, oder, wie Hermann Hesse es ausdrückte, dem schläfrigen Zufriedenheitsgott die verrostete Dankbarkeitsleier ins zufriedene Gesicht schmeißen und lieber einen recht teuflischen Schmerz in sich brennen fühlen als diese bekömmliche Zimmertemperatur.

Und ist es nicht komisch, dass wir Querschießer und Sonderlinge wie Brecht oder Bukowski, Schlingensief oder Hesse heute verehren, aber wenn jemand aus unseren Reihen sich „ausreiht”, drehen direkt alle durch?

Vieles von dem, was ich tue, das Schreiben, das Bloggen, das Malen, die Musik, entsteht aus dieser Wut, aus einer Art Ohnmacht, mich im „normalen“ gesellschaftlichen Leben nicht ausdrücken zu können.

Der Schein trügt

Da denkt vielleicht jemand, wie toll das ist, dass ich so viele Sachen mache, dass ich so produktiv und vielseitig bin. Was derjenige aber nicht sieht, ist den Vulkan dahinter, der explodieren würde, wenn ich es nicht täte. Das ist nicht so eine schöne Sonntagnachmittagbeschäftigung wie häkeln oder Makramee, sondern eine Kraft die mich nachts aus dem Bett treibt, weil ich sonst entweder ex- oder implodiere.

Und an den Tagen, wo ich nicht aufstehe und der Wut ein Ventil gebe, fängt sie an, mich innerlich zu zerfressen. Das sind nicht die Tage, an denen ich schreibe, oder Euch anrufe. Das sind die Tage, an denen ich es kaum mit dem Hund vor die Tür schaffe, an denen meine Welt grau ist, wenn sie denn überhaupt noch existiert. Manchmal löst meine Welt sich nämlich auch unverhofft einfach auf und hinterläßt diese schwarzen, alles verschlingenden Löcher. Da hilft kein Pink Floyd mehr und keine Pasta Cacio Pepe, da gibt es nicht mal mehr Tränen, denn selbst dafür fehlt dann die Kraft.

Danke!

Ich weiß nicht, ob meine Depressionen der Grund sind, warum ich so bin wie ich bin oder ob die Tatsache, dass ich so bin, wie ich bin, der Grund für meine Depressionen ist – oder die Gesellschaft, in der ich offenbar nicht klarkomme, der Grund für beides. Es ist auch irrelevant, denn nichts davon läßt sich ändern.

Aber gerade die Menschen, die mir immer wieder sagen, dass sie es gut finden, was ich mache, dass sie meine Wut mögen, dass sie meinen Output bewundern, sind die Menschen, die mich am Ball halten. Sie sind das kleine Gegengewicht zu dem großen Gegenwind, der mir fast täglich ins Gesicht pustet. Und ich weiß, dass Ihr jetzt wißt, dass ich Euch meine, Ihr Hand voll Menschen, die Ihr mir die Stange haltet in allem, was ich tue. Danke!

An Euch denke ich, wenn ich unter der (meist imaginären) Bettdecke hocke und in Selbsthass versinke. In strömendem Regen auf dem Motorrad am Ende der Welt, wenn ich den Tank leergefahren habe; in Rom in kochender Hitze, wenn ich mich verlaufen habe und der Handyakku leer ist; in Indien, nachts um drei, wenn der Taxifahrer mich abzockt und ich nichts dagegen tun kann; in London, nachdem ich in Ohnmacht gefallen bin, keine Sau kenne und der Erstehilfe-Typ nicht aufhört, panisch in mein Gesicht zu klatschen.

Dann denke ich mir, vielleicht habe ich es nicht anders gewollt, aber immerhin spüre ich ab und zu mal, dass ich lebendig bin.

She just can’t be chained – To a life where nothing’s gained – Or nothing’s lost, at such a cost

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