Freiheit oder Sicherheit?

Diese Frage muss sich jeder Mensch immer mal wieder stellen.

In unserer Branche noch einmal mehr als woanders. Das liegt wohl daran, dass wir uns in der Veranstaltungstechnik auf dem Weg befinden von einer Branche bestehend aus quereingestiegenen Eigenbrötlern und technikbegeisterten Musikaffinen – wo im Grunde jeder frei war – hin zu ausgebildeten Spezialisten, die gesetzlich mehr oder weniger erfolgreich immer mehr in die Schablonen der Angestelltenwelt hineingepresst werden.

In unserer Zeit ist beides „normal“. Ewig frei zu sein und fest angestellt. Das macht unsere Branche ein wenig besonders und führt zwangsläufig dazu, dass man sich als Veranstaltungstechniker mit dieser Frage auseinandersetzt.

Was mich betrifft, so kam die Entscheidung zum ewigen frei sein wollen wie so vieles in meinem Leben zu mir.

Mein Ausbildungsbetrieb war der letzte Dienstherr, den ich in dieser Branche hatte und das sollte so bleiben. Ich hatte die Nase gestrichen voll von Vorgesetzten, Idiotenjobs und moderner Sklaverei. Ich wollte frei sein.

Letztens stieß ich auf dieses schöne Zitat von John O’Donohue, das meine persönlich Sicht zum Thema Freiheit und Sicherheit ganz gut reflektiert:
„Mögest du den Mut haben, auf die Stimme der Sehnsucht zu hören, die dich stört, wenn du dich mit etwas Sicherem zufrieden gegeben hast.“

Das Arbeiten als Freie ist ja gar nicht so frei, wie manch einer sich das vielleicht vorstellt. Im Grunde arbeite ich für eine Hand voll Auftraggeber, die ihre Teams mit nur geringen Variationen buchen. Und so arbeite ich oft mit denselben Leuten auf wiederkehrenden Baustellen.

Das Gute daran, dass ich frei bin ist nur, dass ich Kollege X, mit dem ich jedes Jahr Job Y mache, der mir mit ungebremster Wucht auf der Zeiger geht, nach dem Job erstmal nicht mehr sehen muss.
Und weil ich das weiß, während ich Job Y mache, ist Kollege X ein wenig erträglicher.

Das Gleiche gilt für Firmenstrukturen.
Jede Firma ist ein wenig anders.
Manche beladen ihre Trucks auf Paletten von der Seite, manche in Kisten von hinten, manche schrauben die Torblenden ihrer Lampen immer ab, bei anderen bleiben sie dran, eben die kleinen feinen Unterschiede.

Ich fange zum Beispiel gar nicht erst an, mich darüber aufzuregen, wie man auf die Idee kommen kann, Torblenden abzuschrauben, weil ich weiß, dass sie auf dem nächsten Job für Kunde Z alle dranbleiben. Dafür werden dort die Netzkabel aller Geräte einzeln transportiert, aber wozu aufregen…?

Andersrum ist es aber genauso.
Beim einen Auftraggeber ist es immer stressig und kein Tag dauert unter 14 Stunden. Beim nächsten Job ist Nase bohren angesagt.

Auf der einen Baustelle ist vielleicht mein Lieblingskollege dabei, dafür kann ich bei einem anderen Kunden meinen Hund mitnehmen.

Kein Job ist perfekt, kein Auftraggeber kann alles, alle haben etwas was ich mag, sonst würde ich nicht für sie arbeiten, aber wäre es immer nur der eine, würde mir ganz schnell irgendetwas auf die Nerven gehen.

Ich mag Abwechslung. Und das ist nicht unbedingt bei jedem so. Ich kenne Menschen, die lehnen jede Form von Veränderung ab. Ist auch okay. Wir sind halt verschieden.

Für mich wäre es nicht auszuhalten, immer dasselbe auf dieselbe Art mit denselben Menschen tun zu müssen. Ich würde akut an Hospitalismus erkranken und mit meiner Lampe stundenlang auf und ab schreiten.

Natürlich tue ich im Endeffekt immer dasselbe. Mehr oder weniger.

Aber einmal fange ich um 8 an und arbeite 14 Stunden, ein anderes Mal fange ich um 10 an und um 18 Uhr kommt eine Spätschicht und löst mich ab. Einmal ist der Truck ausgeladen, wenn ich ankommen, beim nächsten Mal muss ich ihn selbst leer machen. Der eine Auftraggeber will für alles einen Schein sehen, der andere schießt quer aus der Hüfte und versinkt im Chaos. Beim Einen ist alles so durchgeplant, dass ich kaum noch selbst denken muss, der andere kippt einen Haufen Technik ab und meint, ich wüsste schon, wie ich das ans Laufen bekomme. Beim einen gibt es immer Top Catering, beim anderen schmiere ich meine Stulle und berechne dafür Spesen.

Und auch hier ist nichts besser als das andere. Wäre der Truck immer leer, würde ich mich über kurz oder lang danach sehnen, mal wieder so richtig anpacken zu dürfen. Müsste ich jedes Mal den Truck leer machen, würde mich das aber auch nerven.

Die Mischung ist es, die meinen Arbeitsalltag so bunt macht.

Derselbe Kollege begegnet mir auf dem einen Job als TL, auf dem anderen Job hängen wir zusammen Lampen und eine Woche später habe ich die Hosen an. So entstehen nicht so einfach Hierarchien und lästige Hackordnungen, wie in Strukturen, wo immer dieselben Menschen weisungsbefugt oder –gebunden sind.

Manchmal kommt es vor, dass ich zur Vorbereitung des einen oder anderen Projektes mal einen längeren Zeitraum in das Büro eines Auftraggebers fahre und dort am Büroalltag teilnehme.
So etwas mag ich ganz gerne, denn man lernt die Kollegen noch ein wenig näher kennen. Außerdem kann ich den Hund mitnehmen. Doch es dauert meist nicht lange, bis es irgendwo hakt.

Wenn die Kollegen dann anfangen zu lästern oder sich über dies und das zu beschweren, vor allem über die Überstunden, sind das Momente in denen ich froh bin, mich damit nicht tiefer beschäftigen zu müssen.
Wenn ich länger bleibe, kostet das einfach mehr und wenn ich das Gefühl habe, ungerecht behandelt zu werden, arbeite ich einfach in Zukunft für wen anders.

Frei sein ist unverbindlicher.

Aber nehmen wir mal an, es gäbe die perfekte Firma, wo niemand lästert und die Torblenden an den Lampen bleiben. Und nehmen wir des Weiteren an, dass diese Firma mir eine Festanstellung für großes Geld und ohne Überstunden anbieten würde, einen perfekten Deal also. Da bleibt immer noch ein kleiner Rest-Bauchschmerz übrig.

Nämlich der Fakt, dass ich nicht mehr für all die unperfekten Auftraggeber arbeiten könnte.
Die mit dem nervigen Kollegen zum Beispiel und den selbst zu entladenden Trucks, wo Netzkabel extra gepackt sind und kein Tag unter 14 Stunden ist.
Mein Leben wäre so viel weniger bunt.

Was ist mit dem anderen Aspekt, der Sicherheit? Der scheint ja offenbar nicht unwichtig zu sein, denn sonst würden die Festangestellten ja die vielen Überstunden und andere nervige Details nicht in Kauf nehmen.

Ich bin mir der Tatsache durchaus bewusst, dass ich die erste bin, die aus einem Budget herausgenommen wird, wenn das Geld knapp wird. Das ist ganz klar. Und es ist auch klar, dass ich mir als Freie nicht so viel herausnehmen kann, weil ich nicht gekündigt werden muss, wenn man mich loswerden möchte. Benehme ich mich daneben, geraten die Folgejobs ins Schwanken.

Auch gibt es Zeiten mit mehr Geld und welche, in denen ich weniger habe, was viele Menschen ebenfalls als Unsicherheit empfinden.
Sicherheit ist für mich natürlich auch wichtig. Davon möchte ich mich überhaupt nicht freisprechen. Es ist nur wahrscheinlich so, dass sie für mich etwas anderes ist als für viele Festangestellte.

Für mich ist es wichtig, dass die Menschen für die ich arbeite, gerne mit mir arbeiten. Dazu gehört für mich genauso, einen soliden Job abzuliefern wie ein netter Mensch zu sein. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich das in den meisten Fällen liefern kann, dann gibt mir das Sicherheit.

Es ist auch wichtig, die eigenen Stärken zu kennen und kommunizieren zu können, denn dann wird man nicht an Stellen eingesetzt, wo man nicht gewinnen kann. Auch das ist Sicherheit.

Vielseitigkeit in dem was ich tue ist eine große Sicherheit für mich, da ich so viele Möglichkeiten und auch mehr Auftraggeber habe und nicht zuletzt empfinde ich Sicherheit durch einen breiten Fächer an Kontakten.

Womit ich mich wohlfühle, was zu viel und was zu wenig Sicherheit oder Freiheit ist, kann sich unter Umständen auch schon einmal ändern. Inzwischen bin ich ein paar Jährchen älter und muss feststellen, dass Freiheit zunehmend unwichtiger und Sicherheit immer interessanter wird.

Aber auch Kollegen mit Kindern werden bestätigen können, dass Prioritäten sich manchmal verändern.

Letztlich ist das freie Arbeiten für mich persönlich eine Form, unterschiedlich auf verschiedene Lebenssituationen reagieren zu können und dabei möglichst viel zu erleben. Wobei die eigenen Fähigkeiten und die Erfahrungen aus zwanzig Jahren Selbständigkeit mir ausreichend Sicherheit geben.

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