Free floater or deep diver?

Gestern hatte ich ein Telefongespräch mit einer sehr guten Freundin, die seit einigen Jahren verheiratet ist und mit ihrem Mann zusammen lebt.

Das an sich ist erst einmal nicht Besorgnis erregend.

Was das Thema für mich überhaupt zum Thema macht ist die Freundin, die ich nun seit etwa 15 Jahren kenne, die sich in dieser Zeit von einer Frau, wie ich sie heute bin in die Frau, die sie heute ist, verwandelt hat.

Um das mal in verständliche Worte zu fassen.

Männer waren immer eine große Baustelle in meinem Leben. Sie waren entweder verheiratet, zeugten Kinder mit anderen Frauen, nahmen Drogen, waren physisch abwesend, narzisstisch gestört, bindungsunfähig oder eine beliebige Kombination aus alldem.

Wenn man sich das Muster der Männer meiner guten Freundin ansieht, möchte ich behaupten, man erkennt einige Parallelen.

Was meine Freundin und ich auch gemeinsam haben, ist die Depression.

Erst kürzlich diagnostizierte man mir schwere Depressionen und auch an dieser Stelle musste ich immer wieder an meine Freundin denken.

Jedoch, immer wenn ich in der letzten Zeit an sie dachte, sah ich eine zufriedene, ja ich möchte fast sagen glückliche Frau. Interessant, dass mich das überhaupt so überraschte.

Denn wie bereits berichtet ist sie seit einigen Jahren mit einem Mann verheiratet. Da denkt man doch eigentlich direkt an solche Sachen wie Glück und Frieden.

Ich nicht. Ich denke bei Ehe direkt an Atemnot, Fußfesseln und Fluchtoptionen. Und das ist in der Tat Besorgnis erregend.

Nicht weiter verwunderlich ist es deswegen, dass ich mich nicht mit einer solchen Institution identifizieren wollte. Ja ich ging sogar so weit, Beziehungsstrukturen an sich in Frage zu stellen.

Frei nach dem Motto, „echte Liebe braucht keine Regeln“, „wer eifersüchtig ist, muss sich von seinem Ego befreien“, „Sicherheit ist eine Illusion“ und was weiß ich nicht allem mäanderte ich durch einen Dschungel von unverbindlichen bis geheimen Affären und war eigentlich nie so richtig glücklich damit.

Dass ich eine monogame, heterosexuelle Beziehung eingehen könnte, wies ich weit von mir. Das war fast schon reaktionär, mindestens aber total 50er.

Gut, kommen wir zurück zu dem Punkt mit der Freundin, die wie gesagt in ihrem Leben einige Parallelen zu meinem zu bieten hat und nun völlig überraschend mit 50 total zufrieden in ihrer Ehe ist, sie benutzte sogar die Formulierung „angekommen“.

Je länger und intensiver ich über das Thema monogame Beziehung nachdachte und je mehr ich den Gedanken daran zuließ, desto mehr konnte ich sehen, dass diese Freundin tatsächlich glücklich ist.

Im Tantra unterscheidet man zwischen den Free Floatern – das sind diejenigen, die sich ausprobieren wollen, die den Partner wechseln möchten oder auch mehrere Partner haben, die eben komplett ohne die klassischen Vorstellungen einer Beziehungsstruktur frei ihre körperliche und gefühlte Liebe ausdrücken möchten – und den Deep Divern, was wiederum diejenigen sind, die die Reise in die Tiefe mit einem einzigen Partner anstreben, die dann, wie der Name vermuten lässt, eben tiefer eintauchen.

Ich beginne allmählich zu begreifen, dass eine Reise zu zweit in die Tiefen der Beziehung mindestens genauso spannend sein kann, wie eine Reise durch die Betten der anderen.

In Anbetracht dessen, dass irgendwann die Betten auch alle gleich aussehen, würde ich sagen, sogar deutlich spannender.

Immer deutlicher wird mir klar, dass ich in den letzten Dekaden relativ erfolgreich ein Theaterstück aufgeführt habe, in dem ich selbst die Rolle der freiheitsliebenden unabhängigen Rebellin gespielt habe, mit dem einzigen Hintergrund, dass es niemals zum Stillstand kommt, niemals Ruhe einkehrt auf der Bühne meines Lebens. Frei nach Dylan „I’ve been trying to get as far away from myself as I can“

Das fatale am Stillstand, an der Ruhe, an Pausen und Innehalten ist nämlich, dass auf einmal Themen ans Tageslicht kommen, denen man sich wirklich nicht stellen möchte. Kaum macht das Drama eine Pause, kommen irgendwelche komischen Gefühle, Gedanken oder Befindlichkeiten hoch, denen zu begegnen ich absolut nicht bereit bin, also stürze ich mich mit großer Freude sehenden Auges ins nächste Drama.

Ein guter Freund sagte einmal zu mir, nachdem ein griechischer Pseudogangster mir mein ganzes Geld aus dem Kreuz geleiert hatte, dass er bei mir das Gefühl hätte, ich müsste ständig solche Dinge erleben, damit mir nicht langweilig wird. Und damit hat er den Nagel auf den Kopf getroffen.

Jener Freund ist übrigens seit vielen Jahren sehr glücklich mit einer sehr guten Freundin verheiratet.

Zwar habe ich nicht das Gefühl, dass Stillstehen zu ihren Hauptqualifikationen gehört, aber da ist trotzdem ein Fünkchen Weisheit, auch in ihrer Ehe, die diese Ehe für mich immer zu einem großen Vorbild für mich machte. Vor allem, weil bei allem, was das Leben ihnen in den Weg stellt, die Beziehung an sich niemals in Frage gestellt wurde und meine Freundin selbst mehrfach zu mir sagte, sie sei mit dem Mann ihrer Träume verheiratet. Wie geil ist das denn bitte?!

Wenn man zusammen ist und bleibt, gibt es unweigerlich diese Momente, wo es mal gleich ist, wo es mal langsam geht, wo mal Ruhe einkehrt, wo es mal nicht total spannend ist und man inne hält. Diese Momente sind es dann vielleicht, in denen man sich selbst begegnet und das erfordert den größten Mut überhaupt.

Die Freundin gestern am Telefon meinte, wenn man mit einem Partner in die Tiefe ginge, dann müsse man sich selbst anschauen können, denn vor allem sich selbst würde man auf jeden Fall treffen.

Diese „Ich“, die fand ich aber bislang problematisch, um ehrlich zu sein. In erster Linie, weil ich nicht der Meinung war, dass irgendjemand es lange mit ihr auszuhalten im Stande wäre.

Greatest adventure will always be – letting someone close, close to me.

Um mich mal selbst zu zitieren.

Ja, genau darum geht es, genau das habe ich offensichtlich endlich begriffen. Eine monogame Beziehung ist nicht das Ende der Freiheit. Sie kann der Anfang eines unglaublich großen Abenteuers sein. Wenn man zusammen in die Tiefe gehen möchte.

Nicht zu verwechseln mit den vielen Formen des Zusammenseins weil man zum Beispiel einsam ist oder weil man bestimmte Mängel in sich selbst mit dem Gegenüber substituiert.

Allmählich finde ich in mir immer mehr auch den Wunsch nach Verbindlichkeit (wie bereits gebloggt), finde die Idee, jemanden zu heiraten, den ich wirklich liebe nicht mehr abschreckend sondern interessanterweise sogar ziemlich romantisch. Was mich direkt zu der Frage bringt, ob ich nicht vielleicht doch den Verstand verloren habe.

Und als ich gestern so aufgelegt hatte und wusste, meine Freundin kriecht jetzt zu ihrem Mann ins Bett, sie weiß, wie er riecht, kennt seine Atemgeräusche, sein Schnarchen, die kleinen immer anwesenden Zeugen ihrer Gemeinsamkeit, da war ich ein bisschen neidisch und musste mir eingestehen, dass diese Form der Sicherheit – diese Vertrautheit, die Verbindlichkeit, in der sie bei allem, was den beiden so passierte, niemals an der Beziehung an sich zweifeln – keine Illusion ist, sondern eine mutige und mit harter Arbeit verbundene Liebeserklärung an das Leben.

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