Eine Hymne auf Pink Floyd

Im Jahr 1994 war ich noch sehr weit davon entfernt, Lichttechnikerin zu werden.
Ich machte erst noch gemütlich Abitur, nahm mir dann vor, Diplomatin zu werden oder wahlweise die Weltrevolution zu starten, verwarf alles und verfiel dann irgendwann resigniert dem Rock n’Roll.

Wenn man mich fragt, warum ich Lichttechnikerin geworden bin, sage ich oft, dass ich immer mit Monster Magnet auf Tour wollte. Und das ist auch nicht gelogen. Trotzdem ist Monster Magnet nicht der Grund, warum Licht mein Medium geworden ist. Den Grundstein dafür legte ein Ereignis, welches 1994 stattfand, bevor ich überhaupt wusste, dass es eine Band namens Monster Magnet gibt.

Ich bekam zu meinem 17. Geburtstag ein Ticket für das Pink Floyd Konzert im Müngersdorfer Stadion in Köln.
Schon als ich 15 war schenkte mir mein damaliger Freund das Album The Wall, was ich – bislang passionierte Beatles und Bravo-Kuschelrock Hörerin – völlig schräg fand.
Der Freund ging, die The Wall LP blieb.

Ich fing an, mich für Konzerte zu interessieren und guckte mir einige wenig spektakuläre Shows an, die mich zwar von dem Konzept Konzert an sich überzeugten, aber nicht die große Epiphanie waren.

Die Division Bell Tour von Pink Floyd war zwar ohne Roger Waters, aber für jemanden, der so spät geboren ist wie ich, die letzte Chance Pink Floyd überhaupt noch live sehen zu können. Denn als ich geboren wurde, kam bereits das 10. Studioalbum „Animals“ auf den Markt.

Heute sitze ich vor meinem PC und gucke mir die „Pulse“ DVD an, eine Aufzeichnung eben jener Tour von 1994 und ich denke, DAS war vor 24 Jahren?

Um euch eine Idee zu vermitteln, wie groß der Floyd-Impact für mich war, möchte ich kurz in meine Kindheit schwenken.
Aufgewachsen bin ich als Kind zweier Musiklehrer. Bei uns wimmelte es immer von Musikern. Schon als kleines Kind legte man mich ins Bett, um dann erst mal in Ruhe vier Stunden Klavierspielen zu können.
Einmal in der Woche saßen mein Bruder und ich in der Probe des Kammerorchesters und dachten uns lustige Tänze zu Bachs Brandenburgischen Konzerten oder der St. Pauls Suite von Holst aus. Im Urlaub war immer eine Gitarre dabei und Weihnachten spielte meine Mutter die Orgel in der Kirche.
Mein erstes Lieblingslied war der Bolero von Ravel und mein erster bester Freund stand auf die Vier Jahreszeiten von Vivaldi.

So kam es, dass Musik für mich ungefähr das Wichtigste wurde, was es gibt.
Zwar waren meine Eltern musikalisch ein wenig anders orientiert als ich es heute bin, aber da mein Elternhaus relativ gut sortiert war, konnte ich mich mit Lexika, Bildbänden, LPs und VHS Tapes zu jedem beliebigen musikalischen Thema totschmeißen. Was ich auch tat.

Es gab diese Schrankwand, voll mit VHS Tapes. Lief irgendwo eine Musikdokumentation im Fernsehen, mein Vater nahm sie auf. Und nicht nur das, es gab diesen lehrertypischen Karteikasten, in dem jedes Tape dokumentiert war und man nach Herzenslust stöbern konnte.
So kam es dass ich, während meine Freunde Beverly Hills 90210 guckten, zuhause vor der Glotze saß und den Woodstock Film, die Janis Joplin oder Beatles Doku, die Geschichte des Rock n’Roll oder Hair aufsaugte wie ein trockener Schwamm den ersten Regen.
Soviel zu der Kindheit.

Was ich sagen will ist, Musik ist wichtig! Sehr sehr wichtig!

Es ist mir zum Beispiel nicht möglich, irgendwo bei einem Getränk zu sitzen, während Musik im Hintergrund läuft, ohne innerlich abzuchecken, was gerade läuft, Titel, Interpret, Jahr.
Überhaupt, Hintergrundmusik ist ein Konzept, das ich nicht verstehe. Für mich ist Musik immer Vordergrund.

Nun bin ich aber leider nicht der Musiker Typ. Ein bisschen Gitarre hier und ein bisschen Klavier da und ab und zu mal ein wenig Gesang, das geht schon, aber so richtig was taugen tut es alles nicht.
Was wiederum dazu geführt hat, das ich mir einen Weg gesucht habe, die Musik auf eine andere Weise in mein Leben zu integrieren.

Bei Floyd ist alles, was sie anpacken, ein Gesamtkunstwerk.
Natürlich geht es vordergründig um die Musik, aber es bleibt nie dabei. Die Licht- und Lasershow ist nicht grundlos legendär. Ich denke hier besonders an die riesigen Marionetten der Wall-Tour oder das fliegende Schwein, aber auch der Film The Wall mit den wunderbaren Zeichnungen von Gerald Scarfe. (http://www.geraldscarfe.com/shop/pink-floyd/) Das Live in Pompeii Video, in dem die Band in einem leeren Amphitheater spielt. Auf solche Ideen muss man auch erst mal kommen. (https://vimeo.com/220679367)

Floyd hat es immer geschafft, die Stimmung der Musik durch visuelle Effekte zu unterstützen. Und sie waren einer der ersten, die das in diesem Stil getan haben.

Das ist jetzt nicht ganz fair, denn auch Genesis darf man auf keinen Fall unerwähnt lassen, wenn es um die Entstehung der modernen Lichtshow geht. Peter Gabriel ist mit ganz großer Sicherheit ein unverzichtbarer Baustein in dem Fundament der heutigen Lichttechnik. Aber um ihn soll es jetzt mal nicht gehen.

Im Englischen ist der Ausdruck „And pigs will fly“ ein Adynaton, also eine Aussage über etwas, was niemals passieren wird. Dass ausgerechnet eine Band wie Floyd, die einen Superlativ nach dem anderen geschaffen haben, ein Schwein über der Battersea Power Station fliegen ließen, um ihr Albumcover aufzunehmen, wundert also nicht. Dass dieses Schwein aber ausbüchste, die Themse runter Richtung Ärmelkanal flog und dabei von einem Hubschrauber begleitet werden musste, damit der internationale Flugverkehr nicht gefährdet wurde, ist eine der unfreiwilligen Aktionen, die Floyd so legendär macht.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich in Paris durch die Pink Floyd Interstellar Ausstellung in der Cité de la musique schlenderte, das muss so 2003 gewesen sein, jedenfalls war ich zu dem Zeitpunkt bereits Lichttechnikerin. Es gibt sehr wenige Dinge, die mich schwach machen, nur Pink Floyd sorgt regelmäßig dafür, dass ich weiche Knie bekomme und einen Kloß im Hals. In dieser Ausstellung verband sich erstmals dieses große Floyd mit meinem Beruf. Da begriff ich zum ersten Mal, dass das, was die Jungs da gemacht haben, etwas mit meinem Leben zu tun hat. Das ist so ähnlich wie das Gefühl, wenn man in die Unendlichkeit des Universums blickt und den Eindruck bekommt, Teil von etwas ganz Großem zu sein.

Pink Floyd setzte bereits 1968 intelligentes Licht ein. Damals hat das einfach noch niemand gemacht.
Und das gilt eben nicht nur für das Licht, sondern für alle Formen des künstlerischen Ausdrucks, den man mit Musik verbinden kann, sei es Bild, Film oder Licht.
Auch die Bilder der Floyd Alben sind unsterblich. Allen voran natürlich das Prisma auf der Dark Side Of The Moon, das wohl sicher jeder kennt. Aber auch das fliegende Schwein in Battersea oder The Wall, diese Bilder sind ästhetisch, einprägsam und simpel. Das Albumcover von Ummagumma zum Beispiel, auf dem durch ein Bild im Bild eine Art Endlosschleife entsteht, hat ein bisschen was von M.C. Escher.

Und hier setzt meine große Bewunderung ein. Da sind fünf kreative Köpfe, die auf jeder Ebene Grenzen überschritten haben. Wie schon die Beatles, setzten Floyd neue Effektgeräte ein, arbeiteten mit Loops, rückwärts laufenden Tonbändern, Talkbox, Samples von gesprochenen Stimmen oder Effekten. Klaviersaiten wurden direkt angespielt und man nahm sich einfach die Zeit, ein Stück wie Echoes knapp 24 Minuten lang dauern zu lassen.

Sie experimentierten einfach auf allen Ebenen.
Im Dokumentarfilm „The Making Of The Dark Side Of The Moon“ bekommt man einen guten Eindruck davon, wie diese Experimente aussahen. Hier kommt wieder meine alte Liebe zu Musikdokumentarfilmen durch 🙂

Ein sehr großer Teil des Musikerlebnisses ist für mich auch der Text.
Es gibt doch nichts Schlimmeres als bedeutungslos aneinander gereihte Worte, die sich schlimmstenfalls auf Ach und Krach reimen.
Nicht jeder wird als Poet geboren, aber aus der Feder von Roger Waters kommen einige wunderschöne Zeilen wie:
I am you and what I see is me.
Hanging on in quiet desperation is the English way.
We’re just two lost souls swimming in a fish bowl year after year.
You’ve reached for the secret too soon, now you cry for the moon.
Da geht mir mein Schreiberinnenherz auf…

Durch diese Gesamtheit der Kunst von Pink Floyd ist es mir möglich, mein Medium, das Licht, in einen Zusammenhang zur Musik zu setzen. Falls das irgendwie verständlich klingt… Und so werde ich als Nichtmusikerin zu einem Teil der Musik.
Denn das ist es ja, was mir so unglaublich wichtig ist. Nicht erst seit 1994.

Von der Division Bell Tour gibt es im Übrigen eine wunderschöne Live CD mit dem Namen Pulse. Ein sehr abgegriffenes Exemplar dieser CD steht in meinem Regal.
Jahrelang hat es mich wahnsinnig gemacht, weil sich in der Hülle der CD eine rote LED befindet die in der Geschwindigkeit des durchschnittlichen menschlichen Pulses blinkt. Das Booklet sagt dazu unter anderem: „The LED is also like the opening heartbeat of the dark side of the moon, most particularly the LED pulses… it is a live phenomenon … like the music.“ Und genauso ist es.

Die LED blinkt schon lange nicht mehr.

Aber mein Herz schlägt für immer für Pink Floyd.

 

Und hier noch eine gute Nachricht: die Pink Floyd Ausstellung „Their Mortal Remains“ wird ab Mitte September im Dortmunder U zu sehen sein. Ich kann nur jedem empfehlen, sich das anzusehen. (https://pinkfloydexhibition.de/ausstellung.html)

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