Ein Corona-Märchen

Es war einmal eine Marktfrau. Wir nennen sie Alice.

Sie arbeitete für einen Markstandbesitzer, einen feinen Menschen, war immer nett zu ihren Kunden, und schenkte den Armen hier und da mal einen Apfel.

Alice hatte sich einen Traum erfüllt und angefangen Marktwirtschaft zu studieren. Obwohl der Markstandbesitzer ein frommer Mann war, der gut für seine Marktfrauen sorgte, träumte Alice von ihrem eigenen Marktstand. Alte Marktfrauen, die zur Universität gehen wurden im Kleinbürgerland, in dem Alice lebt, nicht so gerne gesehen. Man studiert dort wenn man noch jung ist und nicht, wenn man eigentlich schon Kinder haben und ein Reihenhaus abbezahlen sollte.

Deswegen bekam Alice keine Unterstützung vom König. Aber sie hatte ja schon viele Jahre als Marktfrau gearbeitet und ein paar Silberlinge zur Seite gelegt. So konnte sie sich ihren Traum erfüllen und zur Universität gehen.

Das Studium war ziemlich zeitintensiv und Alice konnte nebenher nicht so viel auf dem Markt arbeiten, wie sie sich das gewünscht hatte.

Sie arbeitete aber an den Wochenenden und in den Ferien, und vermietete ihr Gästezimmer, so dass sie einigermaßen über die Runden kam. Und trotzdem schaffte sie es immer, den Armen hier und da noch einen Apfel zu schenken.

Nach wenigen Semestern schon war Alice allerdings schon ziemlich im Arsch.

Trotzdem hatte sie eine ganze Menge Arbeit in Aussicht und war wild entschlossen, das ganze Geld für das kommende Semester zu verdienen. Die Reserven, die sie so über die letzten Jahre angesammelt hatte, neigten sich auch dem Ende und Alice konnte es kaum erwarten, dass dieses unsägliche Studium bald endlich vorbei sein würde.

Blöderweise ging in Kleinbürgerland ein Gespenst herum, dass alle Leute in Kröten verwandelte, die in Gruppen von mehr als zwei Personen zusammenstanden.

Der König von Kleinbürgerland machte eine Ansprache zu seinem Volk und befahl ihnen, alle Märkte abzusagen, alle Versammlungen zu vermeiden, damit niemand verwandelt würde.

Alice fand das sinnvoll, auch wenn das bedeutete, dass sie nun keine Silberlinge mehr bekommen würde, um ihren Lebensunterhalt während des nächsten Semesters zu bezahlen.

Sie schrieb dem König zusammen mit dem Marktstandbesitzer und den anderen Marktleuten und der König erließ ein Dekret, wonach jedem Marktverkäufer ein Goldtaler geschenkt werden solle.

Außerdem versprach der König , dass die königliche Bank allen in Not geratenen Bürgern von Kleinbürgerland Kredite geben würde.

Alice war sehr glücklich über den König und ging zur königlichen Bank, um sich den Goldtaler zu holen.

Der Herr in der Bank gab ihr den Taler sofort und informierte sie, dass er jetzt aber für ein halbes Jahr reichen müsse. Das ist zwar sehr sehr lang, dachte Alice, aber es wird schon irgendwie klappen.

Am nächsten Tag trat der König erneut vor sein Volk und untersagte es allen Bürgern, Fremde aufzunehmen, damit es nicht zu Gruppenbildungen käme und das Gespenst niemanden verwandelt. So musste Alice allen ihren Besuchern, die in ihr Gästezimmer kommen wollten, eine Brieftaube senden und ihnen ihre angezahlten Silberlinge zurückschicken.

Man muss wissen, dass Alice in einem halben Jahr schon alleine für ihre Wohnung einen Goldtaler benötigt, wenn sie keine Silberlinge von Fremden bekommt. Da es an Silberlingen jetzt sehr knapp war, ging Alice erneut zur königlichen Bank.

Sie fragte nach den Krediten und wurde informiert, dass sie diese besonderen Kredite bei ihrem lokalen Geldverleiher erfragen müsse. Man erzählte ihr aber, dass der König die Regeln für die Almosen von Kleinbürgerland so geändert hätte, dass auch Marktfrauen jetzt Almosen bekommen können.

Alice war ganz glücklich und lief direkt zum Bürgermeister von Kleinbürgerstadt, um Almosen zu beantragen. Der Bürgermeister sagte ihr, sie solle sich keine Sorgen machen, man würde das alles regeln.

Alice machte sich keine Sorgen.

Zur Sicherheit lief sie noch zu ihrem lokalen Geldverleiher. Auf dem Weg dorthin kam sie an einem Bettler vorbei und gab ihm ihren letzten Apfel. Dem Geldverleiher sagte sie, dass sie einen Kredit haben wolle.

Der Geldverleiher schaute sich die Jahreseinkünften der letzten drei Jahre an und sagte Alice, dass sie leider gar nicht genug Silberlinge verdient hätte, um einen Kredit zurückzahlen zu können.

Alice fragte sich, wie sie denn, selbst wenn sie in den letzten drei Jahren viele Goldtaler verdient hätte, einen Kredit zurückzahlen soll, wenn sie nicht arbeiten darf, und warum eigentlich immer nur die Leute Kredite bekommen, die sowieso schon viele Goldtaler haben und nicht die mit den wenigen Silberlingen.

Das sagte sie aber nicht, stattdessen erzählte sie dem Geldverleiher, dass sie studieren würde und gab ihm einen Brief der Universität, in dem geschrieben stand, dass Alice eine ganz fleißige Studentin sei, als Beweis. Sie erzählte ihm auch, dass das Studium bald vorbei sei und sie dann ja ihren eigenen Marktstand aufmachen könne und viele viele Silberlinge verdienen würde. Das interessierte den Geldverleiher aber gar nicht.

Nun lief Alice etwas verzweifelt zurück zum Bürgermeister. Auf dem Rückweg sah sie schon auffällig viele Kröten. Sie fragte den Bürgermeister besorgt, wann sie denn Almosen bekommen würde.

Der Bürgermeister gab Alice 23 Formulare, die sie alle ganz gewissenhaft ausfüllte.

Nachdem er sich die Formulare angeschaut hatte, erzählte er Alice, dass sie gar kein Almosen bekommen würde, weil sie ja Studentin sei. Als Studentin bekommt sie ja Unterstützung. Alice bekommt aber keine Unterstützung, dafür ist sie nämlich zu alt.

Da guckte der Bürgermeister kurz etwas mitleidig und sagte, das wäre jetzt aber wirklich blöd für sie.

Doch das Almosen gäb es nur für die Leute, die nicht mehr arbeiten dürfen, weil das Gespenst umhergeht.

„Aber das ist doch genau das, was passiert ist“ protestierte Alice „ich habe immer auf dem Markt gearbeitet und das darf ich jetzt nicht mehr.“

Doch der Bürgermeister wusste es besser. Er sagte, Studenten würden nicht arbeiten, sie würden studieren. Und Alice könnte ja auch arbeiten, nur eben nicht als Marktfrau.

Dass Alice schon viele Jahre bevor sie studierte als Marktfrau gearbeitet hat, schien den Bürgermeister nicht zu interessieren.

„Soll das heißen, wenn ich nicht studiert hätte, nicht meine Rücklagen aufgebraucht hätte, nicht seit Jahren versucht hätte, das Geld zusammenzuhalten, um mich selbst fortzubilden, dann würde ich jetzt Almosen bekommen?“ fragte Alice, aber der Bürgermeister war schon in seinem Haus verschwunden, seine Frau hatte Schweinebraten gemacht.

Alice war nun sehr bedrückt und musste zuhause erst einmal eine große Portion Schokoladenpudding essen.

Kaum war sie mit dem Pudding fertig, klopfte es an ihrer Tür. Sie machte auf und vor ihr stand der Bettler, dem sie ihren letzten Apfel geschenkt hatte.

„Ich bin ein Zauberer“ sagte der Bettler. „Du warst so gut zu mir, du hast drei Wünsche frei.“

Alice war überglücklich und überlegte fieberhaft, was sie sich nun wünschen solle.

„Einen Sack voller Goldtaler“ sagte sie und ehe sie sich versah materialisierte sich vor ihr ein Sack zum Bersten voll mit Goldtalern. Alice war ganz aufgeregt.

„Meinen eigenen Marktstand“ sagte sie weiter und schwups stand vor ihr ein schöner großer Markstand mit einer rot-weißen Markise, genau so, wie Alice es liebte. Und er bog sich förmlich unter der Last all des reifen Obsts und Gemüses, mit dem er beladen war.

„Ich wünschte, der Marktstandbesitzer wäre hier und könnte das sehen!“ murmelte sie und im selben Moment stand der Markstandbesitzer neben ihr. Doch Alice hatte nicht lange Zeit, sich zu freuen, denn kurz darauf erschien das Gespenst und verwandelte sie, den Zauberer und den Marktstandbesitzer in Kröten.

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