Die ewig Rastlose

Ich drehe durch!

Langsam fängt Corona echt an zu nerven.

Die letzten Monate waren für mich so ganz anders, als alles, was ich bislang kannte. Für Euch ja sicher auch, aber eben anders anders.

Ich habe, als ich gemerkt habe, dass es keine Jobs mehr geben wird, ein Mammut-Pensum an der Uni hingelegt, damit wenigstens diese Nerverei bald ein Ende hat. Das bedeutet im Klartext, ich, die ewig Rastlose, sitze seit April jeden Tag 8 Stunden vor meinem Rechner und höre mir per zoom, jitsy, big blue button oder Screencasts meine Professoren an.

Ich bewege mich nicht (außer meine Finger an Maus und Tastatur), ich esse nur Mist (keine Zeit zu kochen; kein Geld, essen zu gehen), ich mutiere zu einem Effizienzmonster erster Klasse.

Während der eine Prof redet, zeichne ich die Konstruktion für den anderen Prof, mache meine Buchhaltung, die Wäsche oder wische mal durch die Wohnung. Saugen geht schlecht, ist zu laut.

Und ich drehe durch!

Keine Baustelle, keine Kollegen, keine Hotels, keine Zug- und Flugreisen.

Dass das so ein großes Problem für mich sein würde, hatte ich nicht erwartet.

Ich bin ein Projektmensch

Man könnte jetzt denken, ich wäre so jemand, der ständig unterwegs sein muss. Das ist aber gar nicht so. Ich bin zwar rastlos, aber nicht im Sinne von, ich muss ständig an wechselnden Orten sein, sondern ich bin einfach vom Typ her ein Projektmensch.

Das bedeutet, ich kann gleiche, regelmäßige Abläufe über einen längeren Zeitraum ganz schlecht ertragen. Ich brauche eine Phase, in der ich eine Zeit lang dies mache und dann eine Zeit lang jenes. Und wenn ich anfange, dies zu machen, weiß ich genau, wann ich damit wieder aufhören werde.

Das macht unerträgliche Tätigkeiten und Arbeitszeiten erträglich und schöne Momente besonders.

Dass dem so ist, habe ich gemerkt, als ich angefangen habe, hier die Sachen zusammenzupacken, weil ich bald aus Berlin verschwinden werde.

Plötzlich kommt diese kribbelige Aufregung, dieses Gefühl, etwas zu Ende gebracht zu haben – und sei es auch nur ein dusseliges Semester – und etwas Neues zu beginnen.

Da wurde mir schlagartig klar: Ich brauch das!

Ich muss nach dem Job dieses Loch haben, wo ich erstmal tagelang meine Kollegen vermisse und überlege, wie ich jetzt die Tage strukturieren soll; ich brauche das Kofferpacken, die verschiedenen Tagesabläufe. Den Kontrast zwischen dem einen und dem anderen Job, den Geruch von Flughäfen, den Säuseljazz von Hotelbars.

Entzugserscheinungen in der Hotelbar

Das fehlt mir so sehr, dass ich sogar hier in Berlin inzwischen ab und zu ein Getränk in einer Hotelbar nehme. Wegen der Entzugserscheinungen. (Diesbezüglich kann ich die Monkeybar vom Hotel 25hours und die Panoramabar vom MotelOne am Zoo nur empfehlen).

Aber zurück zu den Projekten. Was an Corona am allerallerallermeisten nervt, ist, dass ich nicht weiß, wann es zuende ist.

Ich brauche Enden. Und zwar muss ich diese Enden schon haben, wenn ich anfange, sonst wird es beklemmend.

Die finanzielle Angst allein ist schon ein ziemlicher Klopper, aber nicht zu wissen, wie lange der ganz Scheiß dauert, ist einfach zu viel für mich.

Bitte Veränderung!

Es gibt ja so Leute, die keine Enden brauchen, solche, die alles, was sie machen, am liebsten immer weiter so machen wollen. Ich kenne einige von denen. Die werden beamtet und finden das geil. Obwohl das heißt, dass sie BIS ZUR RENTE den SELBEN SCHEISS machen werden. Unfuckingvorstellbar für mich. Schon beim Gedanken bekomme ich akute Atmenot.

Aber jedem das seine. Ich glaube, diese Menschen leiden an Corona, weil sie im Moment die Dinge, die sie immer machen, nicht mehr machen können/dürfen. Weil sich ihr Leben ändert und sie das nicht wollen. Weil Veränderung manchmal bedrohlich sein kann und von vielen Menschen nicht gewollt ist.

Bei mir ist es genau andersrum. Anfangs hat mich Corona – bis auf die finanzielle Situation – nicht besonders gestört. War ne Herausforderung, erforderte Umdenken. Sprich: Spannend!

Aber dann ging das so seinen Weg und ich hab mich daran gewöhnt, hab mich eingerichtet, angepasst, organisiert, zu Tode effizienziert und jetzt wird es LANGWEILIG!

Corona nervt

Jetzt muss das aufhören. Langsam fängt Corona echt an zu nerven. Jetzt will ich meinen Koffer packen und nach Barcelona fliegen und da ne fette Keynote aufbauen. Und ich will nach Hannover und etwas zu verstromen. Ich will abends mit Kollegen auf dem Dach des Hotels am Pool sitzen und wissen, dass ich wirklich glücklich bin, diesen Job machen zu dürfen. Auch wenn alle sich über das Essen beschweren und die Arbeitsmoral der Helfer.

Und wenn die mir allzusehr auf den Sack gehen mit ihrer Nörgelei, dann weiß ich, dass ich in x Tagen meinen Koffer erneut packen werde, um nach Düsseldorf zu düsen und mich mit irgendeiner Jahresauftakttagung beschäftige, wo ich mich abends dermaßen wegschieße, dass ich fast einen Kollegen mit aufs Zimmer nehme, aber nur fast.

Aber bevor es peinlich wird, Ihr ahnt es, packe ich ja meinen Koffer und bin… weg.

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