Der Besserwisser

In der letzten Zeit hatte ich zwei Dinge, die ich normalerweise nicht habe, nämlich einen Fernseher und Zeit am Vormittag. So kam es, dass ich plötzlich vormittags regelmäßig die Wiederholungen der Quiz-Sendung „Gefragt – Gejagt“ schaute. Zuerst, weil nichts Besseres lief, später mit zunehmender Begeisterung.

In dieser Sendung, die Ihr im Gegensatz zu mir wahrscheinlich alle kennt, gibt es diesen Jäger-Typen. Ein Typ, der einfach alles weiß und zwar auf allen Gebieten.

Ich bin nicht so ein Quiz-Sendungs-Typ, was vor allem daran liegt, dass ich kein Fernseh-Typ bin, aber diese Jäger haben mich irgendwie fasziniert. Wie tickt ein Mensch, der sich zum Ziel gemacht hat, alles zu wissen? Oder doch zumindest jede Menge?

In einem Interview mit Sebastian Klussmann, den ich jetzt einfach mal aus dem Pool der Jäger herausgreife, weil er Berliner ist, erfahren wir zum Beispiel, dass er früher schüchtern war und Angst vor Menschen hatte, bis er herausfand, dass das Wissen, was er sich aus Spaß bereits angeeignet hatt, ihm von seiner Umwelt Anerkennung einbrachte. Das macht in meinen Augen komplett Sinn und man nennt es in der Psychologie Adaptation.

Was treibt einen Besserwisser an?

Der Mann trägt den Shownamen „Besserwisser“, und genauso stelle ich mir eigentlich ein Kind vor, dass seine Anerkennung durch Wissen zu bekommen gewohnt ist: Unfassbar nervig!

Ich persönlich kenne viele Menschen, die so sind, und sie gehen mir ausnahmslos ungebremst auf den Sack. Meistens ist es allerdings so, dass sie nur glauben, viel zu wissen, es aber in der Regel nicht tun.

Bei Sebastian Klussmann stellt sich nun überraschend heraus, dass er ein sehr angenehmer Mensch zu sein scheint, wenn man sich auf Grund solcher Internetfunde ein Urteil zu fällen traut.

Was treibt ihn also an, den Besserwisser, wenn schon nicht, jedem auf die Nase binden zu müssen, dass er es besser weiß, um die erwünschte Anerkennung zu bekommen, wie in der Kindheit erlernt?

Dazu gibt es einen interessanten TEDx Talk, den ich mir mal reingefahren habe, in dem er erklärt, dass ein großes Allgemeinwissen einem Gegenüber beispielsweise suggeriert, man habe an ihm oder seiner Kultur, seinem Land etc. grundsätzlich Interesse. Was einen erstmal sympatisch macht. Klar. Außerdem führt er an, dass Allgemeinwissen davor schützt, auf die heute weit verbreiteten Fake News hereinzufallen.

Beides valide Argumente, möchte ich sagen, und ich kann mir gut vorstellen dass es Türen öffnet, wenn ich mit einem Tennisfan über Wimbledon und mit einem Wagner Liebhaber über Bayreuth sprechen kann. Oft ist es auch so, dass man erst, wenn man sich für die Dinge interessiert, die einen Menschen begeistern, wirklich ein Gefühl für diesen Menschen bekommt. Dass es also dann überhaupt erst spannend wird.

Weiß er wirklich mehr?

Jetzt weiß dieser Jäger aber zum Beispiel auch Dinge über „Frauentausch“. Auch das gehört offenbar heutzutage zum Allgemeinwissen. Und da frage ich mich, wessen Türen ich denn öffnen will, wo ich mit Wissen über unterirdische Fernsehformate punkten muss und ob ich es nicht eigentlich lieber hätte, dass diese Türen geschlossen bleiben.

Ich kann mir vorstellen, dass scheinbar unnützes Wissen immer ein Puzzlestück im Gesamtbild ergibt. Herr Klussmann spricht in seinem Interview auch über Verknüpfungen im Gehirn, die einen hohen IQ ausmachen. Ich stelle mir das so vor, dass ein irrelevanter Fakt, wie zum Beispiel, wer die letzte Staffel GNT gewonnen hat, vielleicht an sich für mich persönlich völlig überflüssig ist, mir aber eventuell ein anderes Mal hilft, einen relevanteren Fakt mit einem anderen relevanten Fakt zu verknüpfen, und somit in meinem Gesamtpuzzle aller Fakten eine Rolle spielt. Das ist jetzt nur meine eigene persönliche Erklärung, da ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass jemand sich ganz ernsthaft für Sport, Musik, Politik, Geographie, Geschichte, Biologie und schlechte Fernsehsendungen interessieren kann…

Und dann frage ich mich, ob der Typ wirklich mehr weiß als ich oder ob sein Wissen einfach nur breiter gestreut ist als meins. Ich bin ja schon relativ breit aufgestellt mit meiner Technik und Buchhaltung und Schreiberei und Kunst. Breiter als manch einer. Trotzdem ist mein Wissen relativ speziell. So weiß ich zum Beispiel beruflich die LEE Farbfilternummern und die Konten des SKR 03 im Kopf. Und privat kann ich jedes Beatleslied in den ersten 10 Sekunden erkennen und sagen, auf welchem Album es ist. Aber Frauentausch?

Gehirnregionen verknüpfen

Am besten lernt man, wenn man Fakten miteinander oder mit Sinnen, Erlebnissen oder Emotionen verknüpft. Beispiel, ich merke mir oft die Geschichte, die hinter einem Song steckt. Dann habe ich Bilder und Emotionen und kann mir Titel und Interpret einfach merken.

Die Nummer mit den Verknüpfungen im Gehirn ist zum Beispiel auch etwas, was Herr Klussmann immer wieder anspricht. Dazu gehört auch das Lernen mit allen Sinnen. Dazu gibt es viel Forschung. Ich lerne zum Beispiel immer so, dass ich etwas aufschreibe und dabei laut mitlese, weil das den kognitiven, den Hör- und Sehsinn gleichzeitig anspricht und deswegen deutlich besser hängenbleibt, als wenn ich es nur lese. Der Besserwisser berichtet auch, dass er mit sich selbst spricht. Ähnliches Prinzip.

Verknüpfungen kann man herstellen, vor allem zwischen den Gehirnregionen. Was ich zum Beispiel gerne mache, ist das Schreiben zwischen meinen Händen abzuwechseln. Die linke Körperhälfte wird von der rechten Gehirnhälfte gesteuert und umgekehrt. Wenn ich also beim Lernen mit beiden Händen schreibe, werden mehr Verbindungen im Gehirn gebaut als wenn ich nur mit rechts schreibe, weil dann alles mit der linken Gehirnhälfte verknüpft wird. Dafür muss man natürlich mit beiden Händen schreiben können, aber das kann man ganz einfach trainieren.

Vera Birkenbihl (ich liebe sie), die sich viel mit dem Thema Lernen und Gehirn auseinandergesezt hat, hat zum Bespiel während Ihrer Vorträge gerne mit beiden Händen geschrieben oder auch auf dem Kopf.

Auch gibt es Interessantes zum Thema Geruch, wie zum Beispiel diesen Versuch darüber, wie gut Menschen Dinge behalten, wenn sie beim Lernen einen bestimmten Geruch wahrnehmen und dieser Geruch dann beim Abfragen des Wissens wieder auftaucht.

Diese erhöhte Intensität durch das Ansprechen vieler Sinne habe ich mir zum Beispiel auch schon zu Nutzen gemacht. In meiner letzten Ausstellung in Rom habe ich beispielsweise meine Bilder nicht nur gut ausgeleuchtet (das ist ja schließlich das Mindeste), sondern auch als einzige Künstlerin in der Ausstellung mit Musik, und Geruch gearbeitet. So erlebt man den Raum emotional, das Erlebnis wird intensiver und damit bleibt die Erinnerung.

Mantras für neue Gehirnstraßen

Man geht ebenfalls davon aus, dass stetige Wiederholung Verknüpfungen im Gehirn entstehen läßt.

Hier geht es nicht darum, Stoff zu lernen, dafür ist Wiederholung ungeeignet, lernen mit allen Sinnen hingegen ist dazu sehr gut geeignet. Hier geht es um das Bilden neuer Verknüpfungen, wenn es bereits Verknüpfungen gibt, die aber vielleicht nicht hilfreich sind.

Wenn ich also zum Beispiel auf eine bestimmte Situation immer gleich reagiere, hat das damit zu tun, dass ich in meinem Gehirn eine Verknüpfung zwischen dem Auslöser und der Reaktion „gebaut“ habe. Diese Verknüpfung ist durch das ständige Benutzen dermaßen gut ausgebaut, dass es einfacher ist, diese Verbindung zu benutzen als andere.

Es gibt in der Spiritualität gewisse Praktiken, die solche Bahnen schaffen. Man kennt das aus fast allen Religionen. Beispielsweise Rosenkranz beten. In diesem Fall versteht der Betende allerdings nicht mehr, was er tut, weil ihm das Herunterrattern des Rosenkranzes im Zweifel auferlegt wurde.

Im Hinduismus gibt es Mantras, etwas was mich immer schon fasziniert hat. Ein Mantra ist ein Ausdruck, der meist in Sanskrit wiederholt gesprochen wird. Dazu benutzen die Hindus eine Mala, eine Perlenkette mit 108 Perlen, denn 108 Mal wird das Mantra pro Tag gesagt. Und das 21 Tage lang. Durch die stetige Widerholung eines Ausdrucks wird dieser im Gehirn „gebaut“.

Das funktioniert super und es gibt tatsächlich inzwischen Versuche, die zeigen, dass 10.000 Wiederholungen genügen, damit sich eine Verbindung im Gehirn entwickelt.

Wenn ich also etwa drei Monate lang jeden Tag 108 Mal mein Mantra sage, habe ich eine physische Verbindung in meinem Gehirn gebaut.

Mantra mag da ein etwas kantiger Begriff sein, aber nehmen wie statt dessen das Wort Glaubenssatz. Das ist griffiger. Ich kann durch bewusstes Training zum Beispiel meinen Glaubenssatz „Ich kann das nicht!“ durch einen anderen, hilfreicheren ersetzen.

Andere Meinungen einholen

Dafür ist es sicherlich auch nicht schlecht, wenn man mal seine social bubble verläßt, etwas, was ich sehr ungerne tue. Sich die Meinungen anderer anzuhören ist sicherlich extrem wichtig, um seinen Horizont zu erweitern, die eigene Meinung regelmäßig zu hinterfragen und so sicher zu sein, dass man sich nicht in eine Sackgasse verrennt.

Doch für mich persönlich gibt es da eine ganz klare Grenze, die vielleicht bei Herrn Klussmann an einer anderen Stelle liegt, da auch er dazu rät. Vielleicht aber auch nicht.

Ich weigere mich, mir Dinge anzuhören oder durchzulesen, wenn ich weiß, dass der Verbreiter dieser Dinge dumm ist, irgendetwas nachlabert, was er auf Youtube gelesen hat und selbst an keinem Meinungsaustausch interessiert ist. Konkret sind das all diejenigen, die rechtes Gedankengut verbreiten und für alle Fakten taub sind – und die neuerdings so weit verbreiteten Verschwurbeler, die ebenfalls kein Interesse an Quellen und Forschung haben oder diese schlichtweg für Manipulation halten.

Auch wenn es ein interessantes Gedankenspiel sein kann, sich ganz in eine Verschwörungsthese hineinzuversetzen – hab ich schon mit der ein oder anderen versucht – so ist bei mir relativ schnell der Punkt gekommen, an dem mich die Gefahr, die von der Verbreitung solcher Ideologien ausgeht, total stresst und ich für mich entscheide, dass ich diesem Stress in meinem Leben keinen Raum geben möchte.

Was dann so wirkt, als würde ich die Meinung Rechtsradikaler und Impfgegner nicht dulden. Das ist aber nicht so. Ich dulde sie schon, ich will sie nur nicht ständig hören.

Ich hätte nicht gedacht, dass ein Quizzer mich mal so zum Nachdenken bringt, ist aber so, also danke Sebastian für Inspiration und Anstoß.

Auch wenn er und ich nicht viel gemeinsam haben – bis auf den Fakt, dass wir beide in Berlin wohnen und  Politikwissenschaften studiert haben, mit dem Ziel, in den diplomatischen Dienst zu gehen – könnte ich mir einen Meinungsaustausch mit diesem Menschen ziemlich gut vorstellen.

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