Das Zeitalter des Non-Commitments

In den letzten Wochen ist mir eine Sache immer wieder aufgefallen (und zugegeben auch unfassbar auf den Zeiger gegangen). Nicht-Entscheidungen.

Das fängt an bei unserer Bundestagswahl, vor der sich niemand so richtig festlegen wollte, ob und mit wem er denn nach der Wahl koalieren möchte, sollte er denn gewählt werden.

Selbst nach der Wahl ist man sehr zurückhaltend mit Zusagen.

Beruflich ist es nicht anders. Jobanfragen kommen seit neustem erst eine Woche vor dem Job, und auch hier versichert mir der Kunde, dass dies nur daran liege, dass der Endkunde sich nicht so richtig entscheiden wolle.

Die Pest des Non-Commitments erhält auch fleißig Einzug in die privaten Bereiche in Form von vagen Verabredungen, Facebook Event „Vielleicht“-Zusagen und so weiter.

 

Was genau lässt uns davor zurückschrecken, uns festzulegen?

Zugegeben, ich selbst bin ein großer Fan davon, nicht zu wissen, wie mein nächster Monat sich gestalten wird, denn das ist spannend und spannend ist das Gegenteil von langweilig und langweilig ist so ungefähr das Todesurteil.

Aber warum?

Entscheide ich mich für etwas, entscheide ich mich automatisch gegen etwas anderes.

Ich wollte zum Beispiel immer einen Hund haben. Ging aber nicht, weil mein Leben zu spontan, zu chaotisch, zu unstet war (und ist).

Nun ergab es sich, dass mein Hund sich für mich entschieden hat und nun bei mir ist. Ich habe mich entschieden, indem ich mich nicht gegen ihn entschieden habe. Alles wogegen ich mich damit automatisch entschieden habe (lange Fernreisen, eine gewisse Spontaneität, Aufenthalte auf Spielplätzen und Kleidung ohne Haare) ist relativ irrelevant geworden. Weil mein Hund einfach unfassbar geil ist. Aber das konnte ich vorher nicht wissen, ich habe es erst herausgefunden, nachdem ich eine Entscheidung getroffen habe.

Trotz dieser positiven Verstärkung treffe ich weiterhin ungern Entscheidungen und beobachte das gleiche Phänomen in meinem Umfeld.

Bei einem sehr inspirierenden Gespräch mit einem Freund vermutete dieser, dass wir uns wahrscheinlich daran gewöhnen müssen, dass in Zukunft nichts mehr entschieden wird, dass es vielmehr immer weiter in Richtung Spontaneität laufe, weil Entscheidungen in erster Linie aus einem Sicherheitsbedürfnis getroffen würden. Und Sicherheit – darin sind wir beide uns absolut einig – ist eine Illusion.

Wenn dem so ist, warum nervt es mich dann so sehr, dass meine Umgebung nicht willens ist, Entscheidungen zu treffen und warum fehlt mir die Verbindlichkeit?

Wie kann ich denn eine Partei wählen, wenn ich nicht weiß, ob die hinterher mit der linken oder mit der rechten Seite koalieren? Da fehlt mir eine gewisse Griffigkeit, eine Kontur.

Und so ist das auch bei Menschen.

Wenn jemand pausenlos nicht weiß, was er will, dann fehlt ihm ein Gesicht, ein Merkmal, dass ihn zu einem Individuum macht, ihn von der Masse abhebt.

Manchmal verwechseln wir Verbindlichkeit mit Unbeweglichkeit. Wir denken, wenn wir eine Entscheidung für etwas treffen, treffen wir gleichzeitig eine Entscheidung gegen etwas anderes.

Aber indem wir gar keine Entscheidung treffen, entscheiden wir uns gegen alles.

 

Und manchmal verwechseln wir Entscheidungen treffen mit Sicherheit und halten uns an etwas fest, was es so nicht gibt.

 

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