Das Schweigen der Männer

Lieselotte steht auf Willi.

In meiner Jugend guckte sie ins Telefonbuch, fand Willis Nummer und rief ihn an.

Es gab noch keine Smartphones und kein Facebook.

Sie fragt Willi, ob er mit ihr ins Kino geht und Willi sagt entweder begeistert ja oder verhalten, er habe keine Zeit. Letzteres bedeutet selbstredend, dass er eigentlich keine Lust hat.

Das waren noch Zeiten.

Heute ist das völlig anders. Man findet sich auf Facebook.

Zum einen, weil niemand mehr in irgendeinem Telefonbuch steht (gibt es die Dinger überhaupt noch?), zum anderen, weil es deutlich bequemer ist, sich eine Kurznachricht zu schicken als anzurufen. Das ganze peinlich Herumgedruckse, dass Willi gerade furchtbar viel zu tun habe und überhaupt keine Zeit für Kinobesuche kann man sich also dankenswerterweise ersparen.

Gut für Willi.

Heute sitzt Lieselotte vor ihrem Facebook Messenger, interpretiert die Lesebestätigung, vergleicht sie mit der sonstigen Onlineaktivität von Willi und zieht schließlich ihre Schlüsse daraus.

Es ist zu einer Gewohnheit geworden, dass wir keine Absagen mehr erteilen.

Ich beobachte das zunehmend.

Wenn man sich auf einen Job bewirbt – heute natürlich auch elektronisch, was ich durchaus begrüße – bekommt man keine Absage mehr, man bekommt ja auch nichts zurückgeschickt.

Viele Firmen schreiben das sogar in ihre Bewerbungskriterien. „Wir sehen uns außerstande, auf jede abgelehnte Bewerbung eine Absage zu schicken. Nur angenommene Bewerber werden kontaktiert.“ Ruf uns nicht an, wir melden uns bei dir. Oder auch nicht. Und warum eigentlich nicht?

Liegt das vielleicht daran, dass sich im Zuge der Digitalisierung jeder Bewerber einfach mal pauschal auf jeden Job bewirbt und die Arbeitgeber solch einer Flut an Bewerbungen nicht mehr Herr werden?

Ich glaube nicht. Denn die Digitalisierung bietet auch ein breites Spektrum an Möglichkeiten für automatisierte und dennoch freundliche Absagen.

Als ich das Skript meines zweiten Buches an meine Agentin geschickt habe, bekam ich einen langen Brief zurück, in dem mir erklärt wurde, warum mein Buch für den Markt uninteressant sei – nicht automatisiert, sondern persönlich. Aus dem Brief wurde ersichtlich, dass die Dame das Skript zumindest in Teilen gelesen hatte und dass sie sich Gedanken dazu gemacht hat, ob der Text auf dem Markt eine reelle Chance hat.

Ein solches Feedback, auch wenn es nicht zum angestrebten Erfolg führt, ist Gold wert. Es gibt mir die Chance, den Text zu überarbeiten oder einen anderen Text zu schreiben, der die Nerven der Zeit ein bisschen besser trifft. Ich kann mich verbessern, entwickeln, lernen. Vorausgesetzt natürlich, dass ich mit Kritik umgehen kann.

Die Antworten der Verlage hingegen, die man so normalerweise kontaktiert, waren nicht nur nicht konstruktiv, sie waren überhaupt nicht vorhanden.

Und jetzt stelle ich mir vor, dass so ein Willi, der in dieser Welt lebt und vielleicht versucht hat, einen Job zu finden, doch auf seine vielen Bewerbungen keine Antwort erhielt, oder ein Buch geschrieben hat und von den Verlagen ignoriert wurde, oder Demos seiner Band an Plattenfirmen geschickt hat, die sich nie gemeldet haben, dass dieser Willi eine Nachricht von Lieselotte bekommt.

Denn Lieselotte möchte sehr gerne mit ihm ins Kino gehen. Willi hat aber eigentlich keinen Bock.

Auf Grund seiner Erfahrungen weiß Willi aber nun, dass keine Antwort auch eine Antwort ist, also ignoriert er Lieselottes Nachricht einfach.

Ich finde das einleuchtend und verständlich. Allerdings finde ich auch, dass hier etwas Gefährliches passiert.

Denn wenn ein Mensch ignoriert wird, dann löst das Wertlosigkeitsgefühle in ihm aus.

Es gibt unzählige Studien, die bestätigen, dass ignoriert zu werden von Menschen schlimmer empfunden wird, als abgelehnt zu werden.

Und das hat damit zu tun, dass Menschen das Bedürfnis haben, gesehen zu werden.

Wir tun das im Alltag ständig. In der U-Bahn spricht mich der fünfte Typ an, der mir die Obdachlosenzeitung verkaufen will und erstens habe ich bereits den Straßenfeger und die Motz gekauft und zweitens nimmt mich das persönliche Schicksal dieser Menschen auch jedes Mal ein bisschen mit, weswegen ich nicht damit konfrontiert werden möchte. Also stecke ich mir meine Kopfhörer in die Ohren, schließe die Augen und beraube diesen Menschen seines Vorhandenseins.

Aber ich richte damit einen reellen Schaden an.

Menschen zu ignorieren ist respektlos, es ist schäbig.

Und manchmal ist alles, was es braucht ein Lächeln oder eine Pfandflasche.

Zugegeben, es ist unangenehm, Lieselotte zu sagen, dass man eigentlich nicht so eine große Lust hat, mit ihr ins Kino zu gehen. Ich kenne kaum jemanden, der so etwas machen würde. Trotzdem kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass die Menschen, die den Mut hatten, mir direkt zu sagen, dass sie keine Lust haben, sich mit mir zu treffen, mir keinesfalls negativ in Erinnerung geblieben sind und auch die Erfahrung, abgewiesen worden zu sein, war nicht wirklich schlimm.

Im Gegenteil. Da hat jemand den Mut, mir zu sagen, wie es ist. Jemand befasst sich mit mir, jemand nimmt sich Zeit dafür. Ich fühle mich respektiert und gewertschätzt.

Wir empfinden es in der Regel als unangenehm, jemanden abzuweisen, weil wir nicht wissen, wie man das macht. In den meisten Fällen geben wir vor, keine Zeit zu haben, weil es als unhöflich gilt zuzugeben, dass wir keine Lust haben.

Ich frage mich, warum es unhöflich ist, keine Lust zu haben. Es ist doch auch gesellschaftsfähig, jemanden zu ignorieren, was, wie wir bereits festgestellt haben, viel schmerzhafter ist.

Warum also nicht ehrlich sein?

„Hey Lieselotte, der Film hört sich echt gut an, aber ich hab das Gefühl, du erhoffst dir da mehr, als mir lieb ist. Geh doch besser mit Miriam ins Kino. Liebe Grüße dein Willi.“

Man kann das aber auch eine kreative Herausforderung betrachten.

Wenn mich jemand fragt und ich hab keinen Bock, dann schicke ich zum Bespiel gerne einen Song, lasse jemand anderen sagen, was ich sagen will. Das ist nicht so direkt, aber trotzdem deutlich. Ich bestrafe den anderen nicht mit Schweigen, muss aber selbst keine Worte finden.

„Whatever my riddle is, you ain’t my solution; Whoever you’re looking for – I’m not the one“ (Krazy, Königin der Worte)

Mach doch mal ein Projekt draus.

Guck in deine Emails, dein Telefon, deine Facebook Nachrichten.

Schick allen, die dir in den letzten Tagen durchgerutscht sind, eine Nachricht dass sie in der Flut der Nachrichten untergegangen sind, jetzt aber gefunden wurden.

Schick allen, für die du die Zeit nicht hattest eine Nachricht, dass du dich melden wirst, wenn du sie hast.

Und schick mal allen, die ignoriert hast, weil du keine Lust auf sie hattest, eine freundliche Absage.

Glaub mir, es wird eine schöne Erfahrung. Für beide Seiten!

Enjoy!

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