Congo Blue.

Künstler in Congo Blue

Unwirklich blau

Stell dir ein Violett-Blau vor, dass so dunkel ist, dass man es zwar wahrnimmt, aber nicht wirklich sieht. Ein Hauch oder eher eine Ahnung von Blau.

Warum Congo? Keinen Schimmer. Vielleicht ist der Himmel im Kongo besonders blau oder der Erfinder dieser Farbe kam aus Zentralafrika. Vielleicht ist es aber auch eine Abkürzung für irgendetwas.

Jedenfalls ist Congo Blue eine vielbenutzte Farbe bei uns.

Wir, dass sind Lichtdesigner und Beleuchter.

Congo Blue hat die Lee Farbfilter Nummer 181, das gehört hier zur Allgemeinbildung.

Aber Farbfilter benutzt man heute gar nicht mehr so viel.

Früher hat man die gelartigen Folien in kleine Rahmen gespannt und dann vor die Lampen geklemmt. Und meistens hat man sich dabei übel die Finger verbrannt, denn die war gerne mal tierisch heiß.

Das war bevor es LEDs gab. Da musste man sich vor dem Konzert genau überlegen, wie es später aussehen soll und einer, meistens der Praktikant, hat dann mit dem Cuttermesser die ganzen Farben von der Rolle geschnitten und in die Rahmen gepackt.

Additiv und subtraktiv

Heute mischen die meisten Lampen die Farben selbst. Über ein RGB Farbmischsystem, wenn es ein Scheinwerfer ist, der als Lichtquelle zum Beispiel LED Dioden hat.

In der Lampe sind dann viele kleine Dioden in Rot, Grün und Blau, die je nachdem in welcher Kombination die Dioden angehen, zum Beispiel gelbes Licht abgeben, wenn grün und rot angehen oder lila, wenn rot und blau an sind und so weiter. Das nennt man additiv, weil man die Farben zusammen addiert. Wenn alles an ist, ist das Licht im Idealfall weiß.

In der Reaität nicht unbedingt, da ist es mehr ein Schnodderbeige, aber das ist dann die Sache mit Theorie und Praxis.

Im Gegensatz dazu ist die gute alte Farbfolie subtraktiv.

In Lampen, die nur eine Lichtquelle haben, also nicht LEDs sondern einen einzigen weißen Brenner, gibt es das CMY Farbmischsystem. Das zieht dann von dem weißen Licht mit cyan-, magenta- und gelb-farbenen Scheiben so viel Licht ab, bis die gewünschte Farbe übrig bleibt.

Zum Beispiel rotes Licht, wenn magenta und gelb vor dem weiß sind. Oder lila, wenn magenta und cyan davor sind. Und wenn alle drei komplett davor sind, ist es schwarz beziehungsweise dunkel.

Weißes Licht hat ja alle Farben im Spektrum. Das weiß jeder Pink Floyd Fan spätestens seit dem Cover von „The Dark Side of the Moon“.

So ein Filter, der filtert dann alles aus dem Weiß heraus, was unerwünscht ist. Je dunkler die gewünschte Farbe sein soll, desto mehr filtert der Filter raus.

Weniger ist mehr

Congo Blue zum Beispiel hat eine Lichtausbeute von 0,6%. Null Komma Sechs.

Das heißt im Klartext, dass 99,4% des weißen Lichts von dem Filter herausgefiltert werden.

Das ist fast alles!

Wenn man jetzt noch bedenkt, dass ein so genannter Temperaturstrahler, also dass, was man gemeinhin als Glühbirne bezeichnet, eine Lichtausbeute von 5 – 15% hat – der Rest wird in Wärme umgewandelt – daher der Name und die verbrannten Finger – wenn man das also bedenkt, dann kann man sich ausrechnen, wie viel von der gezogenen Energie am Ende als Congo Blue aus der Lampe rauskommt.

Unter 0,1 %

Das ist sehr sehr wenig.

Trotzdem. Congo Blue ist die Waffe unter den Farben. Die Farbe liegt ganz am Rand des Farbspektrums, das vom Menschen tatsächlich gesehen werden kann. Etwa 440 nm, falls du‘s genau wissen möchtest.

Der Mensch sieht etwa 380 – 780nm. Für die Floyd Fans: 380 ist das Violet ganz unten im Strahl, darunter kommt Ultraviolett, 780nm ist rot und oben, darüber kommt Infrarot. Das können wir nicht sehen aber spüren, nämlich als Wärme.

Man kann also sagen, dass Congo Blue quasi schon halb in der ultravioletten Anderwelt ist. Es ist das Licht mit der kürzesten Wellenlänge, die wir überhaupt noch sehen können und durch die kurzen Wellen scheint es zusätzlich noch weiter weg zu sein, als es tatsächlich ist, also irgendwie entrückt.

Das menschliche Auge kann Dinge in Congo Blue nicht mehr scharf sehen. Dadurch wirkt alles ein wenig unwirklich und schemenhaft oder eben schon halb in der Anderwelt.

Deswegen ist es so genial. Idealerweise in Kombination mit ein wenig Nebel oder Dunst. Achte mal drauf, wenn du das nächste Mal auf ein Konzert gehst.

Nur mit dem Auge

Congo Blue. Können Kameras zum Beispiel nicht sehen. Deswegen hilft es nichts, wenn du dir ein Handyvideo des letzten Konzertes ansiehst. Geh auf ein Konzert, lass das Handy in der Tasche und guck dir die Farben an.

Ich garantiere dir, Congo Blue wird dabei sein.

Kameras haben so zusagen ein kleineres Farbspektrum als der Mensch. Sie sehen Congo Blue nicht, es sieht immer einfach nur Blau aus. So ein 071 Tokyo Blue. Warum Tokyo? Ich kann‘s dir nicht sagen…

Es wird dir bestimmt auffallen, wenn du das nächste Mal ein Konzertvideo siehst. Viel Blau. Man könnte denken, der Lichtdesigner wäre ziemlich einfallslos gewesen, so viel blau ist da. Tokyo Blue.

Aber in der Regel ist er das nicht zwingend. Denn wahrscheinlich ist mindestens ein Drittel des Tokyo Blues in Wirklichkeit Congo Blue gewesen, nur, du kannst es nicht sehen, denn du warst nicht mit deinen Augen da.

Congo Blue. Wirkt ein bisschen wie Schwarzlicht.

Gegenstände in weiß oder grellen Farben fangen an zu leuchten. Der sowieso schon sphärische Effekt des Congo Blues wird nun noch durch das unwirkliche Leuchten und eine teilweise Entfremdung der optischen Wahrnehmung verstärkt, was zum Beispiel in der psychedelischen Musik durchaus erwünscht ist, weil es den Effekt des Unwirklichen hat.

Warum denn nun Congo?

Was mich immer wieder zurück zu der Frage der Namensgebung bringt.

Was ist denn nun so unglaublich unwirklich am Kongo? Oder so unglaublich blau?

Meine Recherchen haben ergeben, dass es eine aus Südamerika stammende violett-farbene Kartoffel mit dem selben Namen gibt, einen britischen Kriegsroman und ein französisches Blues-Raggae-Soul Trio.

Das liefert aber alles keine befriedigende Erklärung, vielmehr ist sogar anzunehmen, dass zumindest die Band sich nach der Farbe benannt hat und nicht umgekehrt.

Die Flagge der Demokratischen Republik Kongo ist größtenteils blau, aber eher so ein helles 722 Bray Blue. Bray ist ein irischer Badeort. Warum Bray und nicht Kongo? Ich weiß es nicht.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass der Name Congo Blue, der Name dieser unwirklichen, jenseitigen Zauberfarbe wohl eher etwas mit psychedelischem Rauchwerk aus Zentralafrika zu tun hat, welches der Farbfolienerfinder wohl gerade zur Hand gehabt haben muss.

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