Ich mag, wie Du lebst

Ich mag, wie Du lebst. Hin und wieder sagt das mal wer zu mir. Da geht es meistens um meine Reisen und meine vermeintliche Ungebundenheit und Freiheit.

Ja, ich liebe auch wie ich lebe, sonst würde ich es nicht tun.

Freiheit, eine der wichtigsten Dinge in meinem Leben neben nur ganz wenigen anderen wie zum Beispiel Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Loyalität. Dieser Freiheit fällt Vieles zum Opfer, denn Freiheit ist nichts, was man geschenkt bekommt. Sie ist etwas, was gelebt werden möchte. So sind Dinge, wie eine Festanstellung, ein über viele Jahre fester Wohnsitz, lange Beziehungen und Verantwortung für andere Menschen etwas, das es in meinem Leben nicht gibt. Allein die Verantwortung für meinen Hund bringt mich in meiner Freiheitsliebe manchmal an meine Grenzen.

Heute jedoch möchte ich Euch mal von der Sanne erzählen, die man nicht sieht. Da gibt es nämlich ein Nachtschattengewächs tief in der Sanne, die alle kennen. Und diese beiden Geschöpfe bedingen sich gegenseitig, sind zwei Seiten der selben Medaille.

Meet the deamon

Diesen Dämon nennen wir mal Asanne (im Hinduismus ist das Gegenteil der Göttin Lakshmi ihre Schwester Alakshmi; die beiden sind eins und können doch niemals zusammen an einem Ort sein).

Asanne ist das genaue Gegenteil von Sanne. Sie hat kein Selbstbewußtsein, manchmal sogar Selbsthass, in jedem Fall kann sie sich super herunterputzen. Sie ist super zynisch und gemein, vor allem zu sich selbst, aber auch zu anderen. Ihr wird schnell alles zu viel, sie ist oft überfordert. Und dann bekommt der Hund es ab, wofür sie sich dann wieder stundenlang runterputzt. Außerdem hat sie Angst. Angst vor Menschen, Angst davor, lächerlich zu sein, Fehler zu machen, dass man hinter ihrem Rücken über sie lästert oder sich über sie lustig macht.

Am liebsten zieht Asanne sich dann in ihr Zimmer zurück, am allerliebsten in ihr Bett und am allerallerliebsten unter ihre Decke. Da darf dann nur noch der Hund rein.

Das ist dann das Hunde-Elend.

In diesem Moment, ich schwöre es Euch, mag niemand, wie ich lebe.

Aber wieso bedingen sich die beiden Sannes?

Anpassung hat Vorteile

Da ist also zum einen die Sanne, die (meistens) einfach macht, worauf sie Bock hat. Das ist das, was man sieht. Ausstellungen, monatelang mit dem Bus unterwegs, Motorradfahren auf der Great Ocean Road, Jakobsweg pilgern usw. Name it.

Nennen wir es mal vorsichtig „unangepasst sein“. Das kann ja für jeden etwas komplett anderes sein. Für den einen ist es Ungebundenheit, aber für jemand anderen mag es das Haus im Wald mit dem Kräutergarten mit 20 Enkeln sein, jemand Drittes hat sein Segelboot und in jedem Hafen eine Frau oder man baut sich ein Haus auf Bali. Die Menschen sind ja unglaublich individuell, so ist es auch unwahrscheinlich, dass alle Menschen Familien, Reihenhäuser und Festanstellungen wollen. Ergo macht ein Teil der Menschen das ein oder andere davon, um sich an gesellschaftliche Erwartungen anzupassen.

Das hat auch Vorteile, es ist nämlich einfacher. Vorsicht Falle: Einfacher bedeutet nicht, der bessere Weg oder der richtige Weg. Es fällt mir schwer, darüber etwas zu schreiben, ohne direkt so wertend zu erscheinen. Ich glaube aus tiefstem Herzen, dass es Menschen gibt, die genau das wollen. Und die genau so glücklich werden. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das nicht alle sind. Und den einfacheren Weg der Anpassung zu gehen, ist für mich Selbstverleugnung. Und das Aufgeben der Träume führt zu innerem Sterben. Lose your dreams and you will lose your mind.

Unangepasst sein ist anstrengend

Aber – sich anzupassen braucht viel weniger Energie, als den eigenen Weg zu gehen.

Unangepasst sein bedeutet nämlich auch, ständig Gegenwind zu bekommen. Unangepasst war ja die vorsichtige Bezeichnung – wir erinnern uns. Andere Bezeichnungen, die ich oft zu hören bekomme sind z.B. unnormal, unvernünftig, egoistisch, rastlos, und wo würden wir denn hinkommen, wenn hier jeder einfach machen würde, was er oder sie will?

Vielleicht – aber auch nur vielleicht – an einen Ort, wo jeder sein Potenzial voll ausleben kann und jeder die Dinge tut, die er gerne tut. An einen Ort, wo weniger Menschen sich mit Dschungelcamp oder Shopping Queen betäuben müssen, weil sie ihren eigenen Alltag nicht mehr aushalten. Zumindest nicht ohne Komasaufen am Wochenende und Ballermann im Sommer, denn dann können sie endlich mal ausbrechen aus ihrem Käfig. Did they get you you to trade your heroes for ghosts […] did you exchange a walk on part in the war for a lead role in a cage? – Aber vielleicht möchte ich dieses Fass an dieser Stelle auch gar nicht aufmachen.

Und zur Krönung des Ganzen kam regelmäßig, wenn ich mich dann mit einem Wagnis auf die Fresse gelegt habe – und das war nicht selten –  von irgendwem der Spruch „Du hast es ja nicht anders gewollt!“ Vorwiegend von denen, die niemals etwas gewagt haben.

Unangepasst sein bedeutet, ständig anzuecken, wo man nicht der Norm entspricht. Das ist unglaublich Kräfte zehrend. Asanne ist deswegen oft zynisch und hart. Und sie kann seeeeehr wütend werden.

Ich mag deine Wut!

Mir hat mal jemand gesagt, er möge meine Wut. Es freut mich, wenn ich andere inspiriere, auch mit meiner Wut. Aber ich bin die, die mit dieser Wut herumrennen muss, Tag für Tag. Ich bin die, die sie zu kanalysieren versucht mit Schreiben und Malen. Und doch gibt es nicht wirklich einen Ort für so viel Wut. Was mich wiedermal auf ein Zitat meiner Lieblings- Liedermacherette Krazy bringt:

Du glaubst an mein Freuer, aber ich bin die, die brennt!“

Zu brennen scheint zumindest auf manche Menschen trotzdem eine gewisse Faszinantion auszuüben. Irgendwo geben Menschen, die ihren Stiefel durchziehen, anderen Menschen das Gefühl, dass auch sie ihr Ding machen können, oder, wie Hermann Hesse es ausdrückte, dem schläfrigen Zufriedenheitsgott die verrostete Dankbarkeitsleier ins zufriedene Gesicht schmeißen und lieber einen recht teuflischen Schmerz in sich brennen fühlen als diese bekömmliche Zimmertemperatur.

Und ist es nicht komisch, dass wir Querschießer und Sonderlinge wie Brecht oder Bukowski, Schlingensief oder Hesse heute verehren, aber wenn jemand aus unseren Reihen sich „ausreiht”, drehen direkt alle durch?

Vieles von dem, was ich tue, das Schreiben, das Bloggen, das Malen, die Musik, entsteht aus dieser Wut, aus einer Art Ohnmacht, mich im „normalen“ gesellschaftlichen Leben nicht ausdrücken zu können.

Der Schein trügt

Da denkt vielleicht jemand, wie toll das ist, dass ich so viele Sachen mache, dass ich so produktiv und vielseitig bin. Was derjenige aber nicht sieht, ist den Vulkan dahinter, der explodieren würde, wenn ich es nicht täte. Das ist nicht so eine schöne Sonntagnachmittagbeschäftigung wie häkeln oder Makramee, sondern eine Kraft die mich nachts aus dem Bett treibt, weil ich sonst entweder ex- oder implodiere.

Und an den Tagen, wo ich nicht aufstehe und der Wut ein Ventil gebe, fängt sie an, mich innerlich zu zerfressen. Das sind nicht die Tage, an denen ich schreibe, oder Euch anrufe. Das sind die Tage, an denen ich es kaum mit dem Hund vor die Tür schaffe, an denen meine Welt grau ist, wenn sie denn überhaupt noch existiert. Manchmal löst meine Welt sich nämlich auch unverhofft einfach auf und hinterläßt diese schwarzen, alles verschlingenden Löcher. Da hilft kein Pink Floyd mehr und keine Pasta Cacio Pepe, da gibt es nicht mal mehr Tränen, denn selbst dafür fehlt dann die Kraft.

Danke!

Ich weiß nicht, ob meine Depressionen der Grund sind, warum ich so bin wie ich bin oder ob die Tatsache, dass ich so bin, wie ich bin, der Grund für meine Depressionen ist – oder die Gesellschaft, in der ich offenbar nicht klarkomme, der Grund für beides. Es ist auch irrelevant, denn nichts davon läßt sich ändern.

Aber gerade die Menschen, die mir immer wieder sagen, dass sie es gut finden, was ich mache, dass sie meine Wut mögen, dass sie meinen Output bewundern, sind die Menschen, die mich am Ball halten. Sie sind das kleine Gegengewicht zu dem großen Gegenwind, der mir fast täglich ins Gesicht pustet. Und ich weiß, dass Ihr jetzt wißt, dass ich Euch meine, Ihr Hand voll Menschen, die Ihr mir die Stange haltet in allem, was ich tue. Danke!

An Euch denke ich, wenn ich unter der (meist imaginären) Bettdecke hocke und in Selbsthass versinke. In strömendem Regen auf dem Motorrad am Ende der Welt, wenn ich den Tank leergefahren habe; in Rom in kochender Hitze, wenn ich mich verlaufen habe und der Handyakku leer ist; in Indien, nachts um drei, wenn der Taxifahrer mich abzockt und ich nichts dagegen tun kann; in London, nachdem ich in Ohnmacht gefallen bin, keine Sau kenne und der Erstehilfe-Typ nicht aufhört, panisch in mein Gesicht zu klatschen.

Dann denke ich mir, vielleicht habe ich es nicht anders gewollt, aber immerhin spüre ich ab und zu mal, dass ich lebendig bin.

She just can’t be chained – To a life where nothing’s gained – Or nothing’s lost, at such a cost

Der Dialog mit dem Feind

Schlafschafe gegen Covidioten

Am Wochenende durften wir alle uns die Bilder der Hygiene-Demonstration in Berlin anschauen. Und wie immer ging daraufhin die Schlacht in den sozialen Netzwerken los.

Die einen konzentrieren sich auf den Nazisturm auf den Reichstag, die anderen behaupten, die Demonstration wäre nicht, wie in den systemgesteuerten Medien berichtet, aufgelöst worden, sondern bis in die Abendstunden weitergelaufen.

Und ebenfalls wie immer prallen diese beiden Blasen aufeinander und anstatt, dass eine Diskussion entstünde, kämpfen Schlafschafe gegen Covidioten darum, wer die ultimative Wahrheit kennt.

Ich gehöre zum Team der Schlafschafe.

In den vergangenen Monaten habe ich, wie viele andere auf beiden Seiten der Mauer, einen Prozess durchlaufen, der anfing mit einem ernst gemeinten Versuch, die „Gegenseite“ zu verstehen, über Resignation bis zu genervter Abschottung von allen, die immer noch behaupten, Corona wäre eine Grippe.

Die anfangs noch ernst gemeinten Diskussionen wurden schnell von Respektlosigkeiten gesäumt, von gehirngewaschen bis Lemming war alles dabei. Das wurde dann schnell ermüdend für alle Beteiligten und inzwischen ist der Klick auf „unfriend“ schon fast ein Reflex, der den Frieden in der eigenen Blase schnell wieder herstellt.

Zwei Dinge haben mich zum Nachdenken gebracht. Zum einen der bereits im letzten Artikel erwähnte Quiz-Typ Klussmann, der in einem Interterview erklärt, wie wichtig es ist, auch Meinungen außerhalb der eigenen Bubble anzuhören, zum anderen die schiere Zahl derer, die diese Demonstration am letzten Wochenende befürwortet haben und sich in meinem Freundeskreis befinden.

Dialog oder Streit?

Nachdem ich mich bei einer Dame beschwerte, dass sie durch meine Blockierung im sozialen Netzwerk dem Dialog aus dem Weg ginge, bekam ich zur Antwort, dass sie meinen Kommentar (sprich meine Stichelei) nicht als Aufforderung zum Dialog empfunden hätte sondern als Aufforderung zum Streit.

Und damit hat sie leider nicht ganz Unrecht.

Für mich ist es komplett unverständlich, wie jemand, der intelligent und gebildet ist, den Inhalt eines Youtube Videos über wissenschaftliche Erkenntnisse stellen kann. Aber diese Menschen sind zumindest irgendwann mal meine Freunde gewesen, sie sind also gute Leute, nette Leute. Keine Nazis oder Aluhutträger. Trotzdem ist es für sie im selben Maße unverständlich, dass ich mich von den systemgesteuerten Medien dermaßen in die Irre führen lasse und nicht sehe, wie sehr wir verarscht werden.

An dieser Stelle kann ich sogar verstehen, warum manche Menschen unseren Politikern nicht trauen und ich wünschte mir ehrlich, dass die Politiker sich diese Situation mal als Beispiel dafür nehmen würden, was passiert, wenn man die Leute belügt und verarscht. Dann glaubt einem irgendwann keiner mehr.

Doch so sehr ich den Covidioten vorwerfe, sie seien einfach nur dumm, sie sind es nicht. Und man macht es sich auch zu einfach, in dem man, wie zum Beispiel beim goldenen Aluhut, behauptet, diese Menschen seien einsam oder verunsichert. Das sind Menschen, die mit beiden Füßen fest im Leben stehen, die Ideale haben. Trotzdem glauben sie diesen – meiner Meinung nach – gequirlten Scheiß.

Andererseits wird uns, dem Team Schlafschaf, ja gerne vorgeworfen, wir würden aus Angst vor dem Virus so obrigkeitstreu handeln. Uns den Maulkorb anlegen lassen, unsere Grundrechte abgeben.

Dabei sind die wenigsten, die ich in meinem Team kenne, obrigkeitstreu. Auch haben die meisten keine Angst vor dem Virus. Ich habe durchaus Respekt vor dem Virus, aber ich verhalte mich einfach entsprechend (Maulkorb etc.), so dass ich eine Ansteckungsgefahr so weit wie möglich minimiere.

Ich habe Angst

Angst habe ich trotzdem. Große Angst. Davor, was mit uns passiert, wenn wir nicht mehr miteinander reden oder noch schlimmer, wenn wir uns gegenseitig nicht mehr zuhören. Wenn wir alle glauben, die Wahrheit zu kennen und deswegen gar nicht mehr offen sind für andere Perspektiven oder Meinungen.

Ich habe auch Angst davor, was passiert, wenn Fakten immer dann wahr sind, wenn die Mehrheit an sie glaubt und nicht, wenn sie nach wissenschaftlichen Standards erforscht und bewiesen wurden.

Ich bin nicht bereit dazu, in einen echten Diskurs zu treten mit Menschen, die meine Quellen pauschal nicht anerkennen, an meiner Meinung kein Interesse haben und meinen, sowieso im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein.

Aber ich bin bereit, diese Menschen anzuhören. Ja, ich habe da lange drüber nachgedacht, tatsächlich sogar schlaflose Nächte gehabt. Es ist viel angenehmer, Menschen, die kompletten Schwachsinn glauben, zu beschimpfen und sich hinterher von der eigenen sozialen Blase bestätigen zu lassen, wie sehr man im Recht ist. Viel angenehmer, als sich krude Theorien, himmelschreiende „Beweise“ und das Geschwafel von Attila Hildmann anzuhören.

Aber wohin wir unterwegs sind, wenn wir nur noch ersteres tun, das will ich mir überhaupt nicht ausmalen. Und diese Menschen, die meisten davon zumindest, sind intelligente, nette, verantwortungsbewusste Menschen, die es meiner Meinung nach verdient haben, angehört zu werden. Von mir. Allerdings ohne den Anspruch, dass ich das gut heiße, was sie glauben oder tun. Und umgekehrt.

Dialog statt Spaltung

Das hat Grenzen, ganz klare Grenzen für mich, denn ich höre mir nichts über Kinderesser, Echsenmenschen oder Mikrochips und vor allem keinen rechten Scheiß an. Aber ich möchte verstehen, warum meine Freunde denken und glauben, was sie denken und glauben. Wir leben zusammen in diesem Land und es wäre besser, wir kämen zusammen klar als dass wir uns noch weiter spalten. Was dann passiert, kann man ja gerade sehr schön in den USA beobachten.

Den ersten Schritt habe ich gemacht und bin sehr glücklich über einen vorsichtigen Dialog, der da gerade in Entstehung ist. Ich kann Euch nur empfehlen, es auch mal zu versuchen. Ohne Anspruch, den anderen überzeugen zu wollen. Ich glaube wir haben total vergessen, wie das geht.

Der Besserwisser

In der letzten Zeit hatte ich zwei Dinge, die ich normalerweise nicht habe, nämlich einen Fernseher und Zeit am Vormittag. So kam es, dass ich plötzlich vormittags regelmäßig die Wiederholungen der Quiz-Sendung „Gefragt – Gejagt“ schaute. Zuerst, weil nichts Besseres lief, später mit zunehmender Begeisterung.

In dieser Sendung, die Ihr im Gegensatz zu mir wahrscheinlich alle kennt, gibt es diesen Jäger-Typen. Ein Typ, der einfach alles weiß und zwar auf allen Gebieten.

Ich bin nicht so ein Quiz-Sendungs-Typ, was vor allem daran liegt, dass ich kein Fernseh-Typ bin, aber diese Jäger haben mich irgendwie fasziniert. Wie tickt ein Mensch, der sich zum Ziel gemacht hat, alles zu wissen? Oder doch zumindest jede Menge?

In einem Interview mit Sebastian Klussmann, den ich jetzt einfach mal aus dem Pool der Jäger herausgreife, weil er Berliner ist, erfahren wir zum Beispiel, dass er früher schüchtern war und Angst vor Menschen hatte, bis er herausfand, dass das Wissen, was er sich aus Spaß bereits angeeignet hatt, ihm von seiner Umwelt Anerkennung einbrachte. Das macht in meinen Augen komplett Sinn und man nennt es in der Psychologie Adaptation.

Was treibt einen Besserwisser an?

Der Mann trägt den Shownamen „Besserwisser“, und genauso stelle ich mir eigentlich ein Kind vor, dass seine Anerkennung durch Wissen zu bekommen gewohnt ist: Unfassbar nervig!

Ich persönlich kenne viele Menschen, die so sind, und sie gehen mir ausnahmslos ungebremst auf den Sack. Meistens ist es allerdings so, dass sie nur glauben, viel zu wissen, es aber in der Regel nicht tun.

Bei Sebastian Klussmann stellt sich nun überraschend heraus, dass er ein sehr angenehmer Mensch zu sein scheint, wenn man sich auf Grund solcher Internetfunde ein Urteil zu fällen traut.

Was treibt ihn also an, den Besserwisser, wenn schon nicht, jedem auf die Nase binden zu müssen, dass er es besser weiß, um die erwünschte Anerkennung zu bekommen, wie in der Kindheit erlernt?

Dazu gibt es einen interessanten TEDx Talk, den ich mir mal reingefahren habe, in dem er erklärt, dass ein großes Allgemeinwissen einem Gegenüber beispielsweise suggeriert, man habe an ihm oder seiner Kultur, seinem Land etc. grundsätzlich Interesse. Was einen erstmal sympatisch macht. Klar. Außerdem führt er an, dass Allgemeinwissen davor schützt, auf die heute weit verbreiteten Fake News hereinzufallen.

Beides valide Argumente, möchte ich sagen, und ich kann mir gut vorstellen dass es Türen öffnet, wenn ich mit einem Tennisfan über Wimbledon und mit einem Wagner Liebhaber über Bayreuth sprechen kann. Oft ist es auch so, dass man erst, wenn man sich für die Dinge interessiert, die einen Menschen begeistern, wirklich ein Gefühl für diesen Menschen bekommt. Dass es also dann überhaupt erst spannend wird.

Weiß er wirklich mehr?

Jetzt weiß dieser Jäger aber zum Beispiel auch Dinge über „Frauentausch“. Auch das gehört offenbar heutzutage zum Allgemeinwissen. Und da frage ich mich, wessen Türen ich denn öffnen will, wo ich mit Wissen über unterirdische Fernsehformate punkten muss und ob ich es nicht eigentlich lieber hätte, dass diese Türen geschlossen bleiben.

Ich kann mir vorstellen, dass scheinbar unnützes Wissen immer ein Puzzlestück im Gesamtbild ergibt. Herr Klussmann spricht in seinem Interview auch über Verknüpfungen im Gehirn, die einen hohen IQ ausmachen. Ich stelle mir das so vor, dass ein irrelevanter Fakt, wie zum Beispiel, wer die letzte Staffel GNT gewonnen hat, vielleicht an sich für mich persönlich völlig überflüssig ist, mir aber eventuell ein anderes Mal hilft, einen relevanteren Fakt mit einem anderen relevanten Fakt zu verknüpfen, und somit in meinem Gesamtpuzzle aller Fakten eine Rolle spielt. Das ist jetzt nur meine eigene persönliche Erklärung, da ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass jemand sich ganz ernsthaft für Sport, Musik, Politik, Geographie, Geschichte, Biologie und schlechte Fernsehsendungen interessieren kann…

Und dann frage ich mich, ob der Typ wirklich mehr weiß als ich oder ob sein Wissen einfach nur breiter gestreut ist als meins. Ich bin ja schon relativ breit aufgestellt mit meiner Technik und Buchhaltung und Schreiberei und Kunst. Breiter als manch einer. Trotzdem ist mein Wissen relativ speziell. So weiß ich zum Beispiel beruflich die LEE Farbfilternummern und die Konten des SKR 03 im Kopf. Und privat kann ich jedes Beatleslied in den ersten 10 Sekunden erkennen und sagen, auf welchem Album es ist. Aber Frauentausch?

Gehirnregionen verknüpfen

Am besten lernt man, wenn man Fakten miteinander oder mit Sinnen, Erlebnissen oder Emotionen verknüpft. Beispiel, ich merke mir oft die Geschichte, die hinter einem Song steckt. Dann habe ich Bilder und Emotionen und kann mir Titel und Interpret einfach merken.

Die Nummer mit den Verknüpfungen im Gehirn ist zum Beispiel auch etwas, was Herr Klussmann immer wieder anspricht. Dazu gehört auch das Lernen mit allen Sinnen. Dazu gibt es viel Forschung. Ich lerne zum Beispiel immer so, dass ich etwas aufschreibe und dabei laut mitlese, weil das den kognitiven, den Hör- und Sehsinn gleichzeitig anspricht und deswegen deutlich besser hängenbleibt, als wenn ich es nur lese. Der Besserwisser berichtet auch, dass er mit sich selbst spricht. Ähnliches Prinzip.

Verknüpfungen kann man herstellen, vor allem zwischen den Gehirnregionen. Was ich zum Beispiel gerne mache, ist das Schreiben zwischen meinen Händen abzuwechseln. Die linke Körperhälfte wird von der rechten Gehirnhälfte gesteuert und umgekehrt. Wenn ich also beim Lernen mit beiden Händen schreibe, werden mehr Verbindungen im Gehirn gebaut als wenn ich nur mit rechts schreibe, weil dann alles mit der linken Gehirnhälfte verknüpft wird. Dafür muss man natürlich mit beiden Händen schreiben können, aber das kann man ganz einfach trainieren.

Vera Birkenbihl (ich liebe sie), die sich viel mit dem Thema Lernen und Gehirn auseinandergesezt hat, hat zum Bespiel während Ihrer Vorträge gerne mit beiden Händen geschrieben oder auch auf dem Kopf.

Auch gibt es Interessantes zum Thema Geruch, wie zum Beispiel diesen Versuch darüber, wie gut Menschen Dinge behalten, wenn sie beim Lernen einen bestimmten Geruch wahrnehmen und dieser Geruch dann beim Abfragen des Wissens wieder auftaucht.

Diese erhöhte Intensität durch das Ansprechen vieler Sinne habe ich mir zum Beispiel auch schon zu Nutzen gemacht. In meiner letzten Ausstellung in Rom habe ich beispielsweise meine Bilder nicht nur gut ausgeleuchtet (das ist ja schließlich das Mindeste), sondern auch als einzige Künstlerin in der Ausstellung mit Musik, und Geruch gearbeitet. So erlebt man den Raum emotional, das Erlebnis wird intensiver und damit bleibt die Erinnerung.

Mantras für neue Gehirnstraßen

Man geht ebenfalls davon aus, dass stetige Wiederholung Verknüpfungen im Gehirn entstehen läßt.

Hier geht es nicht darum, Stoff zu lernen, dafür ist Wiederholung ungeeignet, lernen mit allen Sinnen hingegen ist dazu sehr gut geeignet. Hier geht es um das Bilden neuer Verknüpfungen, wenn es bereits Verknüpfungen gibt, die aber vielleicht nicht hilfreich sind.

Wenn ich also zum Beispiel auf eine bestimmte Situation immer gleich reagiere, hat das damit zu tun, dass ich in meinem Gehirn eine Verknüpfung zwischen dem Auslöser und der Reaktion „gebaut“ habe. Diese Verknüpfung ist durch das ständige Benutzen dermaßen gut ausgebaut, dass es einfacher ist, diese Verbindung zu benutzen als andere.

Es gibt in der Spiritualität gewisse Praktiken, die solche Bahnen schaffen. Man kennt das aus fast allen Religionen. Beispielsweise Rosenkranz beten. In diesem Fall versteht der Betende allerdings nicht mehr, was er tut, weil ihm das Herunterrattern des Rosenkranzes im Zweifel auferlegt wurde.

Im Hinduismus gibt es Mantras, etwas was mich immer schon fasziniert hat. Ein Mantra ist ein Ausdruck, der meist in Sanskrit wiederholt gesprochen wird. Dazu benutzen die Hindus eine Mala, eine Perlenkette mit 108 Perlen, denn 108 Mal wird das Mantra pro Tag gesagt. Und das 21 Tage lang. Durch die stetige Widerholung eines Ausdrucks wird dieser im Gehirn „gebaut“.

Das funktioniert super und es gibt tatsächlich inzwischen Versuche, die zeigen, dass 10.000 Wiederholungen genügen, damit sich eine Verbindung im Gehirn entwickelt.

Wenn ich also etwa drei Monate lang jeden Tag 108 Mal mein Mantra sage, habe ich eine physische Verbindung in meinem Gehirn gebaut.

Mantra mag da ein etwas kantiger Begriff sein, aber nehmen wie statt dessen das Wort Glaubenssatz. Das ist griffiger. Ich kann durch bewusstes Training zum Beispiel meinen Glaubenssatz „Ich kann das nicht!“ durch einen anderen, hilfreicheren ersetzen.

Andere Meinungen einholen

Dafür ist es sicherlich auch nicht schlecht, wenn man mal seine social bubble verläßt, etwas, was ich sehr ungerne tue. Sich die Meinungen anderer anzuhören ist sicherlich extrem wichtig, um seinen Horizont zu erweitern, die eigene Meinung regelmäßig zu hinterfragen und so sicher zu sein, dass man sich nicht in eine Sackgasse verrennt.

Doch für mich persönlich gibt es da eine ganz klare Grenze, die vielleicht bei Herrn Klussmann an einer anderen Stelle liegt, da auch er dazu rät. Vielleicht aber auch nicht.

Ich weigere mich, mir Dinge anzuhören oder durchzulesen, wenn ich weiß, dass der Verbreiter dieser Dinge dumm ist, irgendetwas nachlabert, was er auf Youtube gelesen hat und selbst an keinem Meinungsaustausch interessiert ist. Konkret sind das all diejenigen, die rechtes Gedankengut verbreiten und für alle Fakten taub sind – und die neuerdings so weit verbreiteten Verschwurbeler, die ebenfalls kein Interesse an Quellen und Forschung haben oder diese schlichtweg für Manipulation halten.

Auch wenn es ein interessantes Gedankenspiel sein kann, sich ganz in eine Verschwörungsthese hineinzuversetzen – hab ich schon mit der ein oder anderen versucht – so ist bei mir relativ schnell der Punkt gekommen, an dem mich die Gefahr, die von der Verbreitung solcher Ideologien ausgeht, total stresst und ich für mich entscheide, dass ich diesem Stress in meinem Leben keinen Raum geben möchte.

Was dann so wirkt, als würde ich die Meinung Rechtsradikaler und Impfgegner nicht dulden. Das ist aber nicht so. Ich dulde sie schon, ich will sie nur nicht ständig hören.

Ich hätte nicht gedacht, dass ein Quizzer mich mal so zum Nachdenken bringt, ist aber so, also danke Sebastian für Inspiration und Anstoß.

Auch wenn er und ich nicht viel gemeinsam haben – bis auf den Fakt, dass wir beide in Berlin wohnen und  Politikwissenschaften studiert haben, mit dem Ziel, in den diplomatischen Dienst zu gehen – könnte ich mir einen Meinungsaustausch mit diesem Menschen ziemlich gut vorstellen.

Die ewig Rastlose

Ich drehe durch!

Langsam fängt Corona echt an zu nerven.

Die letzten Monate waren für mich so ganz anders, als alles, was ich bislang kannte. Für Euch ja sicher auch, aber eben anders anders.

Ich habe, als ich gemerkt habe, dass es keine Jobs mehr geben wird, ein Mammut-Pensum an der Uni hingelegt, damit wenigstens diese Nerverei bald ein Ende hat. Das bedeutet im Klartext, ich, die ewig Rastlose, sitze seit April jeden Tag 8 Stunden vor meinem Rechner und höre mir per zoom, jitsy, big blue button oder Screencasts meine Professoren an.

Ich bewege mich nicht (außer meine Finger an Maus und Tastatur), ich esse nur Mist (keine Zeit zu kochen; kein Geld, essen zu gehen), ich mutiere zu einem Effizienzmonster erster Klasse.

Während der eine Prof redet, zeichne ich die Konstruktion für den anderen Prof, mache meine Buchhaltung, die Wäsche oder wische mal durch die Wohnung. Saugen geht schlecht, ist zu laut.

Und ich drehe durch!

Keine Baustelle, keine Kollegen, keine Hotels, keine Zug- und Flugreisen.

Dass das so ein großes Problem für mich sein würde, hatte ich nicht erwartet.

Ich bin ein Projektmensch

Man könnte jetzt denken, ich wäre so jemand, der ständig unterwegs sein muss. Das ist aber gar nicht so. Ich bin zwar rastlos, aber nicht im Sinne von, ich muss ständig an wechselnden Orten sein, sondern ich bin einfach vom Typ her ein Projektmensch.

Das bedeutet, ich kann gleiche, regelmäßige Abläufe über einen längeren Zeitraum ganz schlecht ertragen. Ich brauche eine Phase, in der ich eine Zeit lang dies mache und dann eine Zeit lang jenes. Und wenn ich anfange, dies zu machen, weiß ich genau, wann ich damit wieder aufhören werde.

Das macht unerträgliche Tätigkeiten und Arbeitszeiten erträglich und schöne Momente besonders.

Dass dem so ist, habe ich gemerkt, als ich angefangen habe, hier die Sachen zusammenzupacken, weil ich bald aus Berlin verschwinden werde.

Plötzlich kommt diese kribbelige Aufregung, dieses Gefühl, etwas zu Ende gebracht zu haben – und sei es auch nur ein dusseliges Semester – und etwas Neues zu beginnen.

Da wurde mir schlagartig klar: Ich brauch das!

Ich muss nach dem Job dieses Loch haben, wo ich erstmal tagelang meine Kollegen vermisse und überlege, wie ich jetzt die Tage strukturieren soll; ich brauche das Kofferpacken, die verschiedenen Tagesabläufe. Den Kontrast zwischen dem einen und dem anderen Job, den Geruch von Flughäfen, den Säuseljazz von Hotelbars.

Entzugserscheinungen in der Hotelbar

Das fehlt mir so sehr, dass ich sogar hier in Berlin inzwischen ab und zu ein Getränk in einer Hotelbar nehme. Wegen der Entzugserscheinungen. (Diesbezüglich kann ich die Monkeybar vom Hotel 25hours und die Panoramabar vom MotelOne am Zoo nur empfehlen).

Aber zurück zu den Projekten. Was an Corona am allerallerallermeisten nervt, ist, dass ich nicht weiß, wann es zuende ist.

Ich brauche Enden. Und zwar muss ich diese Enden schon haben, wenn ich anfange, sonst wird es beklemmend.

Die finanzielle Angst allein ist schon ein ziemlicher Klopper, aber nicht zu wissen, wie lange der ganz Scheiß dauert, ist einfach zu viel für mich.

Bitte Veränderung!

Es gibt ja so Leute, die keine Enden brauchen, solche, die alles, was sie machen, am liebsten immer weiter so machen wollen. Ich kenne einige von denen. Die werden beamtet und finden das geil. Obwohl das heißt, dass sie BIS ZUR RENTE den SELBEN SCHEISS machen werden. Unfuckingvorstellbar für mich. Schon beim Gedanken bekomme ich akute Atmenot.

Aber jedem das seine. Ich glaube, diese Menschen leiden an Corona, weil sie im Moment die Dinge, die sie immer machen, nicht mehr machen können/dürfen. Weil sich ihr Leben ändert und sie das nicht wollen. Weil Veränderung manchmal bedrohlich sein kann und von vielen Menschen nicht gewollt ist.

Bei mir ist es genau andersrum. Anfangs hat mich Corona – bis auf die finanzielle Situation – nicht besonders gestört. War ne Herausforderung, erforderte Umdenken. Sprich: Spannend!

Aber dann ging das so seinen Weg und ich hab mich daran gewöhnt, hab mich eingerichtet, angepasst, organisiert, zu Tode effizienziert und jetzt wird es LANGWEILIG!

Corona nervt

Jetzt muss das aufhören. Langsam fängt Corona echt an zu nerven. Jetzt will ich meinen Koffer packen und nach Barcelona fliegen und da ne fette Keynote aufbauen. Und ich will nach Hannover und etwas zu verstromen. Ich will abends mit Kollegen auf dem Dach des Hotels am Pool sitzen und wissen, dass ich wirklich glücklich bin, diesen Job machen zu dürfen. Auch wenn alle sich über das Essen beschweren und die Arbeitsmoral der Helfer.

Und wenn die mir allzusehr auf den Sack gehen mit ihrer Nörgelei, dann weiß ich, dass ich in x Tagen meinen Koffer erneut packen werde, um nach Düsseldorf zu düsen und mich mit irgendeiner Jahresauftakttagung beschäftige, wo ich mich abends dermaßen wegschieße, dass ich fast einen Kollegen mit aufs Zimmer nehme, aber nur fast.

Aber bevor es peinlich wird, Ihr ahnt es, packe ich ja meinen Koffer und bin… weg.

Ein Corona-Märchen

Es war einmal eine Marktfrau. Wir nennen sie Alice.

Sie arbeitete für einen Markstandbesitzer, einen feinen Menschen, war immer nett zu ihren Kunden, und schenkte den Armen hier und da mal einen Apfel.

Alice hatte sich einen Traum erfüllt und angefangen Marktwirtschaft zu studieren. Obwohl der Markstandbesitzer ein frommer Mann war, der gut für seine Marktfrauen sorgte, träumte Alice von ihrem eigenen Marktstand. Alte Marktfrauen, die zur Universität gehen wurden im Kleinbürgerland, in dem Alice lebt, nicht so gerne gesehen. Man studiert dort wenn man noch jung ist und nicht, wenn man eigentlich schon Kinder haben und ein Reihenhaus abbezahlen sollte.

Deswegen bekam Alice keine Unterstützung vom König. Aber sie hatte ja schon viele Jahre als Marktfrau gearbeitet und ein paar Silberlinge zur Seite gelegt. So konnte sie sich ihren Traum erfüllen und zur Universität gehen.

Das Studium war ziemlich zeitintensiv und Alice konnte nebenher nicht so viel auf dem Markt arbeiten, wie sie sich das gewünscht hatte.

Sie arbeitete aber an den Wochenenden und in den Ferien, und vermietete ihr Gästezimmer, so dass sie einigermaßen über die Runden kam. Und trotzdem schaffte sie es immer, den Armen hier und da noch einen Apfel zu schenken.

Nach wenigen Semestern schon war Alice allerdings schon ziemlich im Arsch.

Trotzdem hatte sie eine ganze Menge Arbeit in Aussicht und war wild entschlossen, das ganze Geld für das kommende Semester zu verdienen. Die Reserven, die sie so über die letzten Jahre angesammelt hatte, neigten sich auch dem Ende und Alice konnte es kaum erwarten, dass dieses unsägliche Studium bald endlich vorbei sein würde.

Blöderweise ging in Kleinbürgerland ein Gespenst herum, dass alle Leute in Kröten verwandelte, die in Gruppen von mehr als zwei Personen zusammenstanden.

Der König von Kleinbürgerland machte eine Ansprache zu seinem Volk und befahl ihnen, alle Märkte abzusagen, alle Versammlungen zu vermeiden, damit niemand verwandelt würde.

Alice fand das sinnvoll, auch wenn das bedeutete, dass sie nun keine Silberlinge mehr bekommen würde, um ihren Lebensunterhalt während des nächsten Semesters zu bezahlen.

Sie schrieb dem König zusammen mit dem Marktstandbesitzer und den anderen Marktleuten und der König erließ ein Dekret, wonach jedem Marktverkäufer ein Goldtaler geschenkt werden solle.

Außerdem versprach der König , dass die königliche Bank allen in Not geratenen Bürgern von Kleinbürgerland Kredite geben würde.

Alice war sehr glücklich über den König und ging zur königlichen Bank, um sich den Goldtaler zu holen.

Der Herr in der Bank gab ihr den Taler sofort und informierte sie, dass er jetzt aber für ein halbes Jahr reichen müsse. Das ist zwar sehr sehr lang, dachte Alice, aber es wird schon irgendwie klappen.

Am nächsten Tag trat der König erneut vor sein Volk und untersagte es allen Bürgern, Fremde aufzunehmen, damit es nicht zu Gruppenbildungen käme und das Gespenst niemanden verwandelt. So musste Alice allen ihren Besuchern, die in ihr Gästezimmer kommen wollten, eine Brieftaube senden und ihnen ihre angezahlten Silberlinge zurückschicken.

Man muss wissen, dass Alice in einem halben Jahr schon alleine für ihre Wohnung einen Goldtaler benötigt, wenn sie keine Silberlinge von Fremden bekommt. Da es an Silberlingen jetzt sehr knapp war, ging Alice erneut zur königlichen Bank.

Sie fragte nach den Krediten und wurde informiert, dass sie diese besonderen Kredite bei ihrem lokalen Geldverleiher erfragen müsse. Man erzählte ihr aber, dass der König die Regeln für die Almosen von Kleinbürgerland so geändert hätte, dass auch Marktfrauen jetzt Almosen bekommen können.

Alice war ganz glücklich und lief direkt zum Bürgermeister von Kleinbürgerstadt, um Almosen zu beantragen. Der Bürgermeister sagte ihr, sie solle sich keine Sorgen machen, man würde das alles regeln.

Alice machte sich keine Sorgen.

Zur Sicherheit lief sie noch zu ihrem lokalen Geldverleiher. Auf dem Weg dorthin kam sie an einem Bettler vorbei und gab ihm ihren letzten Apfel. Dem Geldverleiher sagte sie, dass sie einen Kredit haben wolle.

Der Geldverleiher schaute sich die Jahreseinkünften der letzten drei Jahre an und sagte Alice, dass sie leider gar nicht genug Silberlinge verdient hätte, um einen Kredit zurückzahlen zu können.

Alice fragte sich, wie sie denn, selbst wenn sie in den letzten drei Jahren viele Goldtaler verdient hätte, einen Kredit zurückzahlen soll, wenn sie nicht arbeiten darf, und warum eigentlich immer nur die Leute Kredite bekommen, die sowieso schon viele Goldtaler haben und nicht die mit den wenigen Silberlingen.

Das sagte sie aber nicht, stattdessen erzählte sie dem Geldverleiher, dass sie studieren würde und gab ihm einen Brief der Universität, in dem geschrieben stand, dass Alice eine ganz fleißige Studentin sei, als Beweis. Sie erzählte ihm auch, dass das Studium bald vorbei sei und sie dann ja ihren eigenen Marktstand aufmachen könne und viele viele Silberlinge verdienen würde. Das interessierte den Geldverleiher aber gar nicht.

Nun lief Alice etwas verzweifelt zurück zum Bürgermeister. Auf dem Rückweg sah sie schon auffällig viele Kröten. Sie fragte den Bürgermeister besorgt, wann sie denn Almosen bekommen würde.

Der Bürgermeister gab Alice 23 Formulare, die sie alle ganz gewissenhaft ausfüllte.

Nachdem er sich die Formulare angeschaut hatte, erzählte er Alice, dass sie gar kein Almosen bekommen würde, weil sie ja Studentin sei. Als Studentin bekommt sie ja Unterstützung. Alice bekommt aber keine Unterstützung, dafür ist sie nämlich zu alt.

Da guckte der Bürgermeister kurz etwas mitleidig und sagte, das wäre jetzt aber wirklich blöd für sie.

Doch das Almosen gäb es nur für die Leute, die nicht mehr arbeiten dürfen, weil das Gespenst umhergeht.

„Aber das ist doch genau das, was passiert ist“ protestierte Alice „ich habe immer auf dem Markt gearbeitet und das darf ich jetzt nicht mehr.“

Doch der Bürgermeister wusste es besser. Er sagte, Studenten würden nicht arbeiten, sie würden studieren. Und Alice könnte ja auch arbeiten, nur eben nicht als Marktfrau.

Dass Alice schon viele Jahre bevor sie studierte als Marktfrau gearbeitet hat, schien den Bürgermeister nicht zu interessieren.

„Soll das heißen, wenn ich nicht studiert hätte, nicht meine Rücklagen aufgebraucht hätte, nicht seit Jahren versucht hätte, das Geld zusammenzuhalten, um mich selbst fortzubilden, dann würde ich jetzt Almosen bekommen?“ fragte Alice, aber der Bürgermeister war schon in seinem Haus verschwunden, seine Frau hatte Schweinebraten gemacht.

Alice war nun sehr bedrückt und musste zuhause erst einmal eine große Portion Schokoladenpudding essen.

Kaum war sie mit dem Pudding fertig, klopfte es an ihrer Tür. Sie machte auf und vor ihr stand der Bettler, dem sie ihren letzten Apfel geschenkt hatte.

„Ich bin ein Zauberer“ sagte der Bettler. „Du warst so gut zu mir, du hast drei Wünsche frei.“

Alice war überglücklich und überlegte fieberhaft, was sie sich nun wünschen solle.

„Einen Sack voller Goldtaler“ sagte sie und ehe sie sich versah materialisierte sich vor ihr ein Sack zum Bersten voll mit Goldtalern. Alice war ganz aufgeregt.

„Meinen eigenen Marktstand“ sagte sie weiter und schwups stand vor ihr ein schöner großer Markstand mit einer rot-weißen Markise, genau so, wie Alice es liebte. Und er bog sich förmlich unter der Last all des reifen Obsts und Gemüses, mit dem er beladen war.

„Ich wünschte, der Marktstandbesitzer wäre hier und könnte das sehen!“ murmelte sie und im selben Moment stand der Markstandbesitzer neben ihr. Doch Alice hatte nicht lange Zeit, sich zu freuen, denn kurz darauf erschien das Gespenst und verwandelte sie, den Zauberer und den Marktstandbesitzer in Kröten.

Nicht hängen lassen

Viele von uns sitzen seit Tagen zuhause und haben nichts zu tun. Einige seit Wochen.

Die Eventbranche ist längst nicht mehr die einzige Branche die es hart trifft, aber es war so ziemlich die erste, weswegen wir Veranstaltungsbeteiligten quasi schon am längsten beschäftigungslos sind.

Und so langsam macht sich das bemerkbar. Langsam poppen hier und da verschiedene Diskussionsrunden auf, wo es um psychische Folgen des Kontaktverbots geht, während es sich vorher häufig um die wirtschaftlichen und gesundheitlichen Auswirkungen drehte.

Diesbezüglich möchte ich Euch ein wenig aus meinem Alltag berichten.

Ich leide ja, wie viele von Euch wissen, unter Depressionen und habe deswegen bereits dem ein oder anderen Therapeuten zu moderatem Reichtum verholfen. Depressionen zu haben ist dem momentanen Zustand sehr ähnlich, nur dass die Vereinsamung, die Isolation und das Gedankenkarussel von innen kommen. Nun kommen diese Faktoren von außen, aber sie machen mit uns das selbe.

Ich will hier auf keinen Fall behaupten, dass irgendwer unberechtigt herumjammert. Ganz im Gegenteil, wir haben allen Grund dazu. Es ist nur psychologisch nicht hilfreich, denn wenn man jammert, begibt man sich in ein Gefühl von Ohmacht, Opferdasein und Mangel. Und genauso fühlt man sich dann auch.

Besser ist es meiner Meinung nach, das ganze als Abenteuer und Herausforderung zu betrachten, damit die kreativen Ressourcen angezapft werden, wir fühlen uns angespornt, gebraucht und nützlich.

Deswegen präsentiere ich heute meine Top 4 goldenen Regeln gegen Vereinsamung, allesamt am eigenen Leib getestet und für wirksam befunden. Los geht‘s:

Ein geregelter Tagesablauf

Endlich können wir jeden Tag ausschlafen, haben keine Termine mehr, können um 10 schon das erste Bier aufmachen und im Schlafanzug durch die Wohnung rennen, bis es wieder Zeit für’s Bett ist. Ein Traum. Wirklich?

Wer das eine Weile macht, wird feststellen, dass man sich anfangs noch herrlich rebellisch fühlt, aber nach ein paar Tagen verliert man das Gefühl für die Zeit, die Tage verschwimmen ineinander, Erfolgserlebnisse bleiben aus (weil man nichts tut) und der große Traum wird zum Alptraum.

Ich hab das früher viel und gerne gemacht und mich regelmäßig darin verloren. Wir sind nicht dafür gemacht, unproduktiv zu sein, nicht so eine lange Zeit am Stück. Mir hilft es, einen regelmäßigen Tagesablauf zu haben und mir zwischendurch ein paar Tage des Gehenlassens zu gönnen, mit Deadline. (Dazu gibt es verschiedene Artikel, die allesamt sehr interessant sind)

Das sieht dann so aus: um 8 Uhr aufstehen und Kaffee kochen, mit Kaffee im Bett sitzen und Vogelhaus beobachten, um 9 Uhr mit dem Hund rausgehen. Auf dem Weg beim Pavillion einen weiteren Kaffee kaufen, kurz schnacken, zurück nach Hause. Homeoffice.

Ich habe einen Hund, das hilft sehr. Aber auch mit Kindern funktioniert regelmäßiges frühes Aufstehen super. Wer beides nicht hat, kann sich zum Beispiel mit einem Freund zum Joggen treffen oder sich vornehmen, morgens um eine bestimmte Zeit Brötchen beim Bäcker holen zu gehen.

Dann schaffe ich mir Rituale. Die helfen mir, mich durch einen sonst sehr ereignislosen Tag durchzuhangeln. Ich rufe vormittags meinen Vater an. Um 13h höre ich das Coronavirus Update von NDR Info. Donnerstags mache ich meine Buchhaltung (nicht, dass es da gerade viel zu tun gäbe), Sonntags gucke ich Tatort.

Zwischendurch sitze ich natürlich auch an meinem Schriebtisch und schreibe Bewerbungen, Anträge auf Kredite den ganzen Scheiß, den Ihr auch macht, aber eben nicht nur.

Fokus verändern

Die meiner Meinung nach wichtigste Regel. Die Situation ist, wie sie ist. Wir haben sehr wenig Einfluß auf sie. Auf was wir aber 100% Einfluß haben, ist unsere Wahrnehmung der Situation.

Versteht mich nicht falsch, ich will nicht, dass wir alle New-Age-mäßig durch die Gegend rennen und alles positiv sehen, wenn alles negativ ist. Aber es hilft zum Beispiel schon sehr, wenn man sich ehrlich fragt, wie schlimm es in diesem Moment wirklich ist.

Das ist ein Trick aus der Meditationstechnik, den die Psychotherapie entliehen hat und Achtsamkeitsübung nennt. Dafür gibt es im Netz zahlreiche Beispiele. Ich mache das zum Beipiel so: Ich schließe meine Augen, atme tief ein und aus, fühle den Atem, wie er in meine Lunge strömt, spüre kurz die Erde unter meinen Füßen und frage mich: Bin ich satt? Ist mir warm? Habe ich ein Dach über dem Kopf? Ergo, es geht mir in diesem Augenblick gut. Alles, was ich als belastend empfinde, passiert in meinen Gedanken.

Ich habe zum Beispiel Zukunftsängste, weil ich keine Arbeit in Aussicht habe, aber Miete zahlen muss, Lebensmittel halten auch nicht ewig usw. Ihr wißt, wovon ich spreche. Das ist aber nur in meinem Kopf.

Steile These, denn es ist ja trotzdem real und wichtig, sich der Situation zu stellen, es hilft aber nichts, wenn man sich von diesem Gefühl beherrschen läßt.

Ich könnte zum Beispiel auch an die Sache herangehen und sagen, krasses Abenteuer, ich hab keine Arbeit, ich werde auch auf die gewohnte Weise erst einmal keine Arbeit bekommen, wie kann ich überleben? Klingt gleich ganz anders, und dann werde ich kreativ.

Dann will ich Spargeltecherin, Müllauto- oder Lieferandofahrerin, Labor-Kurierin, Babysitterin, Buchhalterin werden oder dabei helfen, auf der Messe ein Notlazarett zu bauen. Und ich setze mich auf meinen Hintern, googele, verwerfe vielleicht die Idee mit dem Müllauto wieder und schreibe für den Rest Bewerbungen.

Anstatt also ohnmächtig und erschlagen herumzujammern und mich scheiße zu fühlen, dreht sich mein Gedankenapparat um eine kreative Lösungsfindung und nicht um das Problem. Ich fühle mich herausgefordert.

Das kann nicht jeder sofort, aber das kann man üben. Ich nenne das Gedankenhygiene.

Ich kann mich zum Beipiel wunderbar in Horrorszenarien hineinsteigern, mich fürchterlich aufregen, Alpträume haben und lethargisch herumhängen und jammern, aber die Erfahrung hat gezeigt, dass mich dieses Verhalten noch nie irgendwohin geführt hat, außer in die Depression.

Was auch ein wunderbares Tool ist, den Fokus zu verändern, ist Dankbarkeit.

Auch das kann man üben, hab ich gemacht, ist nicht immer leicht.

Zum Beipiel geht es mir gerade finanziell so schlecht, dass mein Vater meine Miete zahlt. Das ist manchmal ein ganz schön blödes Gefühl. Wer liegt schon gerne den Eltern auf der Tasche, nach 20 Jahren Selbständigkeit? Könnte ich mich jetzt für schämen, mich selbst dafür runterputzen, dass ich nicht alleine klarkomme. Aber ich kann auch einfach dankbar sein. Dankbar dafür, dass ich einen Vater habe, der meine Miete zahlen kann und es auch noch tut. Das hat nicht jeder, das ist eine tolle Sache.

Ich bin dankbar dafür, dass ich gesund bin und dass meine Eltern es auch sind, auch das ist heute nicht selbstverständlich. Ich bin dankbar, dass ich einen Hund habe, der Struktur in meinen Alltag bringt und dass ich nicht in Quarantäne bin, so dass ich auch selbst noch mit ihm rausdarf.

Jeder von Euch hat so etwas, wenn man lange genug sucht, findet man immer etwas. Der blühende Baum direkt vor dem Fenster, die Kids, leckeres Essen, Sonnenschein, kleine Gesten von Mitmenschen. Übung macht den Meister.

Kleingt total albern und profan, aber wenn man es schafft, den Fokus zu verändern, verändert sich alles.

Dinge tun, für die man sonst nie Zeit hat

Ich hab so eine Liste, auf der stehen Dinge, die ich immer schon mal machen wollte, für die ich aber nie Zeit hatte. Jetzt ist diese Zeit.

Ich habe zum Beispiel endlich mal meine Webseite an den Start gebracht. Dann habe ich den Küchenboden abgeschliffen und gestrichen, nun lerne Italienisch (geht wunderbar online). Jetzt ziehe ich mein unfertiges Manuskript aus der Schublade und schreibe es weiter (ich wollte sagen fertig, aber wer weiß, was noch dazwischen kommt).

Habt Ihr auch so Sachen? Spülmaschine reparieren, Vectorworks lernen, Baumhaus für die Kids bauen, Fotoalbum des letzten Urlaubs machen, Platte aufnehmen, Plätzchen backen und an die Nachbarn verschenken, für den Marathon trainieren, Wohnzimmer streichen, Sushi selber machen?!

Jetzt ist die Zeit dafür!

Vernetzt Euch

Während des Kontaktverbots ist es besonders wichtig, dass wir Kontakte pflegen. Physischer Kontakt ist wichtiger als wir denken und wenn der ausbleibt (und wenn es nur die freundschalftliche Umarmung der Arbeitskollegen ist), dann macht das etwas mit uns. Daher, wenn Ihr keinen Hund habt oder mit Eurer Familie zusammen seid, haltet Kontakt.

Ich telefoniere zum Beispiel viel, täglich mit meinem Vater, aber auch mit Kollegen, höre, wie es bei denen aussieht, das gibt uns allen ein Gefühl dafür, dass wir zusammen in der Scheiße stecken und nicht jeder alleine.

Ich schreibe meinen Freunden im Ausland, in Italien vor allem, frage, wie es bei ihnen ist, rufe in England an, whatsappe nach Bali. So haben wir alle ein Gefühl von Beieinandersein. Das ist wichtig.

Also, nicht hängen lassen, weitermachen! Fühlt Euch gedrückt!!

Corona, die unbekannte Macht

Hysterie oder Vorsicht?

Schlimmer als das Virus selbst, greift momentan die Virus-Panik um sich.

Es hagelt Absagen. Die MWC in Barcelona, die ProWein in Düsseldorf, die ITB in Berlin, um nur einige zu nennen. Derweil kursieren auf Facebook die wildesten Vergleiche zu Todeszahlen von Grippewellen und der ein oder andere postet Bilder von leergekauften Supermärkten.

So manch einer muss sich jetzt mit seinen Stornobedingungen auseinandersetzen, andere rufen verzweifelt ihre Auftraggeber an und fragen nach Jobs.

Der eine rennt in den Supermarkt, kauft Mehl, Nudeln und Seife und der andere ist genervt, weil sein Lieblingskonzert abgesagt wird und regt sich über die Hysterie auf.

Aber wie gefährlich ist dieses Virus nun tatsächlich? Und ist es wirklich angebracht, deswegen so viele Veranstaltungen abzusagen? Und warum passiert das eigentlich auf einmal so plötzlich?

Der Grund für die massenhaften Absagen ist, dass das Gesundheitsministerium zusammen mit dem Innenministerium einen Krisenstab eingerichtet hat, der vergangenen Freitag mitteilte, dass bei der Risikobewertung von Großveranstaltungen die Empfehlungen der Robert-Koch-Instituts angewendet werden sollen.

Risikobewertung nach Robert Koch

In diesen Empfehlungen bezieht das Robert-Koch-Institut sich auf die bisher bekannten Fälle und stellt fest, dass sich in einigen Regionen Menschen gehäuft bei Veranstaltungen angesteckt haben. Dabei unterscheidet man zwischen verschieden hohen Risiken und empfiehlt, je nach Risikohöhe, die Veranstaltung im Zweifel abzusagen oder zu verschieben.

Das macht ja erstmal Sinn. Damit ich sehen kann, wie hoch das Risiko meiner Veranstaltung ist, unterteilt das RKI in drei Bereiche.

Ein besonders hohes Risiko setzt sich zusammen aus:

1. Der Zusammensetzung der Teilnehmer

2. Der Art der Veranstaltung und

3. Dem Ort der Veranstaltung.

Beispielhaft für ein hohes Risiko bei der Zusammensetzung der Teilnehmer sind internationale Veranstaltungen wie Messen oder Konferenzen, bei denen auch Menschen aus Gebieten mit vielen Infektionen (China…) kommen, aber auch Veranstaltungen, bei denen eine hohe Menschendichte besteht. Die Art der Veranstaltung mit einem hohen Risiko kann beispielsweise eine sein, bei der viel Körperkontakt im Spiel ist, wie Karneval oder ein Fußballspiel. Beim Ort der Veranstaltung ist logischerweise dann ein hohes Risiko gegeben, wenn es an dem Ort bereits Infektionen gab oder wenn er allgemein unhygienisch ist und Ansteckung begünstigt.

Und zu guter Letzt schreibt das RKI noch explizit, dass von Messen ein erhöhtes Risiko ausgeht, falls man das bis hierhin noch nicht begriffen hat.

So viel also zu den Gründen.

Konsequent inkonsequent

Vor diesem Hintergrund ist es natürlich verständlich, dass Veranstalter den Empfehlungen der Bundesregierung folgen, denn wer will sich schon vorwerfen lassen, er riskiere aus Profitgier die Gesundheit tausender von Menschen?

Was ich viel bedenklicher finde, ist die Tatsache, dass die Veranstalter unterschiedlich konsequent sind, indem sie zum Beispiel Fußballspiele stattfinden lassen, wo sich Leute aus verschiedenen Himmelrichtungen sabbernd in den Armen liegen und dass es offensichtlich keine zentrale Stelle gibt, die das koordiniert. Zumindest sind die Empfehlungen der Bundesregierung und der RKIs bislang nur Empfehlungen und nicht bindend. Verstehe ich nicht. Ist das Virus jetzt gefährlich oder nicht?

Und hier argumentieren ja auch genug Menschen, dass es insgesamt doch deutlich mehr Tote durch die Influenza gibt und durch den Welthunger, zumindest werden solche Ansichten zu Hauf auf facebook geteilt und man empfindet diese ganze „Hysterie“ eben als lächerlich und übertrieben. Was in Anbetracht der oben genannten Inkonsequenz ja auch schwer zu verstehen ist.

Influenza tötet mehr

Die Zahlen, die zitiert werden, sind da sicherlich nicht falsch und es mag unverständlich erscheinen, dass wegen der Influenza nichts abgesagt wird, obwohl sie so offensichtlich viel mehr Opfer fordert.

Der Grund aber, warum man bei dem Coronavirus so vorgeht, ist der, dass es noch kein Gegenmittel und keine Impfstoffe gibt. Wie zum Beipiel beim Influenzavirus. Man möchte durch diese starken Einschränkungen Zeit gewinnen, um sich besser auf eine Welle von Infektionen vorzubereiten.

Auch hier wird immer wieder betont, dass die Coronawelle kommen wird, dass sie nicht mehr aufzuhalten ist, dass sich innerhalb der nächsten zwei Jahre ein Großteil der deutschen Bevölkerung wahrscheinlich damit infizieren wird. Und anders als bei der Grippe, ist man darauf noch nicht vorbereitet und möchte das gerne sein.

Was auch in FAQs der RKIs erwähnt wird, ist dass man verhindern möchte, dass die Influenzawelle, die wir gerade in Deutschland erleben, und die Coronawelle aufeinandertreffen. Denn wir haben ja alle gelesen, dass die Menschen, die bislang an Corona gestorben sind, fast alle Vorerkrankungen hatten. Mit anderen Worten, wenn du schon ne Grippe hast, und du steckst dich dann noch mit Corona an, hast du echt die Kacke am dampfen.

Zum Thema Welthunger möchte ich eigentlich nicht viel sagen, außer dass der zum Glück nicht ansteckend ist, zumindest soweit ich informiert bin, und deswegen als Vergleich irgendwie geschmacklos scheint…

So sieht das also aus und ich persönlich finde das eine umsichtige Handlungsweise, auch wenn bei mir gerade reihenweise die Veranstaltungen abgesagt werden und ich keine Ahnung habe, ob ich die Kohle dafür je sehen werde.

Und da sind wir meiner Meinung nach beim nächsten Problem, nämlich dem wirtschaftlichen, welches wahrscheinlich der Hauptgrund dafür ist, weshalb das Thema gerade so hochkocht.

Ich bin nicht die Einzige, die gerade viel Freizeit hat. Erzwungenermaßen. Und als Selbständige ist das ziemlich Kacke, denn kein Job heißt auch kein Geld. Und da man ja nicht genau weiß, wie lange das alles anhält, kann es schon ein wenig beunruhigend sein, so ungewiss.

Deswegen bin ich auch sehr schnell dabei, diese Absagen-Welle als übertrieben zu bewerten und mich zu echauffieren. Völlig verständlich. Doch ganz ehrlich, eigentlich hat das schon alles seinen Sinn.

Auch wenn es ätzend ist.

Stornogebühren?

Bei einem Gespräch mit einem Kollegen / Auftraggeber hörte ich davon, dass im Rheinland viele Techniker an ihre Verbände appellieren, damit diese sich dafür einsetzen, ein Rettungspaket bei der Bundesregierung anzustoßen. Denn mal ganz ehrlich: ist die Ernte schlecht, werden Rettungspakete für Bauern geschnürt, bricht die Wirtschaft zusammen, retten wir die Banken. Im Moment wird eine Großveranstaltung nach der anderen abgesagt, da kann man schon zu Recht ein Rettungspaket für die Eventbranche beschließen. Denn selbst wenn uns selbständigen Einzelunternehmern 100% der Ausfallgebühren bezahlt werden, heißt das leider noch lange nicht, dass unsere Auftraggeber die von ihren Kunden ebenfalls bekommen. Und so etwas kann für eine Firma schonmal schnell das Aus bedeuten.

Was die Ausfallgebühren betrifft, kursieren auch jede Menge besorgte Meinungen in den sozialen Netzwerken, und hier zeigt sich, genau wie bei der letzten Monat hochgekochten Diskussion über die selbständigen Einzelunternehmer, dass wir an solchen Dingen echt arbeiten müssen. Ich mache mich nicht frei davon, diese Aufgaben immer erst anzugehen, wenn das Kind bereits im Brunnen ist, aber genau das macht uns scheinselbständig. Keiner hat wirklich eine Idee, wie das mit den Stornogebühren funktioniert. Kaum einer hat AGBs, oder gar einen Werkvertrag mit dem Auftraggeber und jetzt beginnt das große Kratzen am Kopf.

Diesbezüglich kann ich nur jedem, dem dieses Thema Kopfzerbrechen bereitet, empfehlen Mitglied des ISDV zu werden – wenn ihr es nicht schon seid – denn der bringt am kommenden Freitag ein online Webinar (nur für Mitglieder) zu genau diesem Thema. Gute Sache!

Macht was!

So möchte ich auch jedem empfehlen, sich dem Aufruf an die Verbände anzuschließen und zu erbitten, dass ISDV, VPLT und IHK sich dafür einsetzen, ein Rettungspaket anzustoßen. Schreibt Eurem Verband eine Mail, ruft an, und wenn ihr noch nicht in einem Verband seid, werdet Mitglied!

ISDV: https://www.isdv.net/mitglied_werden.html

VPLT: https://www.vplt.org/mitgliedschaft

Eure zuständige IHK gibt findet ihr hier: https://www.ihk.de/#ihk-finder

Und was ebenfalls sehr hilfreich ist, wenn ihr dem Bundestagsabgeordneten eures Wahlbezirks eine Mail schreibt. Den findet ihr hier: https://www.bundestag.de/abgeordnete

Es ist immer toll, wenn jeder eine Meinung hat und diese ungefragt überall verbreitet; was allerdings noch viel besser ist, wenn man etwas gegen die Dinge tut, die einen aufregen. In diesem Falle empfehle ich, nichts gegen die Absagen zu unternehmen, was sowieso schwer sein sollte, sondern in dem oben genannten Rahmen tätig zu werden.

Jeder wie er möchte

Es ist also ärgerlich und auch besorgniserregend, dass Veranstaltungen ausfallen, weil es unserer Branche echt wehtut und dem ein oder anderen vielleicht sogar das Genick bricht, aber deswegen ist es nicht unbedingt falsch. Und was die Hysterie betrifft, finde ich eine vorsichtige Betrachtung und Hinterfragung angebracht, möglichst ohne zu viele Verschwörungstheorien mit einzubeziehen, und wenn man sich dann informiert hat, kann man sich seine Meinung bilden. Vorher bitte nicht.

Meine Meinung ist, dass diese Empfehlungen sinnvoll sind, aber wie immer, ihr könnt das gerne anders sehen.

Natürlich bin ich noch meilenweit entfernt davon, mir 10kg Nudeln zu kaufen, falls ich in Quarantäne muss oder hier die Seife zu stapeln, was dann wirklich völlig übertriebene Hysterie wäre. Aber hey, wenn die Leute Spaß an sowas haben, sollen sie das ruhig machen, ess ich halt Gemüse.

Congo Blue.

Künstler in Congo Blue

Unwirklich blau

Stell dir ein Violett-Blau vor, dass so dunkel ist, dass man es zwar wahrnimmt, aber nicht wirklich sieht. Ein Hauch oder eher eine Ahnung von Blau.

Warum Congo? Keinen Schimmer. Vielleicht ist der Himmel im Kongo besonders blau oder der Erfinder dieser Farbe kam aus Zentralafrika. Vielleicht ist es aber auch eine Abkürzung für irgendetwas.

Jedenfalls ist Congo Blue eine vielbenutzte Farbe bei uns.

Wir, dass sind Lichtdesigner und Beleuchter.

Congo Blue hat die Lee Farbfilter Nummer 181, das gehört hier zur Allgemeinbildung.

Aber Farbfilter benutzt man heute gar nicht mehr so viel.

Früher hat man die gelartigen Folien in kleine Rahmen gespannt und dann vor die Lampen geklemmt. Und meistens hat man sich dabei übel die Finger verbrannt, denn die war gerne mal tierisch heiß.

Das war bevor es LEDs gab. Da musste man sich vor dem Konzert genau überlegen, wie es später aussehen soll und einer, meistens der Praktikant, hat dann mit dem Cuttermesser die ganzen Farben von der Rolle geschnitten und in die Rahmen gepackt.

Additiv und subtraktiv

Heute mischen die meisten Lampen die Farben selbst. Über ein RGB Farbmischsystem, wenn es ein Scheinwerfer ist, der als Lichtquelle zum Beispiel LED Dioden hat.

In der Lampe sind dann viele kleine Dioden in Rot, Grün und Blau, die je nachdem in welcher Kombination die Dioden angehen, zum Beispiel gelbes Licht abgeben, wenn grün und rot angehen oder lila, wenn rot und blau an sind und so weiter. Das nennt man additiv, weil man die Farben zusammen addiert. Wenn alles an ist, ist das Licht im Idealfall weiß.

In der Reaität nicht unbedingt, da ist es mehr ein Schnodderbeige, aber das ist dann die Sache mit Theorie und Praxis.

Im Gegensatz dazu ist die gute alte Farbfolie subtraktiv.

In Lampen, die nur eine Lichtquelle haben, also nicht LEDs sondern einen einzigen weißen Brenner, gibt es das CMY Farbmischsystem. Das zieht dann von dem weißen Licht mit cyan-, magenta- und gelb-farbenen Scheiben so viel Licht ab, bis die gewünschte Farbe übrig bleibt.

Zum Beispiel rotes Licht, wenn magenta und gelb vor dem weiß sind. Oder lila, wenn magenta und cyan davor sind. Und wenn alle drei komplett davor sind, ist es schwarz beziehungsweise dunkel.

Weißes Licht hat ja alle Farben im Spektrum. Das weiß jeder Pink Floyd Fan spätestens seit dem Cover von „The Dark Side of the Moon“.

So ein Filter, der filtert dann alles aus dem Weiß heraus, was unerwünscht ist. Je dunkler die gewünschte Farbe sein soll, desto mehr filtert der Filter raus.

Weniger ist mehr

Congo Blue zum Beispiel hat eine Lichtausbeute von 0,6%. Null Komma Sechs.

Das heißt im Klartext, dass 99,4% des weißen Lichts von dem Filter herausgefiltert werden.

Das ist fast alles!

Wenn man jetzt noch bedenkt, dass ein so genannter Temperaturstrahler, also dass, was man gemeinhin als Glühbirne bezeichnet, eine Lichtausbeute von 5 – 15% hat – der Rest wird in Wärme umgewandelt – daher der Name und die verbrannten Finger – wenn man das also bedenkt, dann kann man sich ausrechnen, wie viel von der gezogenen Energie am Ende als Congo Blue aus der Lampe rauskommt.

Unter 0,1 %

Das ist sehr sehr wenig.

Trotzdem. Congo Blue ist die Waffe unter den Farben. Die Farbe liegt ganz am Rand des Farbspektrums, das vom Menschen tatsächlich gesehen werden kann. Etwa 440 nm, falls du‘s genau wissen möchtest.

Der Mensch sieht etwa 380 – 780nm. Für die Floyd Fans: 380 ist das Violet ganz unten im Strahl, darunter kommt Ultraviolett, 780nm ist rot und oben, darüber kommt Infrarot. Das können wir nicht sehen aber spüren, nämlich als Wärme.

Man kann also sagen, dass Congo Blue quasi schon halb in der ultravioletten Anderwelt ist. Es ist das Licht mit der kürzesten Wellenlänge, die wir überhaupt noch sehen können und durch die kurzen Wellen scheint es zusätzlich noch weiter weg zu sein, als es tatsächlich ist, also irgendwie entrückt.

Das menschliche Auge kann Dinge in Congo Blue nicht mehr scharf sehen. Dadurch wirkt alles ein wenig unwirklich und schemenhaft oder eben schon halb in der Anderwelt.

Deswegen ist es so genial. Idealerweise in Kombination mit ein wenig Nebel oder Dunst. Achte mal drauf, wenn du das nächste Mal auf ein Konzert gehst.

Nur mit dem Auge

Congo Blue. Können Kameras zum Beispiel nicht sehen. Deswegen hilft es nichts, wenn du dir ein Handyvideo des letzten Konzertes ansiehst. Geh auf ein Konzert, lass das Handy in der Tasche und guck dir die Farben an.

Ich garantiere dir, Congo Blue wird dabei sein.

Kameras haben so zusagen ein kleineres Farbspektrum als der Mensch. Sie sehen Congo Blue nicht, es sieht immer einfach nur Blau aus. So ein 071 Tokyo Blue. Warum Tokyo? Ich kann‘s dir nicht sagen…

Es wird dir bestimmt auffallen, wenn du das nächste Mal ein Konzertvideo siehst. Viel Blau. Man könnte denken, der Lichtdesigner wäre ziemlich einfallslos gewesen, so viel blau ist da. Tokyo Blue.

Aber in der Regel ist er das nicht zwingend. Denn wahrscheinlich ist mindestens ein Drittel des Tokyo Blues in Wirklichkeit Congo Blue gewesen, nur, du kannst es nicht sehen, denn du warst nicht mit deinen Augen da.

Congo Blue. Wirkt ein bisschen wie Schwarzlicht.

Gegenstände in weiß oder grellen Farben fangen an zu leuchten. Der sowieso schon sphärische Effekt des Congo Blues wird nun noch durch das unwirkliche Leuchten und eine teilweise Entfremdung der optischen Wahrnehmung verstärkt, was zum Beispiel in der psychedelischen Musik durchaus erwünscht ist, weil es den Effekt des Unwirklichen hat.

Warum denn nun Congo?

Was mich immer wieder zurück zu der Frage der Namensgebung bringt.

Was ist denn nun so unglaublich unwirklich am Kongo? Oder so unglaublich blau?

Meine Recherchen haben ergeben, dass es eine aus Südamerika stammende violett-farbene Kartoffel mit dem selben Namen gibt, einen britischen Kriegsroman und ein französisches Blues-Raggae-Soul Trio.

Das liefert aber alles keine befriedigende Erklärung, vielmehr ist sogar anzunehmen, dass zumindest die Band sich nach der Farbe benannt hat und nicht umgekehrt.

Die Flagge der Demokratischen Republik Kongo ist größtenteils blau, aber eher so ein helles 722 Bray Blue. Bray ist ein irischer Badeort. Warum Bray und nicht Kongo? Ich weiß es nicht.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass der Name Congo Blue, der Name dieser unwirklichen, jenseitigen Zauberfarbe wohl eher etwas mit psychedelischem Rauchwerk aus Zentralafrika zu tun hat, welches der Farbfolienerfinder wohl gerade zur Hand gehabt haben muss.

Pelz-Shitstorm am Sonntagmorgen

Ladies mit Füchsen anstelle von Fuchpelzen. So trägt man Pelz.

Kaum wach – schon Shitstorm

Seit Monaten erinnert Facebook mich daran, dass die Leute, die „Thinking Out Loud“ folgen, gar nichts von mir hören. Das ist echter Druck, Leute, da sollte Facebook sich mal Gedanken machen, was das mit psychisch instabilen Menschen anrichtet.

Wie dem auch sei, ich habe trotzdem nicht geschrieben. Weil mich einfach nichts aufgeregt hat. Ich warte noch auf die Jahresendmail eines meiner Hauptauftraggeber, denn spätestens dann hab ich wieder jede Menge Material, aber bislang kam da noch nichts.

Wie Ihr euch denken könnt, hat sich dieser Zustand eben geändert, sonst säße ich jetzt nicht hier (Es ist 7.58 an einem Sonntagmorgen und ich bin gerade extra aufgestanden, um mich an mein Laptop zu setzen).

Und zwar las ich, noch im Bett liegend, durch senile Bettflucht in einem grausamen Wachzustand gefangen einen Post auf Facebook (dieses Facebook mal wieder…). Dort suchte in der Gruppe „Alternatives Wohnen – Wohnung/Haus Börse“  eine Familie eine Bleibe. Foto war auch dabei. Die Dame trägt darauf einen schwarzen Pelzmantel und der Herr mit dem Baby eine Fellweste.

Meine Reaktion war: hellwach sein, meine gesamt Anti-Pelzträger-Wut sammeln (und das ist eine ganze Menge) und einen bissigen Kommentar darunter schreiben.

Nachdem die erste Pelz-Wut verraucht war, stellte ich allerdings fest, dass das vor mir schon 413 andere Leute getan hatten und da die Message inzwischen wahrscheinlich angekommen war, löschte ich den Kommentar wieder. Man muss es ja nicht übertreiben.

Was ich allerdings nicht lassen konnte, ist den ganzen Shitstorm unter diesem Post zu lesen.

Und – Ihr denkt es Euch bereits – das Pelz-Thema bringt mich so sehr auf die Palme, da können sämtliche Jahresendmails von irgendwelchen Idioten einpacken.

Echtpelz als lustige Kuschel-Bommel oder Flausch-Kaputzenrand

Mir ist absolut bewußt, dass das polarisiert und ich im Zweifel selbst einen Shitstorm auslöse, aber ich versuche es mal sachlich.

Pelz ist total unnötig. Kein Mensch braucht Pelzmäntel. Wo unsere Vorfahren sich noch gegen eisige Kälte schützen mussten, haben wir Heizungen, Funktionskleidung und den Klimawandel. Was erschwerend hinzu kommt ist, dass Echtpelz momentan gar nicht benutzt wird, um vor Kälte zu schützen, sondern als lustige Kuschel-Bommel an Strickmützen oder als Flausch-Kaputzenrand an Canada-Goose-Jacken.

Je billiger der Pelz, desto dramatischer ist die ganze Geschichte.

Da man mit dem Töten des Tieres das Produkt Pelz nicht beschädigen möchte, werden die Tiere lebendig gehäutet. Und danach weggeworfen, wo sie dann langsam ersticken. (weil sie ja keine Haut mehr haben)

Wenn ihr das nicht glaubt, guckt euch ruhig mal das hier an. Ich hab von diesem Film Alpträume.

Und wenn ihr meint, dass wäre ja nur in China, dann überlegt mal, wo der Pelz herkommt, der an den Billigjacken ist, die ihr kauft.

Kunstpelz ist wie Soya-Wurst

Jetzt kommt der erste Einwand: Was, wenn es ein Second-Hand-Pelz ist. Soll man den dann wegwerfen? Und was, wenn es Kunstpelz ist? Kann man doch machen, oder?

Nein! Kann man nicht! Grundsätzlich bin ich voll dafür, dass alles verwertet wird, auch alter Pelz. Ich kaufe selbst fast all meine Kleidung gebraucht. Aber Pelz, ein klares Nein. Inkonsequent? Nö.

Das liegt einfach daran, dass man mit Kleidung ein Statement setzt. Wenn ich mit einem gebrauchten Nerz durch die Stadt laufe, steht da nicht dran, dass der gebraucht ist. Je mehr Pelz im Stadtbild unterwegs ist, desto salonfähiger wird das Ganze und desto mehr Idioten und Mitläufer rennen zu Canada Goose, um sich eine Jacke mit Koyotenkragen zu kaufen.

Die Koyoten, die ihr Leben für Canada Goose lassen, werden übrigens nicht lebendig gehäutet. Das liegt allerdings daran, dass sie elendig in Schlagfallen verrecken, oft mit zertrümmerten Pfoten und unter extremer Angst, weil sie nicht weglaufen können. Sie verdursten, verbluten oder werden von Fressfeinden getötet, während sie nicht fliehen können.

Jetzt habt ihr so ein Ding gekauft – unwissend vielleicht. Was nun?

Ich finde das eine enorm schwere Frage und kann nur an alle appellieren, erst gar keinen Pelz zu kaufen, um nicht vor diesem Dilemma stehen zu müssen.

Vielleicht bekommt man den Pelzbesatz ja irgendwie ab oder man kann die Kapuze abknöpfen und die Jacke ohne Pelz weitertragen.

Ich habe mal einen Pelzmantel geschenkt bekommen, den wiederum eine Freundin geschenkt bekam, der dann bewusst wurde, was für ein Murks das ist und die ihn dann bei mir entsorgt hat. Fuchs. Ich habe in zerlegt und Hundespielzeug daraus genäht, aber so richtig geil war das auch nicht. Außer für die Hunde.

Das Selbe gilt meiner Meinung nach für Kunstpelz. Ich finde Kunstpelz ist so etwas wie Soya-Wurst, braucht kein Mensch, lass ihn einfach ganz weg. Zudem gilt das mit dem Statement hier genauso, denn nicht jeder erkennt sofort den Unterschied zwischen echtem und falschem Pelz im Strassenbild. Und auch hier gibt es dann Nachahmer, die zu echtem Pelz greifen.

Wer wirft den ersten Stein?

Der nächste gern genommene Einwand: Dann darf man auch kein Leder kaufen, muss aufhören, Fleisch zu essen und Milch zu trinken.

Ja! Muss man.

Dass ich das nicht tue, heißt nicht, dass es nicht richtig wäre.

Hier wird ja gerne die Bibel zitiert – übrigens meistens von Menschen, die sonst gar nichts mit Religion zu tun haben – „Wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein!“

Ja! Richtig. Keiner soll jemand anderen verurteilen, mit Hass Kommentaren übersäen, beschimpfen oder gar steinigen. Aber wenn etwas so offensichtlich falsch ist, dann darf man das auch sagen.

Auch wenn man selbst Fleisch isst, einen SUV fährt, Müllermilch trinkt oder sonst irgendwelche schlechten Angewohnheiten hat. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Ich gehe ja auch nicht vorbei, wenn ein Typ eine Frau belästigt weil ich denke, was soll ich den Typen jetzt anmachen, ich bin ja selbst gestern noch Flugzeug geflogen.

Leben und leben lassen, aber trotzdem Maul aufmachen.

Was natürlich nicht heißt, dass es nicht trotzdem besser wäre, kein Leder zu kaufen.

Leder ist genauso unnötig wie Pelz. Allerdings finde ich die Sache mit dem Statement an dieser Stelle nicht so gravierend und würde deswegen immer recyceln. Aber Ihr dürft da gerne anderer Meinung sein. Übrigens: billiges Leder ist oft Hundeleder aus China. Glaubt ihr nicht? Ist aber so.

Nächstes Argument: Pelz ist ein Abfallprodukt der Fleischindustrie. Das ist so lächerlich, dass ich mich fast nicht dazu herablassen möchte, darauf einzugehen.

Wer von euch schonmal Nerz, Koyote, Waschbär oder Hund gegessen hat, ja, dessen Mahlzeit hat wahrscheinlich als Nebenprodukt einen Pelz abgeworfen.

In der Regel sehe ich aber keine Schweinefelle, Rinder-Pelzmäntel oder Hühnerkrägen in der Stadt.

Bei Leder mag das an manchen Stellen anders sein, Rinderleder ist da ein Beispiel, aber auch hier muss man unbedingt auf die Herkunft achten, sonst hat man wieder den grausamen China-Mist.

Verhältnismäßig vegan

Ich bin nicht wirklich in der Position, über andere Menschen zu urteilen, da ich es selbst nach mehrfachem Versuch nicht schaffe, Tierprodukte in meiner Ernährung wegzulassen. Aber ich bin der Meinung, dass es Bereiche gibt, wo man ohne großen Aufwand vegan sein kann. Und das ist in der Kleidung.

Das ist auch in der Kosmetik. Keine Seife braucht Schafsmilch, Olivenöl tut es auch. Daunendecken sind auch nicht lebensnotwendig, ich schlafe sehr gut unter meiner veganen Decke. Es ist alles eine Frage der Verhältnismäßigkeit.

Bei Pelz ist dieses Verhältnis nicht gegeben.

Dass andere Menschen und Institutionen dies ähnlich sehen, kann man gut daran erkennen, dass in Deutschland Pelzfarmen verboten sind, Echtpelz kennzeichnungspflichtig ist und sogar das KaDeWe seit 2008 pelzfrei ist. Auch die Abteilung von Canada Goose, selbst wenn die Daunenfüllung der pelzfreien Jacken ebenfalls unter fragwürdigen Bedingungen „hergestellt“ wird.

Ich versuche mir die zunehmende Pelzflut damit zu erklären, dass viele Bommelträger und Kragenträgerinnen einfach nicht wissen, dass sie echten Pelz tragen oder nicht wissen, unter welchen Bedingungen die Tiere „verarbeitet“ werden. Ich hoffe es, denn eigentlich glaube ich an die Menschheit.

Wenn jemand sich nun öffentlich mit einem Pelz zeigt, wie zum Beipiel Celine Dion, oder Ilse Aigner, oder ein Pärchen in einer Gruppe zum alternativen Wohnen, dann darf man diese Menschen schon darauf hinweisen, was sie tun, um dieser Unwissenheit zu begegnen. Allerdings höflich und sachlich.

Was ich hoffentlich geschafft habe.

Schönen Sonntag noch!

Speaking my truth

Heute mal in einem etwas anderen Format, möchte ich eins meiner Lieblingsgedichte mit Euch teilen.

Häufig frage ich mich, warum ich eigentlich schreibe und was oder worüber ich schreibe.

Wenn ich zum Beispiel auf einen Artikel sehr viel Resonanz bekomme, bin ich schnell verleitet, danach über ein ähnliches Thema zu schreiben, auch wenn es mich eigentlich nicht beschäftigt.

Oder wenn ich etwas schreibe und der Artikel scheinbar versumpft und ich in mir eine Stimme höre, die sagt, das interessiert niemanden, schreib über etwas anderes.

Aber glücklicherweise komme ich immer wieder zu dem selben Schluss, nämlich dem, dass ich schreibe, nicht, damit Ihr es lest (auch, wenn ich mich natürlich freue, dass Ihr es tut) und auch nicht, damit Ihr meiner Meinung seid.

Sondern ich schreibe, weil ich etwas sagen möchte. Dinge, die vielleicht schon tausendmal gesagt wurden (aber nicht von mir und nicht genau so), Dinge, die vielleicht niemanden interessieren (aber sie interessieren mich) und Dinge, die eventuell die meisten Menschen anders sehen. Aber das ist nicht so wichtig. Es geht um Authentizität, und ich gebe mein bestes, mir treu zu bleiben (und zwar nur mir).

Und wer könnte das besser in Worte fassen als Audre Lorde?

I was going to die, sooner or later, whether I had even spoken myself.

My silences had not protected me.

Your silences will not protect you….

What are the words that you don’t yet have?

What are the tyrannies you swallow day by day and attempt to make your own, until you will sicken and die of them, still in silence?

We have been socialized to respect fear more than our own need for language.“

Next time, ask: What’s the worst that will happen?

Then push yourself a little further than you dare.

Once you start to speak, people will yell at you, interrupt you, put you down and suggest it’s personal.

And the world won’t end.

And the speaking will get easier and easier.

And you will find you have fallen in love with your own vision, which you may never have realized you had.

And you will lose some friends and lovers, and realize you don’t miss them.

And new ones will find you and cherish you.

And you will still flirt and paint your nails, dress up and party, because, as I think Emma Goldman said,

„If I can’t dance, I don’t want to be part of your revolution.“

And at last you’ll know with surpassing certainty that only one thing is more frightening than speaking your truth.

And that is not speaking.”