Pelz-Shitstorm am Sonntagmorgen

Ladies mit Füchsen anstelle von Fuchpelzen. So trägt man Pelz.

Kaum wach – schon Shitstorm

Für einen Sonntagmorgen hab ich schon jede Menge Hass-Kommentare intus. Wer sowas braucht, lese Beiträge zum Thema Pelz..

Seit Monaten erinnert Facebook mich daran, dass die Leute, die „Thinking Out Loud“ folgen, gar nichts von mir hören. Das ist echter Druck, Leute, da sollte Facebook sich mal Gedanken machen, was das mit psychisch instabilen Menschen anrichtet.

Wie dem auch sei, ich habe trotzdem nicht geschrieben. Weil mich einfach nichts aufgeregt hat. Ich warte noch auf die Jahresendmail eines meiner Hauptauftraggeber, denn spätestens dann hab ich wieder jede Menge Material, aber bislang kam da noch nichts.

Wie Ihr euch denken könnt, hat sich dieser Zustand eben geändert, sonst säße ich jetzt nicht hier (Es ist 7.58 an einem Sonntagmorgen und ich bin gerade extra aufgestanden, um mich an mein Laptop zu setzen).

Und zwar las ich, noch im Bett liegend, durch senile Bettflucht in einem grausamen Wachzustand gefangen einen Post auf Facebook (dieses Facebook mal wieder…). Dort suchte in der Gruppe „Alternatives Wohnen – Wohnung/Haus Börse“  eine Familie eine Bleibe. Foto war auch dabei. Die Dame trägt darauf einen schwarzen Pelzmantel und der Herr mit dem Baby eine Fellweste.

Meine Reaktion war: hellwach sein, meine gesamt Anti-Pelzträger-Wut sammeln (und das ist eine ganze Menge) und einen bissigen Kommentar darunter schreiben.

Nachdem die erste Pelz-Wut verraucht war, stellte ich allerdings fest, dass das vor mir schn 413 andere Leute getan hatten und da die Message inzwischen wahrscheinlich angekommen war, löschte ich den Kommentar wieder. Man muss es ja nicht übertreiben.

Was ich allerdings nicht lassen konnte, ist den ganzen Shitstorm unter diesem Post zu lesen.

Und – Ihr denkt es Euch bereits – das Pelz-Thema bringt mich so sehr auf die Palme, da können sämtliche Jahresendmails von irgendwelchen Idioten einpacken.

Echtpelz als lustige Kuschel-Bommel oder Flausch-Kaputzenrand

Mir ist absolut bewußt, dass das polarisiert und ich im Zweifel selbst einen Shitstorm auslöse, aber ich versuche es mal sachlich.

Pelz ist total unnötig. Kein Mensch braucht Pelzmäntel. Wo unsere Vorfahren sich noch gegen eisige Kälte schützen mussten, haben wir Heizungen, Funktionskleidung und den Klimawandel. Was erschwerend hinzu kommt ist, dass Echtpelz momentan gar nicht benutzt wird, um vor Kälte zu schützen, sondern als lustige Kuschel-Bommel an Strickmützen oder als Flausch-Kaputzenrand an Canada-Goose-Jacken.

Je billiger der Pelz, desto dramatischer ist die ganze Geschichte.

Da man mit dem Töten des Tieres das Produkt Pelz nicht beschädigen möchte, werden die Tiere lebendig gehäutet. Und danach weggeworfen, wo sie dann langsam ersticken. (weil sie ja keine Haut mehr haben)

Wenn ihr das nicht glaubt, guckt euch ruhig mal das hier an. Ich hab von diesem Film Alpträume.

Und wenn ihr meint, dass wäre ja nur in China, dann überlegt mal, wo der Pelz herkommt, der an den Billigjacken ist, die ihr kauft.

Kunstpelz ist wie Soya-Wurst

Jetzt kommt der erste Einwand: Was, wenn es ein Second-Hand-Pelz ist. Soll man den dann wegwerfen? Und was, wenn es Kunstpelz ist? Kann man doch machen, oder?

Nein! Kann man nicht! Grundsätzlich bin ich voll dafür, dass alles verwertet wird, auch alter Pelz. Ich kaufe selbst fast all meine Kleidung gebraucht. Aber Pelz, ein klares Nein. Inkonsequent? Nö.

Das liegt einfach daran, dass man mit Kleidung ein Statement setzt. Wenn ich mit einem gebrauchten Nerz durch die Stadt laufe, steht da nicht dran, dass der gebraucht ist. Je mehr Pelz im Stadtbild unterwegs ist, desto salonfähiger wird das Ganze und desto mehr Idioten und Mitläufer rennen zu Canada Goose, um sich eine Jacke mit Koyotenkragen zu kaufen.

Die Koyoten, die ihr Leben für Canada Goose lassen, werden übrigens nicht lebendig gehäutet. Das liegt allerdings daran, dass sie elendig in Schlagfallen verrecken, oft mit zertrümmerten Pfoten und unter extremer Angst, weil sie nicht weglaufen können. Sie verdursten, verbluten oder werden von Fressfeinden getötet, während sie nicht fliehen können.

Jetzt habt ihr so ein Ding gekauft – unwissend vielleicht. Was nun?

Ich finde das eine enorm schwere Frage und kann nur an alle appellieren, erst gar keinen Pelz zu kaufen, um nicht vor diesem Dilemma stehen zu müssen.

Vielleicht bekommt man den Pelzbesatz ja irgendwie ab oder man kann die Kapuze abknöpfen und die Jacke ohne Pelz weitertragen.

Ich habe mal einen Pelzmantel geschenkt bekommen, den wiederum eine Freundin geschenkt bekam, der dann bewusst wurde, was für ein Murks das ist und die ihn dann bei mir entsorgt hat. Fuchs. Ich habe in zerlegt und Hundespielzeug daraus genäht, aber so richtig geil war das auch nicht. Außer für die Hunde.

Das Selbe gilt meiner Meinung nach für Kunstpelz. Ich finde Kunstpelz ist so etwas wie Soya-Wurst, braucht kein Mensch, lass ihn einfach ganz weg. Zudem gilt das mit dem Statement hier genauso, denn nicht jeder erkennt sofort den Unterschied zwischen echtem und falschem Pelz im Strassenbild. Und auch hier gibt es dann Nachahmer, die zu echtem Pelz greifen.

Wer wirft den ersten Stein?

Der nächste gern genommene Einwand: Dann darf man auch kein Leder kaufen, muss aufhören, Fleisch zu essen und Milch zu trinken.

Ja! Muss man.

Dass ich das nicht tue, heißt nicht, dass es nicht richtig wäre.

Hier wird ja gerne die Bibel zitiert – übrigens meistens von Menschen, die sonst gar nichts mit Religion zu tun haben – „Wer frei von Schuld ist, werfe den ersten Stein!“

Ja! Richtig. Keiner soll jemand anderen verurteilen, mit Hass Kommentaren übersäen, beschimpfen oder gar steinigen. Aber wenn etwas so offensichtlich falsch ist, dann darf man das auch sagen.

Auch wenn man selbst Fleisch isst, einen SUV fährt, Müllermilch trinkt oder sonst irgendwelche schlechten Angewohnheiten hat. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.

Ich gehe ja auch nicht vorbei, wenn ein Typ eine Frau belästigt weil ich denke, was soll ich den Typen jetzt anmachen, ich bin ja selbst gestern noch Flugzeug geflogen.

Leben und leben lassen, aber trotzdem Maul aufmachen.

Was natürlich nicht heißt, dass es nicht trotzdem besser wäre, kein Leder zu kaufen.

Leder ist genauso unnötig wie Pelz. Allerdings finde ich die Sache mit dem Statement an dieser Stelle nicht so gravierend und würde deswegen immer recyceln. Aber Ihr dürft da gerne anderer Meinung sein. Übrigens: billiges Leder ist oft Hundeleder aus China. Glaubt ihr nicht? Ist aber so.

Nächstes Argument: Pelz ist ein Abfallprodukt der Fleischindustrie. Das ist so lächerlich, dass ich mich fast nicht dazu herablassen möchte, darauf einzugehen.

Wer von euch schonmal Nerz, Koyote, Waschbär oder Hund gegessen hat, ja, dessen Mahlzeit hat wahrscheinlich als Nebenprodukt einen Pelz abgeworfen.

In der Regel sehe ich aber keine Schweinefelle, Rinder-Pelzmäntel oder Hühnerkrägen in der Stadt.

Bei Leder mag das an manchen Stellen anders sein, Rinderleder ist da ein Beispiel, aber auch hier muss man unbedingt auf die Herkunft achten, sonst hat man wieder den grausamen China-Mist.

Verhältnismäßig vegan

Ich bin nicht wirklich in der Position, über andere Menschen zu urteilen, da ich es selbst nach mehrfachem Versuch nicht schaffe, Tierprodukte in meiner Ernährung wegzulassen. Aber ich bin der Meinung, dass es Bereiche gibt, wo man ohne großen Aufwand vegan sein kann. Und das ist in der Kleidung.

Das ist auch in der Kosmetik. Keine Seife braucht Schafsmilch, Olivenöl tut es auch. Daunendecken sind auch nicht lebensnotwendig, ich schlafe sehr gut unter meiner veganen Decke. Es ist alles eine Frage der Verhältnismäßigkeit.

Bei Pelz ist dieses Verhältnis nicht gegeben.

Dass andere Menschen und Institutionen dies ähnlich sehen, kann man gut daran erkennen, dass in Deutschland Pelzfarmen verboten sind, Echtpelz kennzeichnungspflichtig ist und sogar das KaDeWe  seit 2008 pelzfrei ist. Auch die Abteilung von Canada Goose, selbst wenn die Daunenfüllung der pelzfreien Jacken ebenfalls unter fragwürdigen Bedingungen „hergestellt“ wird.

Ich versuche mir die zunehmende Pelzflut damit zu erklären, dass viele Bommelträger und Kragenträgerinnen einfach nicht wissen, dass sie echten Pelz tragen oder nicht wissen, unter welchen Bedingungen die Tiere „verarbeitet“ werden. Ich hoffe es, denn eigentlich glaube ich an die Menschheit.

Wenn jemand sich nun öffentlich mit einem Pelz zeigt, wie zum Beipiel Celine Dion, oder Ilse Aigner, oder ein Pärchen in einer Gruppe zum alternativen Wohnen, dann darf man diese Menschen schon darauf hinweisen, was sie tun, um dieser Unwissenheit zu begegnen. Allerdings höflich und sachlich.

Was ich hoffentlich geschafft habe.

Schönen Sonntag noch!

Speaking my truth

Heute mal in einem etwas anderen Format, möchte ich eins meiner Lieblingsgedichte mit Euch teilen.

Häufig frage ich mich, warum ich eigentlich schreibe und was oder worüber ich schreibe.

Wenn ich zum Beispiel auf einen Artikel sehr viel Resonanz bekomme, bin ich schnell verleitet, danach über ein ähnliches Thema zu schreiben, auch wenn es mich eigentlich nicht beschäftigt.

Oder wenn ich etwas schreibe und der Artikel scheinbar versumpft und ich in mir eine Stimme höre, die sagt, das interessiert niemanden, schreib über etwas anderes.

Aber glücklicherweise komme ich immer wieder zu dem selben Schluss, nämlich dem, dass ich schreibe, nicht, damit Ihr es lest (auch, wenn ich mich natürlich freue, dass Ihr es tut) und auch nicht, damit Ihr meiner Meinung seid.

Sondern ich schreibe, weil ich etwas sagen möchte. Dinge, die vielleicht schon tausendmal gesagt wurden (aber nicht von mir und nicht genau so), Dinge, die vielleicht niemanden interessieren (aber sie interessieren mich) und Dinge, die eventuell die meisten Menschen anders sehen. Aber das ist nicht so wichtig. Es geht um Authentizität, und ich gebe mein bestes, mir treu zu bleiben (und zwar nur mir).

Und wer könnte das besser in Worte fassen als Audre Lorde?

I was going to die, sooner or later, whether I had even spoken myself.

My silences had not protected me.

Your silences will not protect you….

What are the words that you don’t yet have?

What are the tyrannies you swallow day by day and attempt to make your own, until you will sicken and die of them, still in silence?

We have been socialized to respect fear more than our own need for language.“

Next time, ask: What’s the worst that will happen?

Then push yourself a little further than you dare.

Once you start to speak, people will yell at you, interrupt you, put you down and suggest it’s personal.

And the world won’t end.

And the speaking will get easier and easier.

And you will find you have fallen in love with your own vision, which you may never have realized you had.

And you will lose some friends and lovers, and realize you don’t miss them.

And new ones will find you and cherish you.

And you will still flirt and paint your nails, dress up and party, because, as I think Emma Goldman said,

„If I can’t dance, I don’t want to be part of your revolution.“

And at last you’ll know with surpassing certainty that only one thing is more frightening than speaking your truth.

And that is not speaking.”

Weiblich und rosa?

Das Problem sind die Labels

Neulich fragte jemand, wann ich denn eigentlich angefangen hätte, alles scheiße zu finden, was mit Weiblichkeit zu tun hat. Da war ich ein wenig verdutzt. Wirke ich wirklich so?

Ich verstehe schon, wie man auf eine solche Idee kommt. Aber trotzdem – oder vielleicht gerade weil ich weiß, dass es nicht so ist – frage ich mich, wie man denn übersehen kann, dass das, was wir mit Weiblichkeit und Co. verbinden nur Labels sind.

Da keins dieser Labels auf mich zutrifft, könnte man meinen, ich hätte ein Problem mit Weiblichkeit. Dabei habe ich lediglich ein Problem mit den Labels. Ich dachte eigentlich, das wäre offensichtlich…

Das Königslabel ist hierbei sicher meine strikte Weigerung zur Reproduktion.

Dafür gibt es sehr viele Gründe, wovon der wichtigste sein mag, dass ich einfach keinen Bock auf Kinder habe.

Ich könnte hier ein jetzt ein Fass aufmachen, mache ich aber nicht.
Dennoch genießt jede Frau, die sich heutzutage entscheidet, kein Kind in die Welt zu setzen, mein vollstes Verständnis.

Da gibt es zum einen die beruflichen Nachteile. Und jeder, der jetzt sagt, das wäre heute kein Thema mehr, kann sofort wieder die Fresse halten und mal hier, hier und hier nachlesen. Das Thema ist leider in unserem herrlichen Land wieder hoch aktuell.

So ist zum Beispiel bekannt, dass Frauen, die Kinder großziehen, bis zu 750.000€ weniger in die Rentenkassen einzahlen als Männer und dass dadurch die Altersarmut bei Frauen erheblich höher ist.
Auch die Aufstiegschancen von Menschen, die in Mutterschutz und danach in Teilzeit sind, sind einfach nicht so gut wie die derjenigen, die ständig komplett zur Verfügung stehen.

Dazu kommt bei mir persönlich noch die Angst, vom Co-Erzeuger des potenziellen Nachwuchses sitzengelassen zu werden und dann allein erziehende Mutter zu sein, was so ziemlich der schlimmste Albtraum ist, den ich mir vorstellen kann. Mein Respekt gilt allen allein erziehenden Müttern (und natürlich auch den Vätern).

Kinderlos und glücklich?

Jetzt muss ich natürlich ehrlich sein und sagen, dass mich im Falle eines Kinderwunsches all diese Dinge sicher nicht vom Kinderkriegen abgehalten hätten.

Aber ich hab ihn halt nicht. Und ich bin damit gar nicht so allein, wie man denken könnte.
In diesem schönen Podcast zum Beispiel geht es um genau das Thema, genau wie in diesem Beitrag über ein Buch für Frauen, bei denen die biologische Uhr eben nicht tickt.

Aber aus irgendeinem Grund gilt es in weiten Kreisen als vollkommen unweiblich, wenn frau einfach keine Kinder möchte. Wenn ich an dieser Stelle meine Oma zitieren darf, ist es angeblich sogar unnatürlich.

Dabei ist es überhaupt nicht ungewöhnlich. Wir reden nur nicht drüber (dafür gibt es auch viele Gründe, von denen einer die Nazipropaganda der guten Mutter ist, die leider auch in unserer Generation noch am Start ist…) und denken deswegen, alle Frauen hätten automatisch einen Kinderwunsch. Wenn ein Mann keine Kinder will, ist das ja auch nicht unnatürlich. Fast könne man meinen, Frauen erlangten ihre Existenzberechtigung allein durch den Erhalt des Familienstammbaums. Am Arsch…

Es gibt eine extrem interessante Gesellschaftsstudie der israelischen Forscherin Orna Donath, in der Mütter anonym darüber berichten, dass sie es bereuen, Mutter geworden zu sein. Das hat unter dem Hashtag #regrettingmotherhood zu einer hitzigen Debatte im Netz geführt.

Warum?

Dieses Label, dass Mutter-sein die Erfüllung ist, die wir Frauen anzustreben haben, macht es uns nur noch schwerer, den eigenen eventuell nicht vorhandenen Kinderwunsch zu akzeptieren. Frau hält sich vielleicht für unnormal oder glaubt den Quatsch, dass man Kinder, hält man sie erst in den Armen, auf jeden Fall richtig geil finden wird. Da werden Kinder gezeugt, weil frau sich anpasst und dann kommt das große Unglücklichsein. Und man kann mal wieder mit niemandem drüber reden. Weil: Ist ja unnatürlich. Also tabu!

Seit ich denken kann, rechtfertige ich mich dafür, kinderlos sein zu wollen. Ständig erzählte man mir (ungefragt natürlich), dass sich das ändern wird, wenn ich erstmal älter werde und/ oder den „Richtigen“ finde.

Warum man mich für so unmündig hält, solch gravierende Lebensentscheidungen nicht selbst treffen zu können, ist mir allerdings nach wie vor ein Rätsel…

Weltrevolution oder Hausfrau?

Mutter sein ist aber nicht das einzige Label, das mir nicht anhaftet.

Ich habe ja auch „diesen Männerjob“.

Darüber wurde auf diesem Blog bereits großumfänglich berichtet. (Hier und hier)

Weder verspürte ich jemals den Wunsch danach, Hausfrau zu werden oder Kindergärtnerin, auch wollte ich noch nie eine Boutique eröffnen oder ein Nagelstudio.

Und natürlich, auch wenn ich mich bewusst politisch unkorrekt ausdrücke, möchte ich mit keinem Wort sagen, dass ich Veranstaltungstechnik für einen Männerjob halte oder Hausfrau und Boutique Besitzer für einen Frauenjob. Ich bediene mich lediglich jener Klischees, in die man versucht, mich zu zwingen.

Mein erster Berufswunsch war (bescheiden, wie ich bin) Anführerin der Weltrevolution im Sinne von Che Guevara. Neben Rockstar und dem Üblichen Kram kam dann später etwas konkreter Diplomatin und dann Veranstaltungstechnikerin. Ich weiß auch nicht, was da passiert ist…

Als ich in der Ausbildung zur Veranstaltungstechnikerin war, haben viele Menschen in meinem Umfeld geglaubt, ich hätte so eine Phase (wie mit der Weltrevolution).

Allerdings muss man meinem Umfeld zu Gute halten, dass man meine „Phasen“ immer sehr geduldig ertragen und auch relativ schnell akzeptiert hat, dass meine Berufswahl keine solche war.

An dieser Stelle danke schön!

Müssen Frauen bügeln?

Ich erinnere mich an eine Deutschstunde in der 8. Klasse, in der unser Deutschlehrer uns Mädels erzählte, dass wir die Nibelungensage lernen sollen, um später beim Bügeln und Radio hören zu wissen, worum es geht.

Damals bin ich dermaßen ausgeflippt, der Typ hat gar nicht gewusst, wie ihm geschieht.
Ich sah mich vor meinem geistigen Auge eher auf irgendeinem offiziellen Anlass als Diplomatin der Vereinten Nationen mit dem kongolesischen Botschafter über die Nibelungensage als Beispiel deutscher Kultur diskutieren als am Bügelbrett.

Und bis heute weigere ich mich strikt, irgendetwas zu bügeln. Allerdings weiß ich nicht, ob das mit dem Deutschlehrer zu tun hat oder eher auf meine generelle Faulheit zurückzuführen ist…

Ziemlich früh war ich schon nicht bereit, mir solche Labels aufdrücken zu lassen.

Von klein auf auf rosa gepolt

Ein ähnliches Drama ereignete sich zu meiner Konfirmation, zu der ich – 14 und schwerst pubertär – ein Kleid (!!!) tragen sollte.

Das stand völlig außer Frage. Völlig!

Es gab diesbezüglich eine familiäre Krisensitzung, weil das Kind komplett uneinsichtig war.

Schließlich bat ich um ein Gespräch mit der Pastorin, der ich erklärte, dass sie doch diejenige gewesen war, die uns erklärt hat, jeder Mensch sei vor Gott gleich und es deshalb unerheblich wäre, was ich trage. Sie (übrigens als Einzige) bestärkte mich in meinem Vorhaben, das Kleid zu verweigern.

Letztlich durfte ich eine Hose tragen.

Allerdings wurde die Tatsache, dass ich mit 14 schon wusste, was ich wollte und dafür eingestanden bin – durch alle Instanzen – nicht wirklich gewürdigt. Vielmehr kam beim Fest selbst eine Tante zu mir, um mir überflüssigerweise mitzuteilen, wie enttäuscht sie von meinem Outfit sei. Als würden wir Frauen von klein auf auf rosa gepolt.

Und ich hab Euch noch nicht von den Wutausbrüchen erzählt, die ich hatte,wenn ich rosa Geschenke bekam oder davon, wie meine erste und einzige Puppe behandelt wurde. Mach ich auch nicht.

Lieber Praktisch als schön

Ich war als Kind und Jugendliche total ungestüm. Ich wollte im Sand buddeln, Lagerfeuer machen, über Zäune klettern und Feuerball spielen.

Hat einer von Euch schon mal versucht, in einem Kleid vor einem wütenden Wachmann wegzurennen? Oder mit hohen Schuhen Feuerball zu spielen? Das geht einfach nicht.

Ich bin lieber praktisch als schön.

Deswegen würde ich nicht sagen, dass ich Kleider grundsätzlich scheiße finde (Ich hab sogar welche – aber psssst!); aber die meisten Dinge, die ich machen will, gehen in Kleidern einfach nicht und weil ich nie weiß wohin so ein Abend führt, bin ich einfach besser in Hose am Start. Und Gummistiefeln.

Ähnlich ist es mit Kosmetik. Wenn ich mir die Mühe mache, mich zu schminken, was extrem selten passiert, kann ich sicher sein, dass irgendwas juckt und ich mir selbstvergessen erst mal gründlich die Augen reibe, und dann wie ein Pandabär rumrenne.

Oder ich lackiere mir die Nägel und sitze mit wedelnden Händen da, langweile mich zu Tode, weil ich nix machen kann, verliere schließlich die Geduld und repariere doch (gaaanz vorsichtig) die Spülmaschine oder so, woraufhin meine Nägel (völlig überraschend) komplett ruiniert sind.

Das ist einfach ein totaler Schmerz im Arsch und deswegen versuche ich es gar nicht erst.

Frauenrechte für die Tonne

Das große Kapitel aber, warum ich mich weigere, in das rosa Raster gepresst zu werden, ist wahrscheinlich ein Politisches.

Hier mal ein paar Fakten:

Ich bin 1977 geboren.

Im selben Jahr wurde das Gesetz erst dahingehend geändert, dass Frauen ihren Ehemann nicht mehr um Erlaubnis fragen müssen, wenn sie arbeiten wollen. (Guckstu hier)

Doch es hat noch 7 lange Jahre gedauert, bis die Frauen in Liechtenstein wählen durften (!!!), also als ich schon schreiben und rechnen konnte. (Guckstu hier)

Die Vergewaltigung in der Ehe wurde in Deutschland erst 1997 strafbar, dem Jahr, in dem ich mein Abitur machte. (Guckstu besser nicht hier, ist einfach zu deprimierend)

Doch das sind ja nur die Äußerlichkeiten. Was in den Familien wirklich gelebt wurde, steht noch auf einem ganz anderen Blatt.

Oft sind es ja eher das Getratsche im Familien- und Bekanntenkreis, das man als Kind oder Jugendliche aufschnappt und abspeichert.

Die Empörung etwa über die Frau, die ihre Kinder einfach in einer KiTa abstellt (UN-VER-antwortlich!), um arbeiten zu gehen, oder noch schlimmer, die mitleidigen Blicke, wenn eine Frau ohne Partner auf einer Familienfeier auftaucht. Und das Getuschel über die eine bestimmte Tante, die keinen abgekriegt hat und nun als „altes Jungfer“ sterben wird.

Man braucht nicht meinen, dass ein Mädchen, das mit diesen gesellschaftlichen Werten groß wird, total verrückt danach ist, eine Frau zu werden…

Must not wind up old maid

Die mitleidigen Blicke sind am schlimmsten. Vor allem dann, wenn es überhaupt nichts zu bemitleiden gibt, weil ich gerade die Zeit meines Lebens habe.
Ich erlebe das oft. Nicht so sehr in der Stadt, aber je ländlicher es wird, desto ungewöhnlicher ist eine allein reisende und allein speisende Dame.

Letztens war ich auf einem Konzert in einem Schloss auf dem Land bei Weimar.
Im Schloss Restaurant hatte ich mir schön einen Tisch reserviert, um vorher noch was zu essen.

Ich geh also in das Restaurant, sage, ich hätte reserviert, die Kellnerin guckt in ihr Buch, beugt sich zu mir und flüstert (!!!) „für eine Person?“
Ich musste fast lachen. Ja, für einer Person. Sie litt offenbar ganz furchtbar für mich…

… denn sie kam alle 10 Minuten rum, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei.

Auch später, als ich (allein) bei dem Konzert war, wurde ich, sobald klar war, dass der Platz neben mir offenbar leer bleiben würde, sofort vom benachbarten Pärchen auf der anderen Seite höflich in ein Gespräch verwickelt.
Das ist alles super süß, Leute, aber wirklich nicht nötig. Es geht mir gut!

Ganz im Ernst! Das ist jetzt nicht so eine positive Affirmation, die ich mir ständig sage, um zu vergessen, dass ich allein bin. Allein sein ist nicht schlimm. Nicht man selbst zu sein, das ist schlimm.

Text zum Bild:

Charlotte: „You have to take risks so you don’t wind up old maid“

Carrie: „Oh! That’s right. Must not wind up old maid. How will I remember that? Does anybody have a pen?

Why do we get ‚old maid‘ and ’spinster‘ and men are ‚bachelors‘ and ‚playboys‘? No matter how shrivelled their dicks are.“

So viele Formen von Weiblichkeit wie Frauen

Damit geht es mir tatsächlich sogar deutlich besser, als wenn ich auch nur eins dieser Klischees erfüllen müsste; sei es Mutter, Hausfrau, Nagellackträgerin, Kindergärtnerin oder Kleidchenbekleidete.

Nichts davon ist auch nur annähernd interessant für mich.

Da gibt es auch überhaupt keine Diskussion.
Frauen sollen arbeiten, Hausfrau sein, sich selbst verwirklichen, auf Kinder verzichten oder Kinder bekommen, gerade wie sie Bock haben. Sie sollen selbst über ihren Körper bestimmen und das beinhaltet auch das Tragen von irgendwelchem rosa Rüschenfirlefanz. Wer da Bock drauf hat, soll das ruhig machen (Männer übrigens gerne auch…)

Aber hier kommt das, was mich von demjenigen unterscheidet, der meint, ich würde alles weibliche ablehnen.
Für mich hat das alles überhaupt nichts mit Weiblichkeit zu tun.

Weiblichkeit ist so ein massiv missbrauchtes Wort, so ein mit Fehlinterpretationen zugemüllter Begriff.
Meine spirituelle Lehrerin Chameli Adargh sagt dazu „There are as many forms of the feminine as there are women” Das trifft es meiner Meinung nach auf den Punkt!

Weiblichkeit für mich ganz persönlich hat zum Beispiel viel mehr mit Intuition, Kreativität, Verbundenheit zu Mutter Erde, einem Leben in Zyklen und dem Vertrauen in die eigene Erschaffenskraft zu tun als mit irgendwelchen Labels.

Aber das ist eben nur meine eigene ganz persönliche Erfahrung von Weiblichkeit.
Es gibt auch die Prinzessinnen und die Königinnen, die Kriegerinnen, die von oben bis unten tätowierten Punks, die filzenden Prenzlbergmuttis, die kichernden Blondinen, die Kreativen, die mit den lackierten Fingernägeln, die Boutique-Besitzerinnen, die First Ladys, die Kämpferinnen, die Revulotionäre, die Feministinnen, die Visionäre, die Bewahrenden, die Heilerinnen, Priesterinnen und Hexen und noch so unfassbar viel mehr.

Deswegen möchte ich abschließend einfach gerne einmal richtig stellen:
Ich umarme jeden Aspekt meiner Weiblichkeit. Ich bin sehr glücklich über mein Dasein als Frau, welches ich versuche, mit möglichst großem Genuss auf allen Ebenen zu leben.

Allerdings wehre ich mich dagegen, meine Weiblichkeit einem pinken Raster zu unterwerfen, nur weil irgendeine hochbezahlte Marketingagentur meint, herausgefunden zu haben, was Weiblichkeit wirklich ist oder weil irgendwer noch diese Nazischeiße vom Kinderglück glaubt.

Das könnt Ihr gerne alles machen und glauben, aber ich bin da raus.

Tschö.

Geht’s noch?

Alles nur Schwachsinn

Zum Ende des letzten Jahres erreichte mich von einem meiner Auftraggeber eine Email in der man mir zum einen für die gute Zusammenarbeit dankte und mir zum andern erklärte, wie meine Rechnung im kommenden Jahr auszusehen habe, damit man sie intern noch bearbeiten könne.

Man drohte in dieser Email explizit damit, Rechnungen nicht mehr zu bearbeiten (sprich zu bezahlen), sollten sie nicht dem vorgeschriebenen Format entsprechen.

Das vorgeschriebene Format forderte unter anderem, dass ich die mir vom Auftraggeber zugeteilte Kundennummer verwendete und dass ich meine Leistungen mit mir vom Auftraggeber vorgeschriebenen Nummern versehe.

Es war nicht die erste Email dieser Art.

Regelmäßig fordert man von mir Sachen wie ein Status-Feststellungsverfahren zur (Schein-) Selbständigkeit einzuleiten, Dokumente in irgendwelche Portale hochzuladen, die niemanden etwas angehen (Unbedenklichkeitsbescheinigung und Ähnliches) oder sogar, meine eigenen AGBs nicht mehr auf die Rechnung zu drucken, weil sie mit den AGBs des (Ex-) Auftraggebers in Konflikt stehen.

Die Krönung finde ich persönlich ja, wenn mein Auftraggeber bestimmt, nach wie vielen Tagen er sich dazu herablässt, meine Rechnung zu bezahlen, ungeachtet des Zahlungsziels, was bei mir auf jeder Rechnung deutlich lesbar abgedruckt ist. Oder wenn er selbsttätig entscheidet (was bei mir glücklicherweise noch nie vorgekommen ist, aber ich hörte davon von Kollegen), dass er bei schnellerer Zahlung zum Ziehen von Skonto berechtigt sei.

Auch fordern Auftraggeber immer wieder Belege für abgerechnete Auslagen, weil sie der Meinung sind, diese Belege gehörten in ihre Buchhaltung, was unglaublicher Schwachsinn ist.

Deren Beleg ist ja meine Rechnung und der Originalbeleg gehört in meine Buchhaltung.

Und obwohl ich das alles für anmaßend halte, war doch diese spezielle Email die dreisteste und falscheste, die ich bislang erhielt.

So dreist, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, mich aufzuregen!

Schlechte Angewohnheit

Immer wieder bekomme ich von Auftraggebern Vorschriften darüber, wie ich mich als Unternehmerin Ihnen gegenüber verhalten soll, einige verlangen sogar die Unterschrift eines Vertrages.

Wobei nicht alles immer nur Schwachsinn ist.

Das sind zum Beispiel so nachvollziehbare Sachen wie Verschwiegenheitsklauseln, die ich gerne und voller Überzeugung unterschreibe oder die Bitte nachzuweisen, dass ich haftpflichtversichert bin.

Für solche Sachen habe ich Verständnis.

Ein Kollege erzählte mir nun aber von einem Unternehmen, das im Zuge des neuen Datenschutzgesetzes von allen Unternehmern erwartet, sämtlichen Schriftverkehr nach einer Veranstaltung zu löschen, was zum Beispiel auch Emails betrifft.

Ja glauben die denn, dass der am Wochenende nichts Besseres zu tun hat, als sich hinzusetzen und zu gucken, welche Emails er noch löschen muss? Ganz zu schweigen davon, dass er so seiner gesetzlichen Dokumentationspflicht nicht mehr nachkommen kann.

Es ist eine sehr schlechte Angewohnheit der Auftraggeber, uns zu behandeln wie Angestellte, in dem man uns in unsere Abläufe hineinpfuscht, aber gleichzeitig zu verlangen, dass wir nicht scheinselbständig sind.

Kunde oder Lieferant?

Mir, dem Unternehmer, vorzuschreiben, wie ich meine Rechnungen zu schreiben habe und mir gleichzeitig anzudrohen, sie nicht mehr zu bezahlen, wenn ich mich nicht daran halte, ist eine bodenlose Unverschämtheit, die mich maßlos ärgert.

Da ich ein durchaus kommunikativer Mensch bin, habe ich meinem maßlosen Ärger insofern Ausdruck verliehen, als dass ich eine lange Email zurückgeschrieben habe, in der ich – meiner Meinung nach – sehr sachlich darauf eingegangen bin.

Da habe ich zum Beispiel erklärt, dass man mir natürlich gerne eine Kundennummer zuteilen könne und dass ich die auch gerne angebe, wenn ich denn einmal in die Verlegenheit kommen sollte, bei diesem Auftraggeber etwas kaufen zu wollen. Dass ich aber im echten Leben meine Dienstleitung an ihn verkaufe, er also mein Kunde ist und ich sein Lieferant; wenn überhaupt, also eine Lieferantennummer bekommen müsse.

Diese Nummer muss ich aber natürlich nicht auf meiner Rechnung angeben. Ich könnte, wenn man mich nett fragt (und normalerweise bin ich die letzte, die einer netten Bitte nicht nachkommt), aber man kann mir nicht androhen, meine Rechnung sonst nicht zu bezahlen.

Ich stelle mir hier immer mal gerne vor, wie ich bei der Telekom anrufe und denen mitteile, dass ich leider meine Telefonrechnung nicht bezahlen kann, weil die vergessen haben, ihre Lieferantennummer auf ihre Rechnung zu schreiben.

Die würden mir einfach das Telefon abstellen. Fertig!

Exkurs Buchhaltung

Da ich selbst als Buchhalterin ausgebildet wurde und einige Jahre in diesem Job gearbeitet habe, möchte ich Euch mit einem kurzen Exkurs zum Thema Buchhaltung strapazieren:

Ein Buchungssatz (das, was die Buchhaltung braucht, um eine Rechnung verbuchen zu können) besteht immer aus einem Konto und einem Gegenkonto. Ich buche eine Rechnung an mich (Eingangsrechnung) auf ein Kostenkonto und gegen einen Kreditor. Also zum Beispiel „Telefonkosten gegen Telekom“.

Größere Unternehmen haben noch eine interne Kostenrechnung, um sehen zu können, ob ein Projekt Gewinn oder Verlust erwirtschaftet. Da bucht man dann noch eine Kostenstelle zusätzlich. Also zum Beispiel „Transportkosten gegen Trucking Service, Kostenstelle Roland Kaiser Tour“.

Jetzt erwartet ein Auftraggeber also von mir, dass ich eine Lieferantennummer angebe. Das ist das Kreditorenkonto, also zum Beispiel Telekom, Trucking Service oder eben Susanne.

Das heißt, die Buchhaltung muss nicht mehr suchen, welche Kontonummer ich habe, sondern ich schreibe sie ihnen auf die Rechnung.

Auch die Kostenstelle liefere ich mit, denn ich schreibe nicht mehr nur drauf Roland Kaiser Tour 2019, sondern zusätzlich noch Projekt Nr. 13859.

Nun erwartet dieser Auftraggeber von uns außerdem, unsere Leitungen mit Nummern zu spezifizieren, ein Leistungsverzeichnis wurde mitgeschickt. Die Nummern beginnend bei 3100 sind nach Leistungsarten wie Lichttechnik, Tontechnik etc. aufgesplittet.

Hier erkennt mein innerer Buchhalter natürlich sofort das Sachkonto 3100 für Fremdleistungen, unter welches man unsere Leistungen auch korrekterweise buchen würde, wenn man den Kontenrahmen SKR 03 benutzt, was die meisten Unternehmen tun.

Das bedeutet konkret, dass wir diesem Auftraggeber auch noch das Sachkonto mitliefern.

„Fremdleistungen Lichttechnik gegen Susanne, Kostenstelle Roland Kaiser Tour“. Ein kompletter Buchungssatz.

Dass dieses System meinem Auftraggeber die Arbeit sehr erleichtert ist wohl jedem klar.

Was aber außerdem passiert, ist, dass ich hier in ein internes System eingegliedert werde, und zwar nicht in das System meines eigenen Unternehmens, sondern in das meines Auftraggebers.

Und das ist deswegen unglaublich gefährlich, weil es ein Hauptkriterium für Scheinselbständgkeit ist.

Wehrt Euch!

Auch dies teilte ich – meiner Meinung nach relativ freundlich – meinem Auftraggeber mit, der mir in seiner ursprünglichen Email den Dialog bei Fragen angeboten hatte, den ich damit suchte.

Auf meine Email folgte allerdings kein Dialog, wie angeboten, sondern ein großes Schweigen.

Dieses Schweigen interpretierte ich als Aussage darüber, dass sich alle andern ohne zu Murren gefügt haben und ich wiedermal die einzige war, die die Fresse aufgemacht hat.

Insofern kann ich mich jetzt natürlich entscheiden, das persönlich nicht mitzumachen, bin dann aber einen Auftraggeber los und der eine Technikerin.

Es wäre nicht der erste Auftraggeber, den ich wegen Meinungsverschiedenheiten über die Abrechnungsmodalitäten verloren hätte, und es wäre wahrscheinlich auch für beide Seiten nicht wirklich tragisch.

Es fuchst mich aber unheimlich, dass sich keiner von uns selbständigen Technikern gegen so etwas wehrt. Wieso lasst Ihr das mit Euch machen?

Es reicht!

Wir sind die Unternehmer. Nicht die Angestellten. Also lasst uns verdammt nochmal anfangen, uns wie solche zu benehmen!

Wir entscheiden, wie teuer wir sind und wie viele Stunden eine Tagespauschale beinhaltet. Wir entscheiden, ob wir Nacht- oder Wochenendzuschläge haben wollen und wie viele Spesen wir berechnen.

Wir bestimmen vor allem, was unser Zahlungsziel ist, ob wir gerne Skonto geben möchten und wenn ja, zu welchen Bedingungen.

Und wenn das irgendwem nicht passt, soll er sich jemanden suchen, der das mit sich machen lässt!

Und tut mir bitte einen Gefallen, Ihr alle, die Ihr das jetzt lest und Unternehmer seid: Lasst Euch nichts mehr überbügeln! Diese ganze Schikane hört nur auf, wenn wir uns alle gemeinsam wehren.

Ton und Musik

Dazu möchte ich noch etwas sagen, weil ich nicht ungerecht sein möchte.

Ich habe selbst als Buchhalterin gearbeitet  und einen Pulk an freien Inspektoren aus vielen verschiedenen Ländern abgerechnet. Ich weiß sehr genau, wie schwierig es ist, wenn jeder freie Mitarbeiter sein eigenes Rechnungssystem hat, wenn dazu noch unterschiedliche Sprachen und Währungen kommen, wird es wirklich böse.

Es ist nicht verwerflich, wenn man die freien Mitarbeiter bittet, einem dabei behilflich zu sein, diese vielen verschiedenen Formate zu vereinheitlichen, erst Recht nicht, wenn man selbst gegenüber einem großen Kunden abrechnen muss.

Man kann das in einer Email nett erklären und dann darum bitten, die Leistungen so zu spezifizieren, dass sie in der Buchhaltung gut zugeordnet werden können.

Dann kann jeder Unternehmer selbst entscheiden, ob und wie er das in seine Rechnungen integrieren kann und ich glaube auch, dass sich viele kreative Möglichkeiten bieten, sich entgegen zu kommen.

Aber uns Unternehmern „Vorschriften“ zu machen und Rechnungen, die diesen „Vorschriften“ nicht entsprechen, zurückzuweisen und/oder nicht zu bezahlen ist schlicht unverschämt und entbehrt zudem jeder gesetzlichen Grundlage. Die einzigen Vorschriften, die wir wirklich einhalten müssen, sind die des Gesetzgebers.

Alles andere ist kompletter Schwachsinn, genauso wie die Anweisungen, Emails zu löschen oder ein Statusfeststellungsverfahren als Voraussetzung für ein Arbeitsverhältnis zu fordern.

Und sogar hier muss ich sagen, dass ich auch zu manchem Schwachsinn unter Umständen bereit wäre, wenn man mich nett darum bitten würde. Dass der Ton die Musik macht, haben offenbar Viele immer noch nicht verstanden.

Was in jedem Club selbstverständlich ist, muss zu unseren Auftraggebern erst noch durchdringen: Wer ficken will, muss freundlich sein!

In diesem Sinne Alaaf und Helau!

A Man’s World

Immer wieder spricht man mich darauf an, ob ich nicht mal was zum Thema Frauen in der Branche schreiben könnte.

Klar kann ich.

Es ist nur so, dass dies offenbar das einzige Thema ist, zu dem meine Meinung von Interesse zu sein scheint und inzwischen hab ich mir die Schnute dazu dermaßen fusselig geschrieben, dass sich eine gewisse Ermüdung einstellt.

Warum interessiert das überhaupt noch irgendwen, frage ich mich?

Wenn wir doch so unglaublich gleichberechtigt sind, müssen wir gar nicht mehr drüber reden.

Aber – Ihr ahnt es schon – wir sind es natürlich nicht.

Also gleichberechtigt.

Und nicht nur das. Wir arbeiten sogar in einer ziemlich sexistischen Branche.

Bevor jetzt jemand meint, ich wolle hier rumjammern… nicht mein Style!

Ich arbeite seit 20 Jahren in dieser Branche, liebe meinen Beruf wie bekloppt, habe mich mit den kleinen Ecken und Kanten arrangiert und bin auf dem Sexismus-Ohr schon lange taub.

Aber da das Thema sich solch hoher Beliebtheit erfreut, soll es von mir an dieser Stelle einen kleinen Bericht geben.

Hier ein paar harmlose Vergleiche:

Fährt der Kollege mit dem LKW vor eine Brücke, ist er ein Idiot.

Fahre ich mit dem LKW unter ein Tankstellendach, Frau am Steuer.

Schreit der PL rum, hat er Stress.

Sage ich, was ich denke, habe ich meine Tage.

Macht der Kollege die niedliche Kellnerin an, ist er cool.

Mache ich den gut aussehenden Messebauer an, bin ich verzweifelt.

 

Auf Messen, wo wir grad beim Thema sind, ist an den Aufbautagen fast immer nur das Männerklo aufgeschlossen.

Peinlich berührte Kollegen drücken sich in das Pissoir, während ich an ihnen vorbei in die Toiletten schlendere.

Tut mir leid Jungs, aber die Zeit, wo ich mich dafür erklärte, dass ich auf Eurem Klo pinkeln gehen muss, sind nicht mehr.

Ein Kollege sagte einmal zu mir, ich sei ja eigentlich gar keine richtige Frau. Das gleiche behauptete ein Freund mal im Bezug auf eine Kollegin zu mir. Und ich frage mich diesbezüglich, was erstens eine „richtige“ Frau ist – speziell, ob das lackierte Fingernägel beinhaltet – und zweitens wer diese Kollegen eigentlich glauben zu sein, wenn sie meinen, das einfach so beurteilen zu können.

Im ersten Fall bin ich mir sicher, dass das sogar als Kompliment gemeint war, und obwohl das sehr nett gemeint ist, ist die Frage doch, ob es wirklich so eine gute Sache ist, stolz darauf zu sein, nicht als „richtige“ Frau zu gelten.

Demselben Freund gegenüber erwähnte ich auch, dass ich es krass finde, wenn die Jungs auf der Baustelle ein Mädel sehen, am besten noch in einer weisungsbefugten Position, und als erstes darüber diskutieren, ob sie fuckable ist oder nicht.

Da gab er mir total Recht, aber einen Tag später, als die Agenturtante irgendwas von ihm wollte, kam er zu mir und sagte „Jetzt mal im Ernst, die ist halt wirklich nicht fuckable!“

Das mag ja sein (aber auch das ist sicher sehr subjektiv), doch das ist genau der Punkt.

Wenn ich mir bei einem TL, PL, Agenturtypen oder Endkunden die Frage stelle, ob er fuckable ist, degradiere ich ihn innerlich. Ich reduziere ihn auf seine äußere Erscheinung und radiere die inneren Werte aus. Dadurch mag es für mich einfacher sein, mich selbst toll zu fühlen, auch wenn der andere in einer höheren Position ist, aber mit Respekt, Gleichberechtigung oder gar Professionalität hat das rein gar nichts zu tun.

Es gab ja dieses Experiment von zwei Menschen (ein Typ und eine Frau), die ihre Email Signaturen getauscht haben.

https://www.independent.co.uk/news/business/news/gender-inequality-man-woman-switch-names-week-martin-schneider-nicky-knacks-pay-gap-a7622201.html

Da hat der Mann mit der Email Signatur der Frau gearbeitet und festgestellt, dass seine Kunden, mit denen er sonst prima klar kam, auf einmal alles in Frage stellten, was er behauptete.

Meine Erfahrung ist sehr ähnlich. Wenn ich in einer Position bin, in der ich anderen etwas sagen muss, wird grundsätzlich erstmal alles ausdiskutiert, anstatt dass es einfach gemacht wird.

Den Bock abgeschossen hat diesbezüglich der Trockenbauer auf der Cebit, der nach jeder meiner Ansagen zu meinem männlichen Kollegen gelaufen ist und sich den Mist nochmal von ihm hat bestätigen lassen.

Auch Mansplaining ist Standard (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wortschoepfung-mansplaining-allwissende-erzaehler-13413483.html).

Für alle, die das nicht kennen, es gibt dazu wunderschöne Beispiele im Netz.

Männer, die generell den Frauen erstmal die Welt, das Universum und den ganzen Rest erklären müssen, bevor sie auf eine einfache Frage antworten können. Hier handelt es sich um eine unbewusste und gerade dadurch besonders nervige Form des Alltagssexismus, weil Männer oft davon ausgehen, fachlich versierter zu sein als die Kollegin.

Ich persönlich empfinde die mir ständig begegnende Frage „Bist du die neue Auszubildende / Assistentin von xy (männlich)?“ als genauso sexistisch, weil mir mit dem Titel Auszubildende oder Assistentin sowohl mein Alter von 41 Jahren und die damit verbundene 20-jährige Berufserfahrung als Veranstaltungstechnikerin, als auch meine abgeschlossene Ausbildung mit einem Wort aberkannt werden.

Und während andere sich vielleicht freuen, wenn man sie für 25 hält, geht mir das unfassbar auf die Nerven.

Auch Anmache auf der Baustelle ist Tagesordnung.

Stört mich persönlich jetzt nicht so, weil ich wirklich gerne flirte (vor allem mit diesem unglaublich netten Messebauer), aber es gibt vielleicht Kolleginnen, die das anders empfinden und das sollte Mann besser abklären, bevor mit unpassenden Bemerkungen um sich geworfen wird.

Wenn ich mir manchmal anhöre, was Frauen anderer Branchen als sexistisch empfinden, denk ich mir, Alte, komm einfach mal einen Tag mit in mein Leben, dann relativiert sich das ganz schnell. Und auch hier ist die Frage, ob sich die anderen wirklich nur anstellen oder ob ich mir mehr gefallen lasse, als (nicht nur politisch) korrekt ist.

Als ich mich letztens weigerte, meinem extrem besoffenen TL meine Zimmernummer mitzuteilen, erzählte er am nächsten Tag allen, ich sei eine Lesbe.

Ganz im Ernst – ich habe auch kein Problem damit, eine angebliche Lesbe zu sein – ich würde nur nie auf die Idee kommen, einen Kollegen für schwul zu erklären, weil er nicht mit mir aufs Hotelzimmer geht.

Im Übrigen hat sich relativ schnell herausgestellt, dass ich auf Männer stehe, egal, was der Typ verbreitet hat und in Anbetracht der Unglaubwürdigkeit seiner These hat er die Geschichte nochmal verändert und behauptet nun, ich hätte ihn angemacht (bzw. hätte es bei jedem versucht).

Männer… (seufz)

Wie bereits gebloggt, verbrachte ich die ersten Jahre meines Technikerinnendaseins damit, mich anzupassen. Als ich, frisch selbständig, mit einer ziemlich großen dreiteiligen und bis zum Anschlag ausgefahrenen Leiter im Lager eines Auftraggebers unterwegs war, sprach der Personaldisponent die herumstehenden Kollegen an, ob sie nicht mal den Finger aus dem Arsch nehmen wollten, um mir zu helfen.

Daraufhin verschwanden sie schleunigst in alle Richtungen und einer sagte noch im Weggehen, er wolle nicht riskieren, von mir angeschnauzt zu werden, weil er mir seine Hilfe angeboten hätte.

Da wurde mir klar, dass ich ein wenig übers Ziel hinausgeschossen war.

Nur mal so als Grundinfo: Es ist unglaublich nervig, wenn man ständig gefragt wird, ob man Hilfe braucht. Vor allem dann, wenn das, was man gerade tut, die tägliche Arbeit ist. Es ist mitunter so nervig, dass man schon mal laut wird.

Allerdings ist es wahrscheinlich etwas übertrieben, den Leuten das Gefühl zu geben, dass sie Ärger erwartet, wenn sie Hilfe anbieten.

Eine Kollegin, die schon deutlich länger in der Branche unterwegs ist als ich und durch ihre direkte, rigorose und etwas ruppige Art auffällt, erzählte mir letztens bei einem Bierchen, dass ihr ständig gesagt werde, sie sei ein Mannsweib. Und dass es im Grunde nicht fair sei, denn sie sei eigentlich ein schüchternes Mädchen gewesen.

Aber welche Wahl hat denn ein schüchternes Mädchen, dem ständig alles aus der Hand gerissen wird, weil niemand ihr etwas zutraut? Sie kann entweder Kindergärtnerin werden oder sie passt sich an, flucht, brüllt, lässt sich nichts mehr aus der Hand reißen und lebt damit, als Mannsweib zu gelten.

Und da waren wir uns absolut einig. Wenn du den Job liebst (und wir lieben ihn…) dann machst du alles, damit du ihn weitermachen kannst. Also vielleicht nicht alles… aber viel!

Letztens fiel mir ein Agenturfuzzi überraschend positiv auf.

Die Situation war die, dass er für eine etwas herausfordernde Einleuchtsituation eine Lösung suchte und ich mit der Lösungsfindung beauftragt war. Kaum aber standen wir diskutierend zusammen, gesellte sich ein nicht mit der Situation vertrauter männlicher Lichtkollege zu uns und fing an, dem Agentur-Heinz zu erzählen, wie das Ding gerockt werden könnte.

Erstaunlicherweise akzeptierte ich diese Situation protestlos, da sowas einfach ständig passiert. Nicht, weil der Kollege mich für doof hält – der meint das nicht böse – es passiert einfach. Ständig.

Dass ich mich so wortlos gefügt hatte, fiel mir erst auf, als der Agenturtyp den Kollegen unterbrach, mich direkt ansprach und fragte, was ich denn davon halten würde.

Ich war so überrascht von der Frage, dass ich erst mal überlegen musste, was ich davon halte.

Es scheint in mir schon abgespeichert zu sein, dass es sich nicht lohnt männliche Konkurrenz auf ihren Platz zu verweisen (sei nicht so zickig…), so dass ich einfach resigniere.

Was nicht weiter schlimm ist, ich mach das einfach.

Aber richtig ist es nicht. Und fair auch nicht. Sexistisch schon.

Letztens hab ich so ein Zitat gelesen, von wem weiß ich schon nicht mehr, da ging es darum, dass Sexismus nicht durch Männer entsteht, sondern durch das Patriachat, welches kein Mensch sind, sondern ein System. Das System muss aber nicht nur durch das Verhalten der Männer aufrechterhalten werden, sondern kann (und wird) durchaus auch durch Frauen am Leben gehalten.

Zu diesem Thema möchte ich Euch unbedingt diesen wunderbaren Beitrag auf facebook ans Herz legen, in dem Frauen in den Kommentaren über männliche Musiker diskutieren so wie Männer (und Frauen) sonst gerne über weibliche Musikerinnen reden. Erst beim Verdrehen der Geschlechter wird deutlich, wie skurril manche Dinge eigentlich sind…

https://www.facebook.com/MANWHOHASITALL/photos/a.846983778753948/1808454092606907/?type=3&theater

Auch ich unterstütze das System, indem ich mich nicht zur Wehr setze gegen die mir täglich begegnende Ungerechtigkeit gegen mein Geschlecht. Gleichzeitig würde das Gegenteil aber dazu führen, dass ich vor lauter zur Wehr setzen nicht mehr zum Arbeiten kommen und mich niemand mehr buchen würde, weil ich allen nur noch auf den Sack ginge.

Und abgesehen davon muss ich sagen, dass sich in den letzten zwanzig Jahren wirklich viel verändert hat.

Inzwischen finde ich immer mehr Frauen auf Baustellen und das auch in Gewerken wie Messebau oder Produktionsleitung.

Dass das so ist, ist sicher nicht dem Umstand zu verdanken, dass irgendwelche Frauen sich permanent darüber beschwert haben, dass es zu wenig Frauen gibt, sondern wohl eher denjenigen Frauen, die die Fresse gehalten, die Arschbacken zusammengekniffen und angepackt haben. Denn diese Frauen haben gezeigt, dass wir es einfach genauso gut machen wie die Kerle.

Vielleicht wird es die Aufgabe der nächsten Generation Technikerinnen sein, die alltäglichen kleinen sexistischen Details ins Bewusstsein der Branche zu bringen.

Eine Hymne auf Pink Floyd

Im Jahr 1994 war ich noch sehr weit davon entfernt, Lichttechnikerin zu werden.
Ich machte erst noch gemütlich Abitur, nahm mir dann vor, Diplomatin zu werden oder wahlweise die Weltrevolution zu starten, verwarf alles und verfiel dann irgendwann resigniert dem Rock n’Roll.

Wenn man mich fragt, warum ich Lichttechnikerin geworden bin, sage ich oft, dass ich immer mit Monster Magnet auf Tour wollte. Und das ist auch nicht gelogen. Trotzdem ist Monster Magnet nicht der Grund, warum Licht mein Medium geworden ist. Den Grundstein dafür legte ein Ereignis, welches 1994 stattfand, bevor ich überhaupt wusste, dass es eine Band namens Monster Magnet gibt.

Ich bekam zu meinem 17. Geburtstag ein Ticket für das Pink Floyd Konzert im Müngersdorfer Stadion in Köln.
Schon als ich 15 war schenkte mir mein damaliger Freund das Album The Wall, was ich – bislang passionierte Beatles und Bravo-Kuschelrock Hörerin – völlig schräg fand.
Der Freund ging, die The Wall LP blieb.

Ich fing an, mich für Konzerte zu interessieren und guckte mir einige wenig spektakuläre Shows an, die mich zwar von dem Konzept Konzert an sich überzeugten, aber nicht die große Epiphanie waren.

Die Division Bell Tour von Pink Floyd war zwar ohne Roger Waters, aber für jemanden, der so spät geboren ist wie ich, die letzte Chance Pink Floyd überhaupt noch live sehen zu können. Denn als ich geboren wurde, kam bereits das 10. Studioalbum „Animals“ auf den Markt.

Heute sitze ich vor meinem PC und gucke mir die „Pulse“ DVD an, eine Aufzeichnung eben jener Tour von 1994 und ich denke, DAS war vor 24 Jahren?

Um euch eine Idee zu vermitteln, wie groß der Floyd-Impact für mich war, möchte ich kurz in meine Kindheit schwenken.
Aufgewachsen bin ich als Kind zweier Musiklehrer. Bei uns wimmelte es immer von Musikern. Schon als kleines Kind legte man mich ins Bett, um dann erst mal in Ruhe vier Stunden Klavierspielen zu können.
Einmal in der Woche saßen mein Bruder und ich in der Probe des Kammerorchesters und dachten uns lustige Tänze zu Bachs Brandenburgischen Konzerten oder der St. Pauls Suite von Holst aus. Im Urlaub war immer eine Gitarre dabei und Weihnachten spielte meine Mutter die Orgel in der Kirche.
Mein erstes Lieblingslied war der Bolero von Ravel und mein erster bester Freund stand auf die Vier Jahreszeiten von Vivaldi.

So kam es, dass Musik für mich ungefähr das Wichtigste wurde, was es gibt.
Zwar waren meine Eltern musikalisch ein wenig anders orientiert als ich es heute bin, aber da mein Elternhaus relativ gut sortiert war, konnte ich mich mit Lexika, Bildbänden, LPs und VHS Tapes zu jedem beliebigen musikalischen Thema totschmeißen. Was ich auch tat.

Es gab diese Schrankwand, voll mit VHS Tapes. Lief irgendwo eine Musikdokumentation im Fernsehen, mein Vater nahm sie auf. Und nicht nur das, es gab diesen lehrertypischen Karteikasten, in dem jedes Tape dokumentiert war und man nach Herzenslust stöbern konnte.
So kam es dass ich, während meine Freunde Beverly Hills 90210 guckten, zuhause vor der Glotze saß und den Woodstock Film, die Janis Joplin oder Beatles Doku, die Geschichte des Rock n’Roll oder Hair aufsaugte wie ein trockener Schwamm den ersten Regen.
Soviel zu der Kindheit.

Was ich sagen will ist, Musik ist wichtig! Sehr sehr wichtig!

Es ist mir zum Beispiel nicht möglich, irgendwo bei einem Getränk zu sitzen, während Musik im Hintergrund läuft, ohne innerlich abzuchecken, was gerade läuft, Titel, Interpret, Jahr.
Überhaupt, Hintergrundmusik ist ein Konzept, das ich nicht verstehe. Für mich ist Musik immer Vordergrund.

Nun bin ich aber leider nicht der Musiker Typ. Ein bisschen Gitarre hier und ein bisschen Klavier da und ab und zu mal ein wenig Gesang, das geht schon, aber so richtig was taugen tut es alles nicht.
Was wiederum dazu geführt hat, das ich mir einen Weg gesucht habe, die Musik auf eine andere Weise in mein Leben zu integrieren.

Bei Floyd ist alles, was sie anpacken, ein Gesamtkunstwerk.
Natürlich geht es vordergründig um die Musik, aber es bleibt nie dabei. Die Licht- und Lasershow ist nicht grundlos legendär. Ich denke hier besonders an die riesigen Marionetten der Wall-Tour oder das fliegende Schwein, aber auch der Film The Wall mit den wunderbaren Zeichnungen von Gerald Scarfe. (http://www.geraldscarfe.com/shop/pink-floyd/) Das Live in Pompeii Video, in dem die Band in einem leeren Amphitheater spielt. Auf solche Ideen muss man auch erst mal kommen. (https://vimeo.com/220679367)

Floyd hat es immer geschafft, die Stimmung der Musik durch visuelle Effekte zu unterstützen. Und sie waren einer der ersten, die das in diesem Stil getan haben.

Das ist jetzt nicht ganz fair, denn auch Genesis darf man auf keinen Fall unerwähnt lassen, wenn es um die Entstehung der modernen Lichtshow geht. Peter Gabriel ist mit ganz großer Sicherheit ein unverzichtbarer Baustein in dem Fundament der heutigen Lichttechnik. Aber um ihn soll es jetzt mal nicht gehen.

Im Englischen ist der Ausdruck „And pigs will fly“ ein Adynaton, also eine Aussage über etwas, was niemals passieren wird. Dass ausgerechnet eine Band wie Floyd, die einen Superlativ nach dem anderen geschaffen haben, ein Schwein über der Battersea Power Station fliegen ließen, um ihr Albumcover aufzunehmen, wundert also nicht. Dass dieses Schwein aber ausbüchste, die Themse runter Richtung Ärmelkanal flog und dabei von einem Hubschrauber begleitet werden musste, damit der internationale Flugverkehr nicht gefährdet wurde, ist eine der unfreiwilligen Aktionen, die Floyd so legendär macht.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich in Paris durch die Pink Floyd Interstellar Ausstellung in der Cité de la musique schlenderte, das muss so 2003 gewesen sein, jedenfalls war ich zu dem Zeitpunkt bereits Lichttechnikerin. Es gibt sehr wenige Dinge, die mich schwach machen, nur Pink Floyd sorgt regelmäßig dafür, dass ich weiche Knie bekomme und einen Kloß im Hals. In dieser Ausstellung verband sich erstmals dieses große Floyd mit meinem Beruf. Da begriff ich zum ersten Mal, dass das, was die Jungs da gemacht haben, etwas mit meinem Leben zu tun hat. Das ist so ähnlich wie das Gefühl, wenn man in die Unendlichkeit des Universums blickt und den Eindruck bekommt, Teil von etwas ganz Großem zu sein.

Pink Floyd setzte bereits 1968 intelligentes Licht ein. Damals hat das einfach noch niemand gemacht.
Und das gilt eben nicht nur für das Licht, sondern für alle Formen des künstlerischen Ausdrucks, den man mit Musik verbinden kann, sei es Bild, Film oder Licht.
Auch die Bilder der Floyd Alben sind unsterblich. Allen voran natürlich das Prisma auf der Dark Side Of The Moon, das wohl sicher jeder kennt. Aber auch das fliegende Schwein in Battersea oder The Wall, diese Bilder sind ästhetisch, einprägsam und simpel. Das Albumcover von Ummagumma zum Beispiel, auf dem durch ein Bild im Bild eine Art Endlosschleife entsteht, hat ein bisschen was von M.C. Escher.

Und hier setzt meine große Bewunderung ein. Da sind fünf kreative Köpfe, die auf jeder Ebene Grenzen überschritten haben. Wie schon die Beatles, setzten Floyd neue Effektgeräte ein, arbeiteten mit Loops, rückwärts laufenden Tonbändern, Talkbox, Samples von gesprochenen Stimmen oder Effekten. Klaviersaiten wurden direkt angespielt und man nahm sich einfach die Zeit, ein Stück wie Echoes knapp 24 Minuten lang dauern zu lassen.

Sie experimentierten einfach auf allen Ebenen.
Im Dokumentarfilm „The Making Of The Dark Side Of The Moon“ bekommt man einen guten Eindruck davon, wie diese Experimente aussahen. Hier kommt wieder meine alte Liebe zu Musikdokumentarfilmen durch 🙂

Ein sehr großer Teil des Musikerlebnisses ist für mich auch der Text.
Es gibt doch nichts Schlimmeres als bedeutungslos aneinander gereihte Worte, die sich schlimmstenfalls auf Ach und Krach reimen.
Nicht jeder wird als Poet geboren, aber aus der Feder von Roger Waters kommen einige wunderschöne Zeilen wie:
I am you and what I see is me.
Hanging on in quiet desperation is the English way.
We’re just two lost souls swimming in a fish bowl year after year.
You’ve reached for the secret too soon, now you cry for the moon.
Da geht mir mein Schreiberinnenherz auf…

Durch diese Gesamtheit der Kunst von Pink Floyd ist es mir möglich, mein Medium, das Licht, in einen Zusammenhang zur Musik zu setzen. Falls das irgendwie verständlich klingt… Und so werde ich als Nichtmusikerin zu einem Teil der Musik.
Denn das ist es ja, was mir so unglaublich wichtig ist. Nicht erst seit 1994.

Von der Division Bell Tour gibt es im Übrigen eine wunderschöne Live CD mit dem Namen Pulse. Ein sehr abgegriffenes Exemplar dieser CD steht in meinem Regal.
Jahrelang hat es mich wahnsinnig gemacht, weil sich in der Hülle der CD eine rote LED befindet die in der Geschwindigkeit des durchschnittlichen menschlichen Pulses blinkt. Das Booklet sagt dazu unter anderem: „The LED is also like the opening heartbeat of the dark side of the moon, most particularly the LED pulses… it is a live phenomenon … like the music.“ Und genauso ist es.

Die LED blinkt schon lange nicht mehr.

Aber mein Herz schlägt für immer für Pink Floyd.

 

Und hier noch eine gute Nachricht: die Pink Floyd Ausstellung „Their Mortal Remains“ wird ab Mitte September im Dortmunder U zu sehen sein. Ich kann nur jedem empfehlen, sich das anzusehen. (https://pinkfloydexhibition.de/ausstellung.html)

Das Schweigen der Männer

Lieselotte steht auf Willi.

In meiner Jugend guckte sie ins Telefonbuch, fand Willis Nummer und rief ihn an.

Es gab noch keine Smartphones und kein Facebook.

Sie fragt Willi, ob er mit ihr ins Kino geht und Willi sagt entweder begeistert ja oder verhalten, er habe keine Zeit. Letzteres bedeutet selbstredend, dass er eigentlich keine Lust hat.

Das waren noch Zeiten.

Heute ist das völlig anders. Man findet sich auf Facebook.

Zum einen, weil niemand mehr in irgendeinem Telefonbuch steht (gibt es die Dinger überhaupt noch?), zum anderen, weil es deutlich bequemer ist, sich eine Kurznachricht zu schicken als anzurufen. Das ganze peinlich Herumgedruckse, dass Willi gerade furchtbar viel zu tun habe und überhaupt keine Zeit für Kinobesuche kann man sich also dankenswerterweise ersparen.

Gut für Willi.

Heute sitzt Lieselotte vor ihrem Facebook Messenger, interpretiert die Lesebestätigung, vergleicht sie mit der sonstigen Onlineaktivität von Willi und zieht schließlich ihre Schlüsse daraus.

Es ist zu einer Gewohnheit geworden, dass wir keine Absagen mehr erteilen.

Ich beobachte das zunehmend.

Wenn man sich auf einen Job bewirbt – heute natürlich auch elektronisch, was ich durchaus begrüße – bekommt man keine Absage mehr, man bekommt ja auch nichts zurückgeschickt.

Viele Firmen schreiben das sogar in ihre Bewerbungskriterien. „Wir sehen uns außerstande, auf jede abgelehnte Bewerbung eine Absage zu schicken. Nur angenommene Bewerber werden kontaktiert.“ Ruf uns nicht an, wir melden uns bei dir. Oder auch nicht. Und warum eigentlich nicht?

Liegt das vielleicht daran, dass sich im Zuge der Digitalisierung jeder Bewerber einfach mal pauschal auf jeden Job bewirbt und die Arbeitgeber solch einer Flut an Bewerbungen nicht mehr Herr werden?

Ich glaube nicht. Denn die Digitalisierung bietet auch ein breites Spektrum an Möglichkeiten für automatisierte und dennoch freundliche Absagen.

Als ich das Skript meines zweiten Buches an meine Agentin geschickt habe, bekam ich einen langen Brief zurück, in dem mir erklärt wurde, warum mein Buch für den Markt uninteressant sei – nicht automatisiert, sondern persönlich. Aus dem Brief wurde ersichtlich, dass die Dame das Skript zumindest in Teilen gelesen hatte und dass sie sich Gedanken dazu gemacht hat, ob der Text auf dem Markt eine reelle Chance hat.

Ein solches Feedback, auch wenn es nicht zum angestrebten Erfolg führt, ist Gold wert. Es gibt mir die Chance, den Text zu überarbeiten oder einen anderen Text zu schreiben, der die Nerven der Zeit ein bisschen besser trifft. Ich kann mich verbessern, entwickeln, lernen. Vorausgesetzt natürlich, dass ich mit Kritik umgehen kann.

Die Antworten der Verlage hingegen, die man so normalerweise kontaktiert, waren nicht nur nicht konstruktiv, sie waren überhaupt nicht vorhanden.

Und jetzt stelle ich mir vor, dass so ein Willi, der in dieser Welt lebt und vielleicht versucht hat, einen Job zu finden, doch auf seine vielen Bewerbungen keine Antwort erhielt, oder ein Buch geschrieben hat und von den Verlagen ignoriert wurde, oder Demos seiner Band an Plattenfirmen geschickt hat, die sich nie gemeldet haben, dass dieser Willi eine Nachricht von Lieselotte bekommt.

Denn Lieselotte möchte sehr gerne mit ihm ins Kino gehen. Willi hat aber eigentlich keinen Bock.

Auf Grund seiner Erfahrungen weiß Willi aber nun, dass keine Antwort auch eine Antwort ist, also ignoriert er Lieselottes Nachricht einfach.

Ich finde das einleuchtend und verständlich. Allerdings finde ich auch, dass hier etwas Gefährliches passiert.

Denn wenn ein Mensch ignoriert wird, dann löst das Wertlosigkeitsgefühle in ihm aus.

Es gibt unzählige Studien, die bestätigen, dass ignoriert zu werden von Menschen schlimmer empfunden wird, als abgelehnt zu werden.

Und das hat damit zu tun, dass Menschen das Bedürfnis haben, gesehen zu werden.

Wir tun das im Alltag ständig. In der U-Bahn spricht mich der fünfte Typ an, der mir die Obdachlosenzeitung verkaufen will und erstens habe ich bereits den Straßenfeger und die Motz gekauft und zweitens nimmt mich das persönliche Schicksal dieser Menschen auch jedes Mal ein bisschen mit, weswegen ich nicht damit konfrontiert werden möchte. Also stecke ich mir meine Kopfhörer in die Ohren, schließe die Augen und beraube diesen Menschen seines Vorhandenseins.

Aber ich richte damit einen reellen Schaden an.

Menschen zu ignorieren ist respektlos, es ist schäbig.

Und manchmal ist alles, was es braucht ein Lächeln oder eine Pfandflasche.

Zugegeben, es ist unangenehm, Lieselotte zu sagen, dass man eigentlich nicht so eine große Lust hat, mit ihr ins Kino zu gehen. Ich kenne kaum jemanden, der so etwas machen würde. Trotzdem kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass die Menschen, die den Mut hatten, mir direkt zu sagen, dass sie keine Lust haben, sich mit mir zu treffen, mir keinesfalls negativ in Erinnerung geblieben sind und auch die Erfahrung, abgewiesen worden zu sein, war nicht wirklich schlimm.

Im Gegenteil. Da hat jemand den Mut, mir zu sagen, wie es ist. Jemand befasst sich mit mir, jemand nimmt sich Zeit dafür. Ich fühle mich respektiert und gewertschätzt.

Wir empfinden es in der Regel als unangenehm, jemanden abzuweisen, weil wir nicht wissen, wie man das macht. In den meisten Fällen geben wir vor, keine Zeit zu haben, weil es als unhöflich gilt zuzugeben, dass wir keine Lust haben.

Ich frage mich, warum es unhöflich ist, keine Lust zu haben. Es ist doch auch gesellschaftsfähig, jemanden zu ignorieren, was, wie wir bereits festgestellt haben, viel schmerzhafter ist.

Warum also nicht ehrlich sein?

„Hey Lieselotte, der Film hört sich echt gut an, aber ich hab das Gefühl, du erhoffst dir da mehr, als mir lieb ist. Geh doch besser mit Miriam ins Kino. Liebe Grüße dein Willi.“

Man kann das aber auch eine kreative Herausforderung betrachten.

Wenn mich jemand fragt und ich hab keinen Bock, dann schicke ich zum Bespiel gerne einen Song, lasse jemand anderen sagen, was ich sagen will. Das ist nicht so direkt, aber trotzdem deutlich. Ich bestrafe den anderen nicht mit Schweigen, muss aber selbst keine Worte finden.

„Whatever my riddle is, you ain’t my solution; Whoever you’re looking for – I’m not the one“ (Krazy, Königin der Worte)

Mach doch mal ein Projekt draus.

Guck in deine Emails, dein Telefon, deine Facebook Nachrichten.

Schick allen, die dir in den letzten Tagen durchgerutscht sind, eine Nachricht dass sie in der Flut der Nachrichten untergegangen sind, jetzt aber gefunden wurden.

Schick allen, für die du die Zeit nicht hattest eine Nachricht, dass du dich melden wirst, wenn du sie hast.

Und schick mal allen, die ignoriert hast, weil du keine Lust auf sie hattest, eine freundliche Absage.

Glaub mir, es wird eine schöne Erfahrung. Für beide Seiten!

Enjoy!

Freiheit oder Sicherheit?

Diese Frage muss sich jeder Mensch immer mal wieder stellen.

In unserer Branche noch einmal mehr als woanders. Das liegt wohl daran, dass wir uns in der Veranstaltungstechnik auf dem Weg befinden von einer Branche bestehend aus quereingestiegenen Eigenbrötlern und technikbegeisterten Musikaffinen – wo im Grunde jeder frei war – hin zu ausgebildeten Spezialisten, die gesetzlich mehr oder weniger erfolgreich immer mehr in die Schablonen der Angestelltenwelt hineingepresst werden.

In unserer Zeit ist beides „normal“. Ewig frei zu sein und fest angestellt. Das macht unsere Branche ein wenig besonders und führt zwangsläufig dazu, dass man sich als Veranstaltungstechniker mit dieser Frage auseinandersetzt.

Was mich betrifft, so kam die Entscheidung zum ewigen frei sein wollen wie so vieles in meinem Leben zu mir.

Mein Ausbildungsbetrieb war der letzte Dienstherr, den ich in dieser Branche hatte und das sollte so bleiben. Ich hatte die Nase gestrichen voll von Vorgesetzten, Idiotenjobs und moderner Sklaverei. Ich wollte frei sein.

Letztens stieß ich auf dieses schöne Zitat von John O’Donohue, das meine persönlich Sicht zum Thema Freiheit und Sicherheit ganz gut reflektiert:
„Mögest du den Mut haben, auf die Stimme der Sehnsucht zu hören, die dich stört, wenn du dich mit etwas Sicherem zufrieden gegeben hast.“

Das Arbeiten als Freie ist ja gar nicht so frei, wie manch einer sich das vielleicht vorstellt. Im Grunde arbeite ich für eine Hand voll Auftraggeber, die ihre Teams mit nur geringen Variationen buchen. Und so arbeite ich oft mit denselben Leuten auf wiederkehrenden Baustellen.

Das Gute daran, dass ich frei bin ist nur, dass ich Kollege X, mit dem ich jedes Jahr Job Y mache, der mir mit ungebremster Wucht auf der Zeiger geht, nach dem Job erstmal nicht mehr sehen muss.
Und weil ich das weiß, während ich Job Y mache, ist Kollege X ein wenig erträglicher.

Das Gleiche gilt für Firmenstrukturen.
Jede Firma ist ein wenig anders.
Manche beladen ihre Trucks auf Paletten von der Seite, manche in Kisten von hinten, manche schrauben die Torblenden ihrer Lampen immer ab, bei anderen bleiben sie dran, eben die kleinen feinen Unterschiede.

Ich fange zum Beispiel gar nicht erst an, mich darüber aufzuregen, wie man auf die Idee kommen kann, Torblenden abzuschrauben, weil ich weiß, dass sie auf dem nächsten Job für Kunde Z alle dranbleiben. Dafür werden dort die Netzkabel aller Geräte einzeln transportiert, aber wozu aufregen…?

Andersrum ist es aber genauso.
Beim einen Auftraggeber ist es immer stressig und kein Tag dauert unter 14 Stunden. Beim nächsten Job ist Nase bohren angesagt.

Auf der einen Baustelle ist vielleicht mein Lieblingskollege dabei, dafür kann ich bei einem anderen Kunden meinen Hund mitnehmen.

Kein Job ist perfekt, kein Auftraggeber kann alles, alle haben etwas was ich mag, sonst würde ich nicht für sie arbeiten, aber wäre es immer nur der eine, würde mir ganz schnell irgendetwas auf die Nerven gehen.

Ich mag Abwechslung. Und das ist nicht unbedingt bei jedem so. Ich kenne Menschen, die lehnen jede Form von Veränderung ab. Ist auch okay. Wir sind halt verschieden.

Für mich wäre es nicht auszuhalten, immer dasselbe auf dieselbe Art mit denselben Menschen tun zu müssen. Ich würde akut an Hospitalismus erkranken und mit meiner Lampe stundenlang auf und ab schreiten.

Natürlich tue ich im Endeffekt immer dasselbe. Mehr oder weniger.

Aber einmal fange ich um 8 an und arbeite 14 Stunden, ein anderes Mal fange ich um 10 an und um 18 Uhr kommt eine Spätschicht und löst mich ab. Einmal ist der Truck ausgeladen, wenn ich ankommen, beim nächsten Mal muss ich ihn selbst leer machen. Der eine Auftraggeber will für alles einen Schein sehen, der andere schießt quer aus der Hüfte und versinkt im Chaos. Beim Einen ist alles so durchgeplant, dass ich kaum noch selbst denken muss, der andere kippt einen Haufen Technik ab und meint, ich wüsste schon, wie ich das ans Laufen bekomme. Beim einen gibt es immer Top Catering, beim anderen schmiere ich meine Stulle und berechne dafür Spesen.

Und auch hier ist nichts besser als das andere. Wäre der Truck immer leer, würde ich mich über kurz oder lang danach sehnen, mal wieder so richtig anpacken zu dürfen. Müsste ich jedes Mal den Truck leer machen, würde mich das aber auch nerven.

Die Mischung ist es, die meinen Arbeitsalltag so bunt macht.

Derselbe Kollege begegnet mir auf dem einen Job als TL, auf dem anderen Job hängen wir zusammen Lampen und eine Woche später habe ich die Hosen an. So entstehen nicht so einfach Hierarchien und lästige Hackordnungen, wie in Strukturen, wo immer dieselben Menschen weisungsbefugt oder –gebunden sind.

Manchmal kommt es vor, dass ich zur Vorbereitung des einen oder anderen Projektes mal einen längeren Zeitraum in das Büro eines Auftraggebers fahre und dort am Büroalltag teilnehme.
So etwas mag ich ganz gerne, denn man lernt die Kollegen noch ein wenig näher kennen. Außerdem kann ich den Hund mitnehmen. Doch es dauert meist nicht lange, bis es irgendwo hakt.

Wenn die Kollegen dann anfangen zu lästern oder sich über dies und das zu beschweren, vor allem über die Überstunden, sind das Momente in denen ich froh bin, mich damit nicht tiefer beschäftigen zu müssen.
Wenn ich länger bleibe, kostet das einfach mehr und wenn ich das Gefühl habe, ungerecht behandelt zu werden, arbeite ich einfach in Zukunft für wen anders.

Frei sein ist unverbindlicher.

Aber nehmen wir mal an, es gäbe die perfekte Firma, wo niemand lästert und die Torblenden an den Lampen bleiben. Und nehmen wir des Weiteren an, dass diese Firma mir eine Festanstellung für großes Geld und ohne Überstunden anbieten würde, einen perfekten Deal also. Da bleibt immer noch ein kleiner Rest-Bauchschmerz übrig.

Nämlich der Fakt, dass ich nicht mehr für all die unperfekten Auftraggeber arbeiten könnte.
Die mit dem nervigen Kollegen zum Beispiel und den selbst zu entladenden Trucks, wo Netzkabel extra gepackt sind und kein Tag unter 14 Stunden ist.
Mein Leben wäre so viel weniger bunt.

Was ist mit dem anderen Aspekt, der Sicherheit? Der scheint ja offenbar nicht unwichtig zu sein, denn sonst würden die Festangestellten ja die vielen Überstunden und andere nervige Details nicht in Kauf nehmen.

Ich bin mir der Tatsache durchaus bewusst, dass ich die erste bin, die aus einem Budget herausgenommen wird, wenn das Geld knapp wird. Das ist ganz klar. Und es ist auch klar, dass ich mir als Freie nicht so viel herausnehmen kann, weil ich nicht gekündigt werden muss, wenn man mich loswerden möchte. Benehme ich mich daneben, geraten die Folgejobs ins Schwanken.

Auch gibt es Zeiten mit mehr Geld und welche, in denen ich weniger habe, was viele Menschen ebenfalls als Unsicherheit empfinden.
Sicherheit ist für mich natürlich auch wichtig. Davon möchte ich mich überhaupt nicht freisprechen. Es ist nur wahrscheinlich so, dass sie für mich etwas anderes ist als für viele Festangestellte.

Für mich ist es wichtig, dass die Menschen für die ich arbeite, gerne mit mir arbeiten. Dazu gehört für mich genauso, einen soliden Job abzuliefern wie ein netter Mensch zu sein. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich das in den meisten Fällen liefern kann, dann gibt mir das Sicherheit.

Es ist auch wichtig, die eigenen Stärken zu kennen und kommunizieren zu können, denn dann wird man nicht an Stellen eingesetzt, wo man nicht gewinnen kann. Auch das ist Sicherheit.

Vielseitigkeit in dem was ich tue ist eine große Sicherheit für mich, da ich so viele Möglichkeiten und auch mehr Auftraggeber habe und nicht zuletzt empfinde ich Sicherheit durch einen breiten Fächer an Kontakten.

Womit ich mich wohlfühle, was zu viel und was zu wenig Sicherheit oder Freiheit ist, kann sich unter Umständen auch schon einmal ändern. Inzwischen bin ich ein paar Jährchen älter und muss feststellen, dass Freiheit zunehmend unwichtiger und Sicherheit immer interessanter wird.

Aber auch Kollegen mit Kindern werden bestätigen können, dass Prioritäten sich manchmal verändern.

Letztlich ist das freie Arbeiten für mich persönlich eine Form, unterschiedlich auf verschiedene Lebenssituationen reagieren zu können und dabei möglichst viel zu erleben. Wobei die eigenen Fähigkeiten und die Erfahrungen aus zwanzig Jahren Selbständigkeit mir ausreichend Sicherheit geben.

Ethik und Grenzen

Letztens bekam ich eine Anfrage für einen Job in Berlin im Hotel Maritim.

Ich sagte zu.

Später erst fiel mir auf, dass mein Auftraggeber mir gar nicht, wie sonst meist üblich, den Endkunden genannt hat und ich bekam ein beklemmendes Gefühl, denn so etwas passiert meistens dann, wenn der Auftraggeber meint, ich würde den Job nicht annehmen, würde ich den Endkunden kennen.

Ich rief also meinen Auftraggeber an und teilte ihm geradeheraus mit, dass ich unter keinen Umständen für die AfD arbeiten werde, jetzt nicht und überhaupt nicht.

Das war das allererste Mal, dass ich diese Grenze ziehen musste.

Und das bringt mich jetzt zu der Frage, wo diese Grenze, die ja bei jedem Menschen wahrscheinlich woanders ist, denn bei mir liegt?!

Ich bin sehr politisch, habe Grundsätze, eine Meinung und versuche, so gut es eben geht (manchmal geht es eben nur mittelgut), auch treu dieser Grundsätze zu leben.

Dazu gehört, dass ich nicht bei amerikanischen Fastfoodketten esse, nicht bei Billig-Klamotten-Ketten einkaufen gehe, lokale kleine Geschäfte unterstütze und nicht die AfD wähle.

Obwohl ich aber zum Beispiel mein Geld in keine amerikanischen Fastfoodketten trage, kommt es vor, dass ich für diese Fastfoodketten arbeite. Damit habe ich kein Problem. Genauso wenig habe ich ein Problem, wenn Ihr dort essen geht.

Ich hätte aber ein Problem damit, wenn Ihr die AfD wählt.

Nun leben wir in einem Land, in dem Meinungsfreiheit herrscht und leider dürfen eben auch AfD-Wähler ihre Meinung frei äußern.

Das finde ich vom Grundsatz her okay, ich möchte ihnen aber nicht dabei helfen.

Jetzt kommt wahrscheinlich irgendein Schlaumeier und sagt, dann dürfe ich ja auch nicht mehr für die CSU arbeiten, die währen ja auch nicht viel besser.

Und da fängt mein Problem an. Wo ist diese Grenze, die da auf einmal im Raum steht.

Wenn ich jetzt nur noch für Firmen arbeiten würde, hinter deren Inhalten ich zu hundert Prozent stehe, wäre ich arbeitslos.

Die großen Automobilhersteller wären alle raus, die Pharmakonzerne, so gut wie alle Parteien, ja selbst so eine Veranstaltung wie der UN Klimagipfel, den ich grundsätzlich für eine tolle Sache halte, wäre auf Grund seiner Ausführung (wie bereits berichtet) irgendwie raus.

Es ist mir also nicht möglich, die Grenze da zu ziehen, wo ich sie eigentlich gerne hätte.

Ein Kompromiss muss her.

So wichtig, wie ich es finde, dass diese Grenze bei mir existiert, so wichtig finde ich es auch, dass sie nicht zu starr ist.

Im Industriesegment meiner Branche geht es nun einmal darum, großen Konzernen bei der Ausführung ihrer Veranstaltungen zu helfen. Das ist der Job, den ich mache.

Große Konzerne sind per se immer ein wenig dubios was Ethik angeht, sonst wären sie wahrscheinlich nicht groß geworden. Kleine Firmen oder Vereine haben meistens nicht das Geld, Veranstaltungen in der Größe zu machen, dass sie überhaupt jemanden wie mich brauchen.

Es ist also grundsätzlich schonmal so, dass ich mit meiner Arbeitskraft nicht den Weltfrieden unterstütze. Leider.

Es gibt aber Dinge – die ich so schlimm finde – und die sind von Natur aus bei jedem Menschen anders –  so Dinge wie Waffenexporte in Kriegsgebiete, Massentierhaltung, Diskriminierung von Minderheiten etc., dass ich Menschen, die so etwas tun, nicht mit meiner Arbeitskraft unterstützen möchte.

Jetzt kommt direkt der nächste Besserwisser und erklärt mir, dass das überhaupt nichts bringt, denn dann würde den Job halt jemand anders machen.

Stimmt nicht ganz.

Ja, den Job würde sehr wahrscheinlich jemand anders machen.

Aber:

Kein einziger solider Techniker, den ich kenne, würde für die AfD arbeiten. Das bedeutet, dass die sich irgendeinen zweitklassigen Techniker dahinstellen müssen der den Job im besten Falle nur deswegen macht, weil er so schlecht ist, dass er zu wenig Jobs hat und das Geld dringend braucht. Und das wird sich in der Qualität der Veranstaltung bemerkbar machen.

Es wird nicht an den Veranstaltern vorbeigehen, wie schwierig sich die Personalsuche gestaltet und auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist, so ist doch jede Erinnerung daran gut, dass „das Volk“ nicht hinter der AfD steht.

Außerdem. Der Blick in den Spiegel.

Vielleicht tickt da manch einer anders, aber ich ertrage mein Spiegelbild einfach besser, wenn ich weiß, dass ich bei solchen Sachen nicht mitmache.

Daher wird man mich nicht nur niemals auf einem AfD Parteitag sehen, sondern auch nicht bei Rheinmetall oder bei Wiesenhof, außer natürlich als Huhn verkleidet zusammen mit einer Aktivistengruppe der Animal Liberation Front.